Heidi ist der Häuptling im Macho-Dorf

Die diesjährige Siegerin von «Germany's Next Topmodel» steht fest. Vor allem aber zeigt die Finalshow: Dieser Abgrund an Menschenfeindlichkeit gehört abgeschafft.

Der Moment, als Toni (rechts) erfährt, dass sie die GNTM-Staffel 2018 gewonnen hat: In der Mitte steht mit Heidi Klum ein Model, das viel Geld mit Toni machen will. (Bild: Getty Images)

Der Moment, als Toni (rechts) erfährt, dass sie die GNTM-Staffel 2018 gewonnen hat: In der Mitte steht mit Heidi Klum ein Model, das viel Geld mit Toni machen will. (Bild: Getty Images)

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Auf Instagram hat sie knapp 350'000 Follower, auf dem Laufsteg folgt ihr das eigene Initial. Kein Wunder also, dass Klaudia (mit K!) die beste Personality hat. «Personality» heisst so viel wie Persönlichkeit, Individualität, Charakter. Im Finale von «Germany's Next Topmodel» ist der Award für «beste Personality» ein Trostpreis. Worauf es hier wirklich ankommt, ist nicht Persönlichkeit, Individualität, Charakter. Sondern Leistung. Das wird Heidi Klum auch an diesem Finalabend nicht müde zu betonen.

Wir schreiben das Jahr 2018, das erste Jahr post «Me Too». Hollywoodproduzenten werden wegen sexueller Belästigung und Machtmissbrauchs angeklagt, Schauspielerinnen tragen aus Solidarität mit den Opfern Schwarz, der Literaturnobelpreis wurde ausgesetzt. Die Welt diskutiert wie nie zuvor über Gleichberechtigung.

Nur ein kleines Dorf sexistischer, autoritärer und renitent oberflächlicher Showmacher verweigert sich dieser Diskussion und frönt hartem Drill, sexy Looks und Attitude, wie Heidi Klum es nennen würde. In diesem Dorf regnet es Rosen und Glitzerkonfetti, egale Sänger singen egale Songs und vier junge Mädchen laufen über den Laufsteg hin und her, als gäbe es kein Morgen. Ausserdem wird sich viel umarmt, gedrückt, geküsst. Muaaa! Das Dorf heisst nicht Gallien, sondern «Germany's Next Topmodel», Häuptling ist Heidi Klum, der schlimmste Macho von allen.

Seit 13 Jahren dasselbe Prinzip

Als würde sie von der Welt da draussen, von der Weinstein-Debatte, der Time's-Up-Bewegung oder einfach nur der Gleichberechtigung nichts wissen wollen, predigt Klum ihren «Meedchen» eines: gut aussehen, Klappe halten, parieren. Und wenn im Finale dann doch noch Personality zählt (aber nur für diejenigen, die schon ausgeschieden sind!), dann macht man das an den Instagramfollowern fest. Sally: 90'000, Gerda: 180'000.

Seit 13 Jahren folgt Klum in ihrer Show demselben Prinzip: möglichst formbare, austauschbare Mädchen vorführen und mit ihnen Geld verdienen. Ob sie nun Toni, Luisa oder Jacqueline heissen: Topmodel werden wollen sie alle, Topmodel wird keine von ihnen.


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Leistung zählt, nicht Individualität. Und mögen rein äusserlich die unterschiedlichsten Typen vertreten sein: Am Ende wird selbst die kantigste Kandidatin zum Model-Rohling rundgeschliffen. Alle anderen fliegen raus. Trixi war zu vorlaut, Sally zu ehrlich. Und so weiter. In der Finalshow dürfen dann auch ein paar Dragqueens mit Regenbogenfahne über die Bühne laufen, aber bitte schnell, schliesslich fliegt die erste Finalistin gleich raus. Gewonnen hat dann die 18-jährige Toni Dreher-Adenuga aus Stuttgart. Aber wen interessiert das morgen noch?

Und so feiern Heidi Klum und ihre Mannen ihr kleines, feines Fest der Oberflächlichkeit. Und verweigern sich der Welt da draussen nicht aus Überzeugung wie die Gallier, sondern aus purer Ignoranz. Aber nicht nur die Macher trifft Schuld. Auch jeden, der einschaltet. Bestätigt er doch damit ein Format, in dem jungen Frauen jegliche Individualität (spätestens mit dem berüchtigten Umstyling) und eigene Meinung aberkannt wird. Nicht umsonst bezeichnet Genderforscherin Stevie Schmiedel auf faz.net die Sendung als «eine der gefährlichsten im deutschen Fernsehen.»

Wer einschaltet, macht sich mitschuldig

Aber wie viele treffen sich abends, bei Weinchen und Chips, und schauen den angehenden Models beim Stolpern zu? Wie viele amüsieren sich, wenn der nächste Zickenkrieg ausbricht? Heidi Klums Modelzirkus ist ein verhängnisvolles Lagerfeuer, das Machtmissbrauch und Sexismus befördert. Und die meisten entgegnen, wenn man sie fragt, warum sie zuschauen, mit: Sie nähmen das ja nicht ernst. Ähnlich verhält es sich mit Menschen, die immer noch ungeniert das N-Wort verwenden, weil, sie «meinen es ja nicht so».

Man kann GNTM im Jahr 2018 aber nicht mehr ansehen ohne eine Haltung dazu zu entwickeln. Ohne sich einzugestehen, wie ungeniert junge Mädchen ausgenutzt und vorgeführt werden. Ohne zu erkennen, wie falsch und überholt dieses Format ist.

Philip Roth, vor zwei Tagen verstorben, liess die Welt vor sechs Jahren wissen, dass er von da an nicht mehr schreiben werde. Alles, was noch käme, wäre Mist, so der Schriftsteller. Wenn doch nur ein bisschen Philip-Roth-Haftigkeit auf Heidi Klum herabrieseln würde. Im Finale war es dann doch nur Konfetti.

Ausgerechnet Klaudia (mit K!) spricht dann die Worte des Abends. Als sie sich für den Personality Award bedankt, sagt sie: «Das Leben ist nicht immer positiv. Sorry Heidi. Wir sollten aufhören, ständig an uns zu zweifeln und uns kleinzumachen.» Aus dem Phrasensalat, den die Jury mit «Gib alles», «Weiter so» und «Du hast uns alle überrascht» fleissig bestückt, sticht dieser Appell positiv hervor. Aber leider ist für so viel Personality dann doch keine Zeit. «Ich muss dich leider abwürgen», meint Klum. Anders gesagt: The Show must go on. Das GNTM-Dorf muss schliesslich weiter Widerstand leisten. Mit Glitzer, Glitter, Feuerwerk.

Vielleicht sollte man dieses Dorf einfach niederbrennen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 25.05.2018, 10:06 Uhr

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