Für ein bisschen Ruhm

Jens Büchner, bekannt als «Mallorca-Jens», war einer, der sich fürs Reality-Fernsehen abschaffte. Bis fast zum Schluss liess er sich beim Scheitern filmen.

Jens Büchner, genannt «Mallorca-Jens», wurde 49 Jahre alt. (Foto: dpa)

Jens Büchner, genannt «Mallorca-Jens», wurde 49 Jahre alt. (Foto: dpa)

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«Mallorca-Jens» ist tot. Das klingt ein bisschen wie: Jacko ist tot. Als müsste nun jeder genau wissen, um wen es sich handelt. Der Vergleich ist natürlich grandios vermessen – und Jens Büchner, der Mann, den alle nur «Mallorca-Jens» oder «Malle-Jens» nannten, wäre der Erste gewesen, der das zugegeben hätte.

Er war schliesslich nicht deshalb bekannt, weil er etwas leistete, sondern weil er beständig versagte. 2017 war Büchner einer der Kandidaten in der RTL-Sendung «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!». Andere nehmen dort teil, weil ihre besten Zeiten vorbei sind. Für Büchner war das Dschungelcamp ein Karrierehöhepunkt. Und er lieferte ab, für was er eingekauft worden war: ein Bild menschlichen Elends.

In einer Folge hing Büchner in einem Klettergeschirr über dem australischen Busch und zog sich mühsam an einem Seil vorwärts. Es war einer jener Momente des Trash-Fernsehens, der Rezensenten dazu verleitet, Sätze zu schreiben wie: «Er war ein Sinnbild der Widrigkeiten des Seins.» In Wahrheit kämpfte Büchner einfach nur mit seiner Wampe. Nach einigen Minuten brach es aus ihm heraus: «Meine Fettsucht kotzt mich an!»

Er tat, was funktionierte

Nun war «Mallorca-Jens» nicht wirklich adipös. Sein Körper, wenn er im fleckigen Unterhemd am Campfeuer stand, wirkte eher, als zerre die Schwerkraft an jeder Hautfalte. Als habe jemand unsichtbare Tischtuchbeschwerer an Tränensäcke, Hals und Bauch geklipst. Jens Büchner war ein Durchschnittsmann mittleren Alters, der sich selbst mitleidslos karikierte. Selbstironie hat im besten Fall auch etwas Verständiges, Verzeihendes – bei Büchner reduzierte sie sich aufs blosse Lächerlichmachen der eigenen Person.

Vielleicht verstand «Mallorca-Jens» nicht in Gänze, was er sich da antat. Aber eines kapierte er: Das, was er tat, funktionierte. Sicherte ihm Fernsehengagements und Auftritte am Ballermann. Sein grösster Hit, «Pleite aber sexy», wird wohl auch in diesem Jahr wieder auf den Après-Ski-Hütten von Sölden bis Saalbach-Hinterglemm gespielt werden.

Eine perfekte Midlife-Crisis-Vita

Bekannt geworden war Büchner als Protagonist der Vox-Dokuserie Goodbye Deutschland. Das Format begleitet Auswanderer in ihre neue Wahlheimat – am liebsten solche, die weder über Sprachkenntnisse noch einen Businessplan oder finanzielle Reserven verfügen.

Büchner, gebürtig aus Sachsen, gelernter Finanzwirt, war wie gemacht für die Sendung. Als er sich um 2010 herum bei Goodbye Deutschland bewarb – oder dafür gecastet wurde, so genau ist das nicht überliefert –, konnte er eine perfekte Midlife-Crisis-Vita vorweisen: einmal verheiratet, zwei Kinder, neu liiert mit einer 17 Jahre jüngeren Frau, ein Kind.

Alles ging in die Brüche

Als er 2010 mit seiner damaligen Lebensgefährtin Jenny und dem gemeinsamen Sohn Leon nach Mallorca zog, begleiteten ihn zum ersten Mal die Kameras. Sie waren dabei, als Jens seiner Jenny einen Heiratsantrag machte, auf einem Felsen vor mallorquinischem Sonnenuntergang.

Und sie hielten ganz nah drauf, als diese Beziehung und mehrere folgende Affären in die Brüche gingen. Als Büchner sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, als Schmuckdesigner, Verkäufer von Heizungen, Badehosenmodel und Hotelier. Als er aus lauter Verzweiflung über eine vermeintliche Krebserkrankung am Ballermann 17'000 Euro versoff. Das erzählte er zumindest der Bild-Zeitung.

Alles für die Quote, alles fürs Fernsehen

Viele liebten «Malle-Jens», weil er so offen zugab, ein Verlierer zu sein. Vielleicht weil er in seinen Misserfolgen zutiefst menschlich wirkte. Manche verachteten ihn wohl genau dafür.

Fast ein Jahrzehnt lang schaffte sich Büchner ab fürs Reality-Fernsehen. Er ging ins Dschungelcamp, machte mit beim Perfekten Promi Dinner und zog, noch in diesem Sommer, ins RTL-Sommerhaus der Stars. An seiner Seite: seine neue Frau Daniela. Die beiden hatten sich 2015 auf dem Delmenhorster Stadtfest kennengelernt, bekamen im Jahr darauf Zwillinge, Jenna Soraya und Diego Armani, eröffneten ein Café und mussten es wieder schliessen.

So authentisch anrührend Büchner in seinen Anfängen bei Goodbye Deutschland in seiner ganzen Kümmerlichkeit mitunter erschien, so abgezockt wirkte er zuletzt bei seinen TV-Engagements. Alles für die Quote, alles fürs Fernsehen.

«Sie lästern, also bin ich»

Dafür lebte Jens Büchner. Nicht für den grossen Ruhm – vielleicht ist das eines der grössten Missverständnisse, wenn es um sogenannte Trash-Promis geht. Menschen wie «Malle-Jens» geben sich mit ein bisschen Ruhm zufrieden. Und er muss noch nicht mal glänzen, sie nehmen dankbar das, was übrigbleibt. Angelaufenen Resterampe-Ruhm.

Wenn sich Prominenz einzig aus maximaler Sichtbarkeit speist, kann selbst Häme als Aufmerksamkeitsbeweis gelten. Als ein Bild-Reporter Büchner auf Hasskommentare im Netz ansprach, sagte der: «Sie lästern, also bin ich.»

Viele kannten ihn

Nein, man musste «Mallorca-Jens» nicht kennen. Aber die Wahrheit ist auch: Viele Fernsehzuschauer kannten ihn (ob sie das nun offen zugaben oder nicht). Allein das Dschungelcamp 2017 sahen im Schnitt 6,7 Millionen Menschen. Und am Ende verdient auch ein Reality-TV-Darsteller von jenen einen Abschiedsgruss, die von ihm profitiert haben. Ob nun in Quoten, Schlagzeilen oder Klicks.

Jens Büchner ist am Samstag nach kurzer schwerer Krankheit mit nur 49 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Frau Daniela und fünf leibliche sowie drei Stiefkinder.

Erstellt: 18.11.2018, 15:27 Uhr

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