Der SVP-Mann und das «huere Soupuff»

Eine SRF-Serie schickt Nationalräte in Feindesgebiet. Zuerst: Ueli Giezendanner.

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Haben die Politiker den Bezug zum Volk verloren? Braucht es mehr Austausch? Diese Fragen versucht das SRF in den nächsten Wochen mit einem Experiment zu beantworten. Im Rahmen der neuen Reihe «Heimatland» begeben sich in der vierteiligen Serie «Vier zum Volk» Nationalräte für ein paar Tage in ein Umfeld, das ihnen politisch fremd ist. Den Auftakt machte gestern SVP-Nationalrat Ueli Giezendanner. Der Aargauer Transportunternehmer kämpft für mehr Parkplätze und Kapazitätsausbau im Strassenverkehr. Und natürlich hasst er Geschwindigkeitskontrollen («Abzockerei»). Ihn, den Verkehrspolitiker, der seinen Frust abreagiert, indem er an seinen 37 Nostalgie-Lastwagen herumklöppelt, schickte das Fernsehen auf Streife mit der Kantonspolizei Uri.

Zuerst durfte Giezendanner bei einem Nahkampftraining mitmachen. Offensichtlich wollte er dem Instruktor eins auswischen und legte sich wie ein Schwinger ins Zeug, wurde aber zweimal aufs Kreuz gelegt. Dem 63-Jährigen blieb nur der kleinlaute Verweis auf sein fortgeschrittenes Alter. Danach gings auf die Strasse – Einbruchalarm. Mit Blaulicht fuhr man in einem Einfamilienhausquartier in Altdorf ein, doch der Einbrecher war schon geflüchtet.

Aber Obacht! Eine halbe Stunde später ging über Funk ein Hinweis auf einen verdächtigen «Ostblocktypen» ein. Die Polizisten stellten ihn. Giezendanner mischte sich nicht ein, wartete ab («sieht aus wie ein Gauner, aber ist vielleicht nur ein armer Kerli»). Der Sprecher im Off-Kommentar findet das bemerkenswert, ebenso die Polizisten: Von einem Politiker habe man sich ein anderes Verhalten erwartet. Bloss, was denn? Dass Giezendanner das Zepter übernimmt und dem Verdächtigen, der, wie sich später herausstellte, unbescholten war, Handschellen umlegt und «Pristina einfach» poltert?

Heimattümelei funktioniert

Die Szene zeigte gleichermassen Schwäche und Stärke der Sendung auf. Dass in «SRF Heimatland – Vier zum Volk» ein Politiker an Situationen herangeführt wird, die er in seinen Reden simplifiziert oder schönredet, ist spannend. Doch was hat die Polizei mit dem Volk zu tun? Und was mit dem Heimatland? Der Sendungstitel klingt, als hätte Joseph Goebbels mitkonzeptet. Doch Hauptsache Heimattümelei, auch wenn diese dann aus Urner Verkehrskontrollen besteht. Bloss nicht den Eindruck erwecken, man sei elitär oder allzu urban. Sonst könnte man ja die mächtige ländliche Wählerschaft vergraulen – gerade vor der No-Billag-Abstimmung wäre das eine Katastrophe.

Was am Sendekonzept weiter irritiert: Wir leben in populistischen Zeiten, allenthalben schaut die Politik den Leuten aufs Maul, nach dem Motto: Unsere ein bisschen einfacheren Mitbürger verstehen das alles nicht, wenn wir uns nicht ein wenig volksnaher geben. Nationalräte mit dem Volk zusammenzubringen, ist da überflüssig. Zumal in der Schweiz, wo selbst Top-Magistraten mit der SBB unterwegs sind.

Oder ist das Ganze eher unterhaltend gemeint – im Stile einer Promi-Homestory? Tatsächlich wurde der erste Teil der Serie zur grossen Ueli-Giezendanner-Show. Zwar war es ihm peinlich, als ein PKW-Fahrer für eine Geschwindigkeitsübertretung gebüsst wurde und er neben den Polizisten stand. Aber bei der Lastwagenkontrolle blühte der Saurer-Fan auf und kritisierte das ungepflegte italienische Vehikel, parlierte mit dem Fahrer, kniete sich hin und untersuchte die Pneus, kraxelte sogar unter den Lastwagen und untersuchte die Bremsscheiben (wobei er sich fast die Hand verbrannte). Auch den Wagen zweier Kiffer kontrollierte Giezendanner («huere Soupuff»), fand aber keine Drogen. Danach hatte er genug vom Volk und zog Bilanz: «Diese Drögeler gehen mir auf die Nerven. Ich will heim. Und es gäbe Gescheiteres zu tun, als Verkehrskontrollen zu machen. Aber die Autofahrer sind halt die Milchkühe.»

Der Nationalrat hat offenbar keine neue Erkenntnis gehabt, der Zuschauer auch nicht, aber er wurde in einem alten Spruch von Jacob Burckhardt bestätigt: Es hat auch der Verdienstvollste der Heimat mehr zu danken als diese ihm.

Erstellt: 07.04.2017, 08:20 Uhr

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