«Unter jeder Sau»

Roger Schawinski vs. Lukas Bärfuss: Die Wutrede des Schriftstellers in einer leidenschaftlichen Nachlese und der Journalist in der Position des SVP-Verteidigers.

Roger Schawinski im Gespräch mit Lukas Bärfuss.


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Vor gut zehn Tagen veröffentlichte Lukas Bärfuss seine Wutrede «Die Schweiz ist des Wahnsinns» in der FAZ. Seither verging kaum ein Tag ohne öffentliche Repliken, wobei diese meistens ähnlich wütend ausfielen. Bärfuss selbst schwieg. Am Sonntag äusserte er sich in einem ausführlichen Interview in der «Schweiz am Sonntag» und gestern nun bei Roger Schawinski.

Die Sendung des Schnell-Talkers mag als Fortsetzung einer Feuilletondebatte seltsam anmuten, doch Bärfuss weiss, wo er gehört wird; er war in der «Arena» und erst im Frühjahr auch schon bei Schawinski (damals dürften sich halb so viele Zuschauer zugeschaltet haben wie gestern). Auf die obligate Frage «Wer bist du?» verzichtete Schawinski deshalb und ging in medias res: «Hast du den Titel des Essays selber gesetzt?» Nein, hat Bärfuss nicht – es war eine Redaktorin der FAZ.

Gespannt war man auch auf Schawinskis Position. Rechte Journalisten störten sich beim Bärfuss-Essay natürlich an den linken Anliegen. Aber auch linksliberale Kommentatoren befanden den Text als zu pessimistisch und bemängelten einen klaren thematischen Fokus. Oder sie verglichen Bärfuss' politische Einmischung mit denjenigen von Frisch oder Dürrenmatt und kamen etwas nostalgisch zum Schluss: Die mahnten auf höherem Niveau.

«Wir haben doch die ETH!»

Schawinski mochte Bärfuss ebenfalls nicht den roten Teppich ausrollen und gab sich deutlich angriffiger als bei ihrem ersten Gespräch. Dazu präsentierte er Einspieler mit Passagen aus Bärfuss' Essay, die er teilweise «völlig daneben» fand. Etwa dass Bärfuss schrieb, dass ein Schweizer Bürger nur noch auf die amerikanische, nicht aber auf die Schweizer Justiz vertrauen könne. Oder dass man hierzulande ein Volk von Zwergen sein und bleiben wolle. Schawinski: «Wir haben doch die ETH! Die höchste Lebensqualität! Roger Federer!» Bärfuss erklärte sich nochmals: Die Schweiz reagiere wie beim Fifa-Skandal oder Bankgeheimnis nur auf internationalen Druck und verliere international ständig an Einfluss.

Als falsch bezeichnete Schawinski auch Bärfuss' jüngste Einschätzung, dass die SVP rechtsextreme Positionen beziehe: «Seltsam, dass ich die SVP verteidigen muss, aber mit einem solchen Vergleich banalisiert man die Neonazis.» Bärfuss: «Die SVP radikalisiert sich und wird damit nicht aufhören.» Man müsse unbedingt die Diskussionen über das Demokratieverständnis der SVP führen, bevor man übergriffige Situationen wie in Köln oder Dresden erlebe. Damit wiederholte er wortwörtlich seine Aussagen aus dem «Schweiz am Sonntag»-Interview, dasselbe galt für seine Kritik an den SVP-Volksinitiativen, die er als «Propagandainstrumente» bezeichnete.

Lob der Problemmacher

Am interessantesten, weil noch nicht gehört, waren gestern denn Bärfuss' Ansichten zur Debatte, die er losgetreten hatte. Die Kehrtwende eines NZZ-Redaktors gab ihm da zu denken sowie die Ideologisierung der Medien: «Unglaublich, dass ich den Journalisten erklären muss, wie wichtig unabhängige Medien sind.» Als «unter jeder Sau» taxierte er die Behauptung des designierten NZZ-Feuilletonchefs, der ihm das Menschsein abgesprochen habe. Generell sei er von den Repliken enttäuscht; man habe beleidigt reagiert, kaum einer sei auf seine Argumente eingegangen. Von Versöhnlichkeit konnte also keine Rede sein, im Gegenteil: «Es gibt Sachen, die ich noch deutlicher hätte schreiben können», sagte Bärfuss auf die Frage, wie er seinen Essay denn selber finde. Und: «Man glaubt es fast nicht, aber ich bin auch Schweizer.»

Nicht die Problemlöser, sondern die Problemmacher würden die Gesellschaft weiterbringen, sagte Bärfuss, als er im Februar bei Schawinski war. Hatte er dieses Bonmot im Kopf, als er seinen Essay schrieb? Am Ende der gestrigen Talkshow war man jedenfalls dankbar, dass er es getan hatte und so nicht nur die erste Literaturdebatte, sondern nebenbei auch einen der leidenschaftlichsten Schawinski-Talks seit langem ausgelöst hatte.

Erstellt: 27.10.2015, 08:55 Uhr

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