«Hello, my princess» – Liebesbetrug im Internet

Ein Dokfilm zeigt, wie internationale Betrügerbanden einsame Europäerinnen um ihr Vermögen bringen. Das ist vor allem eines: Ernüchternd.

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Am Ende verbrennt sie seine Fotos, spült die Asche die Toilette hinunter. Es ist das Einzige, was sie tun kann. Denn Daniel Hamilton, 51, britischer Schmuckhändler aus Berlin, wohlhabend und smart, gibt es nicht. Hinter dem vermeintlichen Traummann stecken Kriminelle aus Ghana. Zuvor hatte sich Brigitta Berger gewundert, dass ein Mann wie Daniel, «der war Champions League», sich auf der Datingplattform für sie interessierte. Seinen Schmeicheleien konnte sie sich nicht entziehen. Lernte Englisch, um besser mit ihm chatten zu können. Trug sein Foto mit sich, als sie zur Darmspiegelung ging und sich davor fürchtete. «I wish I was there by your side», schrieb Daniel. Schliesslich bat er sie um Geld, ein Notfall. Brigitta Berger wollte ihn nicht im Stich lassen; sie überwies insgesamt 20'000 Euro, ihre gesamten Ersparnisse.

Oder Anny Weiler, 73, praktische Kurzhaarfrisur, Lippenstift und Perlenkette. Eines Tages meldete sich über Facebook Brandon aus San Francisco, Architekt, verwitwet. «Hello, my princess». Man schrieb und telefonierte, Anny verliebte sich, genoss das Gefühl, begehrt zu werden. Irgendwann dann die Frage: «Kannst du mir helfen?» Eine dumme Sache, Geld und Kreditkarten seien ihm abhandengekommen. Anny konnte. Überwies rund zwanzigmal Geld. Den Betrag will sie nicht sagen, nur so viel: «Ich habe kein Geld mehr.»

Grosse Verliebtheit, riesige Ernüchterung

Anny und Brigitta sind zwei Protagonistinnen des Dokfilms «Betrogene Liebe», der gestern auf SRF ausgestrahlt wurde. Thema ist das Phänomen «Romance Scam», also Liebesbetrug auf Onlineplattformen. Dass immer wieder Menschen auf der Suche nach Liebe auf gefälschte Profile hereinfallen und dann in der Verliebtheit grosse Summen Geld überweisen, ist mittlerweile bekannt. Meist stecken dahinter internationale Betrügerbanden, oft aus afrikanischen Ländern.

Hört man von diesen Fällen, kann man sich meist des Eindrucks nicht erwehren, dass da jemand sehr naiv war. Wie kann man auf die schmalzigen Galanterien hereinfallen; wie kann man nicht nur die Warnungen aus dem eigenen Umfeld ignorieren, sondern auch das Bauchgefühl; wie kann es sein, dass man so grosse Vertrautheit und Verliebtheit übers Internet empfindet? «Mir würde das nicht passieren», denken viele.

Diesen Eindruck vermögen die Filmemacherinnen nur teilweise zu entkräften, obwohl sie sich sichtlich darum bemühen. Ein Psychologe erklärt («Man ist auf der emotionalen Überholspur»), eine Vertreterin der Polizei rät zur Anzeige, und wir erfahren, dass «Romance Scam» laut FBI an erster Stelle der Internetbetrügereien mit Schäden in Millionenhöhe steht. Eine Stärke des Films ist, dass die vier porträtierten Frauen nicht nur als Opfer auftreten, sondern reflektiert und selbstkritisch über das Erlebte sprechen. Sie müssen unvorstellbare Scham empfinden («War ich eigentlich Deutschlands dümmste Frau?», fragt sich Brigitta Berger). Dass sie dennoch vor die Kamera stehen, zeugt von Grösse. Gleichzeitig entsprechen sie dem Bild, das man gemeinhin von Liebesbetrug-Opfern hat: weiblich, nicht mehr ganz jung, etwas einsam. So bleibt der Film trotz starker Protagonistinnen leicht im Klischee verfangen. Gerne hätte man einen Mann gesehen, der dem Betrug aufsasss. Denn laut dem Dokfilm werden auch Männer Opfer. Und was ist mit jüngeren Frauen?

Auf den Spuren der Betrüger in Ghana

Spannend wirds auch da, wo es über das Leiden der Betrogenen hinausgeht. So kontaktiert das Filmteam einen Winterthurer Unternehmensberater, dessen Fotos von der Firmenwebsite geklaut und hundertfach für gefälschte Profile missbraucht werden. Er hat den Betrug mehrmals bei Google gemeldet, weil er sich erhofft, dass der Suchanbieter mittels automatischem Bildabgleich Fake-Accounts ausfindig macht. Doch passiert ist nichts.

Uschi Tschorn, eine weitere Betroffene, reist mit dem Filmteam nach Ghana – die Hauptstadt Accra ist ein Hotspot von Online-Liebesbetrügern – und will hinter die kriminellen Netzwerke blicken. Sie sitzt nachts im Internetcafé Schulter an Schulter neben den Betrügern, die gerade einsamen Europäerinnen die grosse Liebe vorschwindeln. Sie erfährt, wer hinter der lukrativen Betrugsmasche steckt: oft junge Männer mit Hochschulabschluss, aber ohne Perspektive. Und sie erlebt deren Skrupellosigkeit: Im Internet kursieren Videos von ihnen, wie sie mit Geldscheinen um sich werfen und mit ihren Tricks prahlen – im Wissen, dass nicht wenige ihrer Opfer an Suizid denken. «Das ist eine zusätzliche Ohrfeige», sagt Uschi Tschorn nach fünf Tagen Accra.

Und so bleibt am Ende des Films dasselbe Gefühl hängen wie bei ihr: Ernüchterung. Darüber, dass die Datingportalanbieter entweder nicht genug unternehmen oder tatsächlich machtlos sind. Darüber, dass keine der Betrogenen je ihr Geld wiedersieht. Und ein bisschen auch darüber, dass man als (nicht betroffener) Zuschauer immer noch nicht ganz versteht, wie man da bloss hineingeraten kann.

Erstellt: 28.09.2018, 13:11 Uhr

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