Hilflos im Anblick der Realität

Die Pointen der amerikanischen Comedy werden angesichts des Irrsinns im Weissen Haus immer bitterer. Hat sie ihre kritische Kraft schon verloren?

Sind das die letzten wirkmächtigen öffentlichen Intellektuellen oder doch nicht mehr als ewig ohnmächtige Spassmacher? Comedian Stephen Colbert bei der Arbeit - mit Donald Trump.(Bild: Getty Images)

Sind das die letzten wirkmächtigen öffentlichen Intellektuellen oder doch nicht mehr als ewig ohnmächtige Spassmacher? Comedian Stephen Colbert bei der Arbeit - mit Donald Trump.(Bild: Getty Images)

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Womöglich ist das schon der erste Lacher dieses Artikels - einen Text über die neueste Entwicklung der amerikanischsten aller zeitgenössischen amerikanischen Künste, der Comedy, in einer deutschen Zeitung mit Adorno zu beginnen. Also dem guten alten Kritische-Theorie-Theodor W. Adorno, dem Es-gibt-kein-richtiges-Leben-im-falschen-Adorno, dem Massenkultur-ist-die-Vergötzung-des-Daseienden-und-der-Macht-Adorno; dem grossen Amerika-Kritiker und Säulenheiligen des kulturkritischen Klischee-Feuilletons, der in der populären Kultur die böse Entfremdung und fiese Verdinglichung des Menschen witterte und mit dessen Besteck sich bis heute bequem Popkulturpessimismus aller Art verbreiten lässt.

Es muss aber sein. Dieser Artikel muss mit dem Lacher beginnen und mit Adorno, weil man immer noch mit kaum einem anderen besser versteht, warum uns auf dieser Seite des Atlantiks besonders das interessieren sollte, was uns an Amerika so besonders fremd ist, also zum Beispiel die amerikanische Comedy. Und zwar nicht, weil - wie gerne allzu abgeklärt behauptet wird - wir die denkbar flachste Variante davon spätestens in fünf Jahren übernommen haben. Nein. Vielmehr lässt sich die Fragwürdigkeit unserer eigenen Selbstverständlichkeiten so viel klarer sehen.

Adorno also. Er hielt in einem seiner bemerkenswertesten (und viel zu unbekannten) Vorträge - «Kultur und Culture» - Ende der Fünfzigerjahre der allzu selbstgewissen europäischen Geisteshochkultur etwas entgegen, das er das «amerikanische Kulturideal» nannte. Daran behagte dem Dialektiker Adorno natürlich auch manches nicht, aber er erkannte in ihm eben auch das zutiefst bürgerliche Prinzip einer reinen Tauschgesellschaft «zur äussersten Konsequenz durchgeführt».

Amerika als besseres Europa

Der Verherrlichung der Innerlichkeit, die in Europa Kultiviertheit bedeute, stehe in den USA die Entäusserung des Menschen als Gradmesser seiner Kultiviertheit gegenüber. In diesem Sinne sei auch die vermeintlich gespielte amerikanische Freundlichkeit, das obligate Lächeln, die «Kategorie des keep smiling», die Europäern in Amerika sofort auffalle, nicht Kennzeichen von schlimmer Falschheit, sondern - im Gegenteil - von höherer Humanität, sogar ein «universaler Sieg der Aufklärung im Sinn des gesamteuropäischen Aufklärungsprozesses». Amerika wird bei Adorno hier zu einem besseren Europa: «Es ist wahrscheinlich so, dass ein Mensch, der unter äusserem Zwang auf diese Weise zur Freundlichkeit gebracht wird, dann doch eher auch zu einer gewissen Humanität in seinem Verhältnis zu anderen Menschen kommt als jemand, der nur, um mit sich selbst identisch zu sein - als ob diese Identität mit sich selbst immer wünschbar wäre -, ein bösartiges, vermuffeltes Gesicht macht und einem von vornherein bedeutet, dass der andere Mensch für ihn eigentlich nicht existent sei.»

Die enorm zivilisierende Wirkung des amerikanischen Kulturideals kommt für Adorno aus dieser - diesseits des Kontinents notorisch missverstandenen - grundlegenden Sozialität des amerikanischen Lebens. Die bedeute zudem, dass allein in der realen Gesellschaft die Macht gesucht werde, durch die sich Kunst und Kultur «bewähren und bestätigen» sollen. Die europäische Vorstellung, dass es so etwas wie eine «nicht honorierbare Qualität» von Kultur gebe, sei einem Amerikaner vollkommen fremd.

Abgesehen davon, dass man da sofort an die schöne amerikanische Frage an Intellektuelle denken muss, dass, wenn sie so klug seien, sie doch bestimmt auch sehr reich sein müssten - abgesehen davon ist man an dieser Stelle natürlich sofort bei der Comedy. Genauer bei der Stand-up-Comedy, also nicht der Komödie, dem dramatisierten Lustspiel, sondern der Situation eines einzelnen Menschen auf einer Bühne, der versucht, mit nichts als einem Barhocker und einem Mikrofon den laufenden Ereignissen um ihn herum so viele Pointen wie möglich abzugewinnen.

Als solches ist die Comedy die idealtypische Kunst der reinen Tauschgesellschaft, die seit Adornos Vortrag ja immer noch etwas mehr floriert. Die Comedy tut nichts, von dem sie sich nicht erhofft, auch gleich im allernächsten Moment mit einem Lacher belohnt zu werden. Der Tausch vollzieht sich mehr oder weniger im 20-Sekunden-Takt, gerne auch viel schneller. Pointe, Lacher, Pointe, Lacher, Pointe, Lacher. In den USA hat die Comedy als selbstironische Massenkultur (und nicht wie etwa in Deutschland das Kabarett bloss als selbstgerechte Elitenverhöhnung) eine grosse Tradition. Von populären Late-Night-Show-Moderatoren wie Jon Stewart wurde sie in den vergangenen fünfzehn Jahren sogar zur «investigativen Comedy»befördert, die Satire im besten Sinne als Aufklärung begreift und die Widersprüche, in die sich die Herrscher wie Beherrschte ständig navigieren, nicht nur aufs Korn zu nehmen, sondern auch selbst zu finden und zu belegen.

Stephen Colbert wird wie ein Retter begrüsst

Das, was auch in Amerika lange für die allermeisten bloss Entertainment war, oder - wie der amerikanische Comedy-Veteran George Carlin einmal sagte - höchstens eine «vulgäre Kunst», war plötzlich sogar noch mehr als bloss Kunst, es wurde avancierte Gesellschaftskritik für ein Millionenpublikum. Und ihre Medien, die Comedians und Moderatoren, waren nicht mehr nur ein paar lustige Typen aus dem Fernsehen, sondern die einzigen «öffentlichen Intellektuellen», die diesen Namen wirklich verdienen. Sie hatten eine riesige Zuhörerschaft und griffen auch noch tagesaktueller denn je ein, denn amerikanische Late-Night-Shows sind mindestens einmal in der Woche, oft sogar von Montag bis Donnerstag auf Sendung.

Es kommt einem etwas seltsam vor, dies in der Vergangenheitsform zu schreiben. Es ist ja vieles davon hierzulande noch gar nicht angekommen. Namen wie John Oliver, Trevor Noah, Seth Meyers, Stephen Colbert, Michelle Wolf oder Samantha Bee sind zwar über virale Clips ihrer besten Momente alles andere als unbekannt, wirklich Teil der alltäglichen Wahrnehmung der laufenden Ereignisse dürften sie in Deutschland dennoch nur für die allerwenigsten sein. Zudem steht die Form in Amerika selbst vordergründig in voller Blüte. Die Protagonisten und ihre Gag-Autoren übertreffen sich im Angesicht des Trump-Wahnsinns regelmässig selbst und sind so etwas wie die Galionsfiguren des anderen, besseren Amerika geworden.

Man sehe sich auf Youtube nur an, mit welchem Applaus Stephen Colbert in der vergangenen Woche als Gast einer abendlichen Diskussionsveranstaltung der New York Times begrüsst wurde. Abwiegelnd, aber durchaus selbstbewusst, betritt da nicht bloss ein geschätzter Spassmacher die Bühne, sondern ein potenzieller Retter.

Das Problem ist nur, inzwischen erscheint der Tausch Pointe gegen Lacher mit jedem Tag, welche die Twitter-Präsidentschaft Trumps und die daran hängende neue Unübersichtlichkeit der Welt andauern, ein wenig schaler. Und all die Fürsten und Fürstinnen des Comic Relief, der befreienden Komik, deren unermüdliche Arbeit gerade noch in der Lage war, das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand mit ein paar guten Gags im Handumdrehen wiederherzustellen, wirken so ohnmächtig und opportunistisch, wie Spassmacher seit jeher doch meistens waren. Sie erzählen den peinlichen Irrwitz noch einmal nach vor Leuten, mit denen sie sich darüber, dass es eben peinlicher Irrwitz ist, längst einig wissen. Und schütteln mit ihnen zusammen fassungslos den Kopf.

Auf die Frage des New-York-Times-Reporters, ob er denn all seinen Erfolg hergeben würde, wenn Donald Trump dann nicht mehr Präsident wäre, antwortet Colbert blitzschnell mit Ja - um dann anzufügen, dass er das natürlich in dem Wissen sage, dass seine Antwort an seinem Erfolg glücklicherweise gar nichts ändere. Nach kurzem, wissendem Gelächter allerseits hakt der Moderator am wunden Punkt jedoch nicht ein, sondern wechselt kommentarlos sofort das Thema.

Ob es schon so weit ist, deshalb das Ende der Comedy einzuläuten? Darauf hat die australische Stand-up-Comedian Hannah Gadsby in ihrem gerade weltweit als bahnbrechend gefeierten - und auf Netflix zu sehenden - Programm «Nannette» eine so brillante wie bittere Antwort gegeben: Ja. Denn anders als die Geschichten des echten Lebens, die drei Teile hätten (einen Anfang, eine Mitte und ein Ende), habe man als Comedian immer nur unvollständige, zweiteilige Geschichten mit einem Beginn (der Vorbereitung eines Gags) und einer Pointe zu bieten.

Ihre amerikanische Kollegin Michelle Wolf hat das Problem der um der Pointe willen allzu kurz greifenden Comedy in ihrer Show vor Kurzem in einer Nummer über das Trump-Witze-Schreiben in ein brillantes Stück selbstreflexiver Meta-Comedy verwandelt: «Witze schreiben ist hart. Ich meine, wirklich hart. Wisst ihr, was einfacher ist? Ein aufrichtiges Geständnis. Also werde ich jetzt meinen Stift auf den Tisch werfen, den Kopf schütteln vor fassungsloser Fassungslosigkeit. Und dann werde ich euch in die Augen sehen und euch sagen, dass Trump böse ist! Und die Nachrichten! Weshalb ich als Comedian den Job der Journalisten machen und das Land retten muss.»

Die einzige Antwort auf die Krise der Comedy kann aber eigentlich - koste es, was es wolle - nur noch mehr und noch bessere Comedy sein. Damit man «des kritischen Gedankens mächtig bleibt, anstatt vor der Übermacht dessen, was hier und dort nun einmal so ist, kapituliert», wie Adorno damals sagte. Würde er heute noch anfügen, dass nichts die «Verhärtung gegen den kritischen Gedanken» so unmittelbar erschüttern kann wie ein gute Pointe? Womöglich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2018, 13:08 Uhr

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