Hilfe, Kinder im Netz

Viele Eltern fürchten sich vor den Gefahren, denen ihre Kinder im Internet ausgesetzt sind. Der gestrige SRF-«DOK» trug nicht wirklich zur Beruhigung bei.

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Menschen haben Angst vor Dingen, die sie nicht kennen. Eltern haben Angst um ihre Kinder. Schwierig wird es, wenn beides aufeinandertrifft, und das tut es in der digitalen Welt, in der Kinder sich völlig selbstverständlich bewegen, während diese für viele Eltern fremd und somit furchteinflössend ist. Wie sollen sie ihre Liebsten denn beschützen, wenn sie nicht wissen, woher die Gefahr droht?

Wenn diese diffuse Angst plötzlich konkret wird wie im Sommer 2016, als der damals 12-jährige Paul aus dem Kanton Solothurn verschwand, erstarren landauf, landab Eltern in Angst und Schrecken. Der Junge hatte seinen späteren Entführer im Chat zum Computerspiel «Minecraft» kennen gelernt, das im Grunde völlig harmlos ist, eine Art elektronisches Lego, das Millionen von Kindern weltweit spielen – aber eben nicht nur. Erst nach tagelanger fieberhafter Suche konnte Paul aus einer Düsseldorfer Wohnung befreit werden. Er war mehrfach sexuell missbraucht worden.

Der Ozean, in dem Pädosexuelle fischen

Der Fall Paul ist denn auch der rote Faden der Doku «Kinder im Netz – Gefahren und Chancen der digitalen Welt», die gestern Donnerstag bei SRF zu sehen war. Die Reporterin Michèle Sauvain sagte: «Einer grossen Öffentlichkeit und auch mir als Mutter wurde plötzlich bewusst, wie schnell ein Internetkontakt schlimme Folgen haben kann.»

In den folgenden rund 50 Filmminuten versuchte sie, das Diffuse fassbar zu machen und in die Gamer- und Youtube-Szene einzutauchen, die für Kinder ein natürliches Biotop ist und für Eltern ein unüberschaubarer Ozean. Gleichzeitig ist sie ein Aquarium, in der Pädosexuelle gerne fischen, wie es Urs Bartenschlager, Chef Kriminalabteilung der Kapo Solothurn, ausdrückte. «Der Täter kann 1000 Kilometer weit weg wohnen, aber im Internet ist er nur einen Mausklick entfernt.» Jedoch sei nicht jedes Kind in Gefahr, Opfer eines solchen Täters zu werden. «Oft sind es Kinder mit einer gewissen Bedürftigkeit.»

Youtube-Stars sind tatsächlich Stars

Die Reporterin versuchte als Erstes, Youtube-Stars zu interviewen, die Millionen Follower haben, weil sie sich beim Gamen filmen und das Ganze kommentieren. Sie musste aber schnell einsehen, dass an Youtube-Stars nicht einfach so heranzukommen ist, weil die tatsächlich Stars sind, die sich etwa an Game-Messen nur mit Bodyguards oder maskiert durch die Massen bewegen können.

Sie liess sich vom Journalisten und Game-Experten Marc Bodmer erklären, was faszinierend daran ist, sogenannten Let's Players zuzuschauen. Das sind Menschen, die sich beim Gamen filmen und das Spiel live im Internet kommentieren. Es sei, wie wenn man Roger Federer beim Tennis zuschaue. Das sei spannend, weil diese viel besser und lockerer spielten als man selber. Gute Let's Players seien zudem witzig und unterhaltsam. Und in der Regel keine Deutschschweizer. «Wir haben ein bisschen Mühe, locker vor einer Kamera zu agieren», sagte Bodmer. Das müsse man aber, um erfolgreich zu sein. Das Spiel allein ziehe nicht.

Fall Paul als furchteinflössender roter Faden

Die Reporterin redete mit der jungen Schweizer Game-Entwicklerin Philomena Schwab («Wir sind so etwas wie Drogendesigner. Wir versuchen Games zu designen, die Spieler möglichst reinziehen und sie möglichst lange im Spiel halten.»), mit zwei Youtube-Stars und dem Bereichsleiter Bildung von Microsoft Schweiz darüber, wer die Verantwortung für die Kinder im Netz trägt. Kurz zusammengefasst: «Die Eltern.»

Sie nahm an den Informatiktagen Zürich teil, thematisierte E-Sports, besuchte einen Jungen, der hobbymässig Rapvideos dreht und das Administratorpasswort der Schule geknackt hat, und einen weiteren Jungen, der eigene Gaming-Filmchen auf seinen eigenen Youtube-Kanal lädt (aktuell: 20 Abonnenten, Ziel: 1000 Abonnenten) und genau weiss, was sich im Netz gehört – nie den richtigen Namen, die Telefonnummer oder die Adresse angeben. Und dazwischen immer wieder der Fall Paul untermalt mit unmissverständlich dramatischer Musik.

Zu viele Aspekte vermischt

Man wurde das Gefühl nicht los, dass hier vor allem die elterliche Angst Regie führte. Die Reportage schien das Verhalten vieler Mütter und Väter zu spiegeln, die nicht wissen, womit sie es zu tun haben, und nach allen möglichen Hinweisen suchen, um ihre Kinder vor möglichen Gefahren zu bewahren, mit der Folge, dass allerhand vermischt wird und sie am Ende noch unsicherer und ängstlicher sind als zuvor.

Umso beruhigender und hilfreicher waren die Tipps des Experten der Bundespolizei zum Schluss der Reportage: Die Eltern sollen sich mit den Dingen beschäftigen, die ihre Kinder tun, sich die Spiele erklären lassen, aktiv nachfragen, mit welchen Leuten sie in Kontakt sind, um notfalls reagieren zu können. Das funktioniere in erster Linie und ganz originär über die natürliche Beziehung, die zwischen Kindern und Eltern sein sollte, und über die Kommunikation. Also ganz genau wie früher, als die Welt noch vertraut und analog war.

Erstellt: 16.03.2018, 09:20 Uhr

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