Gespenster der Vergangenheit

Normalerweise behandelt der «Tatort» aktuelle Themen. Diesmal aber ging es um den RAF-Terrorismus.

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Was hat eine bereits obduzierte Leiche einer ertrunkenen Frau mit der deutschen Terrororganisation RAF zu tun? Mit dieser Frage schlug sich gestern das «Tatort»-Team aus Stuttgart herum. «Der rote Schatten» zeigte fiktive Ereignisse in der heutigen Zeit, die ihre Ursachen im Deutschen Herbst von 1977 hatten. Damals trieben linksradikale Terroristen ihr Unwesen, deren Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen in der Haftanstalt Stammheim den Tod fanden.

Steckte Wilhelm Jordan, der Lebensgefährte der angeblich ertrunkenen Frau, hinter ihrem Tod? Davon war der Ex-Gatte des Opfers überzeugt. Jordan soll nämlich einmal als V-Mann für den Verfassungsschutz gearbeitet haben und wurde als solcher gegen die RAF eingesetzt. Und es deutete auch einiges darauf hin, dass er selber einmal der Terrororganisation angehörte. Brachte er seine Freundin um, weil sie zu viel wusste oder gings um Geld? Diese Vermutungen erhärteten sich, als sich Oberstaatsanwalt Lutz persönlich in den Fall einschaltete und die Ermittlungen zum Erliegen bringen wollte. Auch wurden die beiden Kriminalhauptkommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) bei ihren Ermittlungen vom Verfassungsschutz beobachtet.

Ungewöhnliche historische Aufnahmen

Regie in diesem ungewöhnlichen «Tatort» führte Dominik Graf, einer der renommiertesten deutschen Regisseure. Das Drehbuch schrieb Rolf Basedow, die beiden haben die knallharte, realitätsnahe Mafiaserie «Im Angesicht des Verbrechens» produziert. Auch der «Rote Schatten» trägt ihre Handschrift; selten hat man einen derart politischen und anspruchsvollen «Tatort» gesehen. Nur schon die Anspielungen: Mehrere Male wurde im Film auf das Theaterstück «Der Diener zweier Herren» des italienischen Dramatikers Carlo Goldoni verwiesen – etwa durch Ausschnitte der Aufführung am Württembergischen Staatstheater Stuttgart aus dem Jahr 1978 unter Intendant Claus Peyman. Der war damals selbst durch seine Nähe zur RAF unter Druck gekommen.

Die Ereignisse, auf denen der neuste «Tatort» aufbaute, liegen genau vierzig Jahre zurück. Es gab denn auch, was für einen «Tatort» eher ungewöhnlich ist, viele historische Aufnahmen im Film zu sehen. Für historisch wenig bewandte Zuschauer war dieses Spiel mit der Geschichte jedoch ziemlich anspruchsvoll. Zusätzlich zur speziellen Form wurde das Verständnis dadurch erschwert, dass die – längst zu Beweisen erhärteten – Indizien des kollektiven Suizids der ersten RAF-Generation in Stammheim infrage gestellt und die Spekulationen über die staatlich angeordneten Morde an Baader & Co. weiter gesponnen wurden.

Ein Geschichtsbuch – oder zumindest Wikipedia – in Reichweite zu haben, war gestern sicher keine schlechte Idee. Doch wieso nicht – leicht verdauliche Sonntagabendunterhaltung bietet der «Tatort» sonst ja zu Genüge.

Erstellt: 15.10.2017, 21:45 Uhr

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