Gnade

Jedes Jahr wieder, die grosse Helene-Fischer-Show im Fernsehen. Es ist ein Abend in der Teflon-Edition: praktisch, abwaschbar, wiederverwendbar.

Helene Fischer kann alles – auch fliegen. Aber muss das sein?

Helene Fischer kann alles – auch fliegen. Aber muss das sein?

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Helene Fischer ist Vollprofi. Sie weiss, wie man eine Show richtig startet. Zu Beginn singt sie deshalb gleich ihren Überhit. Erstmal Stimmung in die Bude bringen. Sie macht damit deutlich, dass sie in den nächsten drei Stunden nicht kleckern will. Vollbedienung heisst ihr Motto. Keiner soll die Messehalle in Düsseldorf verlassen und nicht beeindruckt sein von dieser alljährlichen Leistungsschau der deutschen Schlager-Galionsfigur.

Mit «Atemlos» legt Fischer deshalb los und stürmt gleich raus auf den Catwalk, mitten in die Halle. Es folgt ein Potpourri ihrer Powerhits, die voller Ohohos sind, diesen Mitsinganreizen für Merkfaule. Sie liefert dazu diesen zuverlässigen Discofox-Bassdrumbeat, der den Menschen signalisiert, dass sie zumindest für die Dauer des jeweiligen Liedes vor Überraschungen gefeit sind. «In meinem Kopf ist eine Achterbahn», singt Fischer. Sachbearbeiter-Lyrik halt.

Präsentiert wird das am ersten Weihnachtsfeiertag auf SRF, ZDF und ORF in opulent aufgeblasener Top-Model-Ästhetik mit jeder Menge Pyrokram. Explosionen hier, Feuerwänden da. Es geht Schlag auf Schlag, keine Hänger erlaubt. Eine Windmaschine durchwühlt immer wieder ansehnlich das volle Blondhaar der Protagonistin, und eine mit schwindelerregender Geschwindigkeit durch die Halle fliegende Spider-Cam macht optisch deutlich, dass man als Fernsehzuschauer diese Show quasi von erhöhter Warte verfolgt.

Hier wird mit ganz grosser Münze gezahlt, und technisch werden alle Register gezogen. Kein Vergleich mit den ganzen Schlager simulierenden Stampfshows, die sich derzeit in den dritten Programmen mit Möbelhaus-Charme breitmachen.

«Ich wollte mich nie mehr verlieben»

Nach einer guten halben Stunde hat La Fischer schon die Liste der grössten Gaststars von Eros Ramazzotti bis Luis Fonsi einmal halb durchgerattert, dann kommt ein Lied, das natürlich gerne als Aussage zum neuen Mann an ihrer Seite gelesen wird. «Ich wollte mich nie mehr verlieben», singt sie, und natürlich wird das als erstes Statement genommen, eines, bei dem man mutmassen kann, ob es Florian Silbereisen, ihrem verlassenen Partner, möglicherweise wehtun wird. Es werden noch mehr solcher Momente folgen, bei denen man sich fragen kann, ob das nun eine Anspielung auf die kürzlich bekannt gewordene Trennung des so genannten Traumpaares ist oder nicht.

Keine Frage, hier wird durchweg auf Überdosis gesetzt. Diät war gestern. Mehr Lichtreize und mehr Effekte sind sonst nur beim Eurovision Song Contest zu bestaunen. Helene Fischer bleibt nur ganz knapp hinter diesem Massstab zurück, sie ist quasi der Einfrau-ESC, der die Fernsehnation stets zu Weihnachten beglückt. Die achte Eurovisionsshow sei das nun schon, sagt sie und begrüsst die Zuschauer in Österreich und der Schweiz.

Kurz danach singt sie «Wer ist schon fehlerfrei?», und natürlich ist das eine rhetorische Frage, weil die Antwort ja auf jeden Fall Helene Fischer heisst. «Ich bin wahnsinnig aufgeregt», behauptet sie, aber man spürt das nicht. Alles geht ihr zu glatt über die Lippen. Wenn Perfektion einen Namen hat, dann lautet der Helene Fischer. Sie ist eindeutig die Mrs Perfect im deutschen Show- und Schlagergeschäft. Bei ihr ist Makellosigkeit Programm.

Helene Fischer macht eben alles. Vielseitigkeit könnte ihr zweiter Name sein. Sie singt, sie tanzt, sie turnt, sie lässt sich verzaubern, sie gibt alles. Immer. Doch bei aller Präzision bleibt da stets diese gewisse Kühle in der Präsentation, eine Art emotionales Reinraumerlebnis, das den Eindruck vermittelt, man könne auch nach einer anstrengenden Tanznummer in ihren Achselhöhlen Halbleiter fertigen.

Hier wird nichts dreckig, hier wird Dreck höchstens behauptet

Das ist aus sportlicher Sicht mehrfach bemerkenswert. Sie wirbelt mit Tänzern atemberaubend über die Bühne. Und hangelt dann am Trapez zwischen fauchenden Dinosauriern durch die Luft. Früher lautete das olympische Motto «schneller, höher, weiter», heute müsste es «Helene Fischer Show» heissen.

Allein, wenn getanzt wird, dann gleicht das besonders bei den Grossaufmärschen des Fischer-Balletts oft eher rhythmischer Sportgymnastik als einem lasziven Move auf dem Shiny Floor. Es fehlt so etwas wie das gewisse Etwas, eine zweite Ebene, der entscheidende Tropfen Schweiss, der kurz Zweifel sät, ob wirklich alles glatt gehen wird. So etwas braucht es, wenn man nicht sein ganzes Talent in der Kategorie Teflon-Pop verbraten will. Praktisch, abwaschbar, wiederverwendbar. Hier wird nichts dreckig, hier wird Dreck höchstens behauptet.

«Wie man sich trennt»

Zudem folgt die Show keiner besonderen Dramaturgie. Sie koppelt einfach so lange Sensation an Sensation, bis auch der allerletzte Zuschauer vor lauter Atemlosigkeit erschöpft in seinen Sitz zurücksinkt. Fischer trällert Duett mit jedem, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, von Ramazzotti über Maite Kelly bis Florian David Fitz. Sie spielt zum Thema «Wie man sich trennt» einen halbgaren Schlager-Sketch mit Olaf Schubert, was ungefähr so lustig ausfällt wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Und dann steht sie irgendwann mit Luis Fonsi auf der Bühne und singt «Despacito», den milliardenfach abgerufenen Welthit. Sie tanzt mit Fonsi, sie spielt sexy, aber mehr als Kantinen-Erotik will da nicht aufkommen.

Vor allem aber leidet die Show unter den atemlosen Schnitten zwischen den einzelnen Nummern, die sehr lieblos wirken, weil Fischers Kostümwechsel auf dem Bildschirm in Sekundenschnelle funktionieren, also schneller als ein realer Mensch sich je wird umkleiden können. Natürlich weiss man, dass solch eine Riesenshow ihren Aufwand hat, dass es Pausen braucht, die in einer fertig geschnittenen Fernsehshow keinen Platz haben, weil die ohnehin schon über dreistündige Sendung sonst bis tief in die Nacht dauern würde.

Aber eine gute Show lebt auch von einer gewissen inneren Logik, einem Gefühl, dass etwas stimmig inszeniert wurde. Aber diese Stimmigkeit geht verloren, wenn Dinge passieren, die nach normalem Empfinden so nicht passieren können. Es ist jedes Mal nur eine kleine Nachlässigkeit, aber in der Summe lassen sie doch den Eindruck keimen, dass sich die Regie da ordentlich verhoben hat.

Auf der Zielgraden singt Helene Fischer noch ein Duett mit Schauspieler Kiefer Sutherland und sagt zum gefühlt hundertsten Mal «Mein Lieber». Dann setzt sie noch einen drauf und holt Paola Felix auf die Bühne, mit der sie «Blue Bayou» intoniert. Dann sagt sie Paola, dass sie sie so toll findet, und Paola sagt, dass Fischer der Fixstern am Showhimmel sei. Was man sich halt so zu sagen hat vor einem Millionenpublikum.

«Nur mit dir» singt Fischer schliesslich zum Finale, wieder eine der vielen Anspielungen. Dazu regnet es Glitzer und die Zuschauer schwenken Luftballons. Nach drei Stunden und acht Minuten ist es dann geschafft. Dann sind alle geschafft. Nur eine nicht. Helene Fischer sieht immer noch aus, als wolle sie jetzt erst richtig loslegen. Gnade.

Erstellt: 26.12.2018, 12:09 Uhr

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