«Ich bin bei SRF nicht als Unterhalter angestellt»

Diese Woche tritt Ruedi Matter als Direktor von SRF ab. Ein Gespräch über Sparmassnahmen, Abgänge von Stars und warum Ruedi Matter gerne etwas langweilig ist.

SRF-Direktor Ruedi Matter gibt nach acht Jahren sein Amt ab. Mit seiner Leistung ist er zufrieden. Bild: Sabine Rock

SRF-Direktor Ruedi Matter gibt nach acht Jahren sein Amt ab. Mit seiner Leistung ist er zufrieden. Bild: Sabine Rock

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Falsche Musik am Radio, zu viel Werbung, und «10vor10» beginnt zu spät. Sind Sie froh, Ende Woche endlich nicht mehr öffentlich für alles bei SRF verantwortlich zu sein, was schiefläuft?
Diese Last konnte ich gut tragen. Denn das sind alles Beschwerden, die von treuen Hörerinnen und Zuschauern kommen. Diese Reklamationen nehmen wir ernst und versuchen sie alle zu beantworten. Manch eine der Rückmeldungen habe ich auch selbst beantwortet. Das gehört dazu. Denn das Wichtigste, was wir haben, bleibt unser Publikum.

Gab es Kritik, die Ihnen persönlich zu nahe ging?
Eigentlich gab es nur ausnahmsweise Kritik an meiner Person. Natürlich habe ich mir jeweils durch den Kopf gehen lassen, was berechtigt ist und was nicht. Aber mit der Kritik an unserem Angebot müssen wir leben.

Sie waren der erste gemeinsame Super-Direktor von Radio und Fernsehen. Waren Sie auch ein super Direktor?
Das müssen andere beurteilen. Ich hatte jedenfalls acht grossartige, erfüllte berufliche Jahre. Es ist all das zusammengekommen, was mich seit meiner Jugend immer interessiert hat. Dazu gehört nicht nur mein berufliches Kerngebiet, die Information, sondern auch Kultur, Fiktion und Unterhaltung. Wir machen alles. Deshalb ist SRF-Direktor der beste Job im Land, den man haben kann.

«SRF-Direktor ist der beste Job im Land.»Rued Matter

Ihr Lebensmotto ist «Do the right thing». Daran müssen Sie sich aber ab und zu auch selber messen?
Natürlich muss ich mir selber auch Rechenschaft ablegen, welche Ziele wir erreicht haben und welche nicht, was nicht geklappt hat. Aber wir pflegen hier im Unternehmen die Kultur, dass man ausprobieren soll und darf. Niemandem wird der Kopf abgerissen, wenn mal etwas schiefgeht. Das geht jedem gleich, vom Stagiaire bis zum Direktor: Aus Fehlern soll man lernen.

Aber gibt es etwas aus Ihrer Amtszeit, dass Sie für sich als Fehler bezeichnen würden?
Natürlich haben wir Fehler gemacht. Aber mir fällt nichts ein, bei dem wir aus den Fehlern nichts gelernt hätten. Ich habe meine Aufgabe so verstanden, auf diesen Lernprozess zu achten.

Wir stehen ein Jahr nach No Billag. Wo steht SRF heute?
Ich bin sehr glücklich, dass wir trotz der politischen Diskussion und den darauffolgenden Sparmassnahmen der SRG die Qualität unserer Angebote halten konnten. Das hat das Publikum auch honoriert. Die sehr guten Marktanteile zeigen, dass wir bei SRF gut gearbeitet haben.

Was bleibt aus der Ära Ruedi Matter bei SRF?
Ich finde Ära ein etwas grosses Wort. Erreicht haben wir in diesen Jahren die überwältigende Zustimmung zu unserem Angebot in der No-Billag-Abstimmung – sicher auch dank unserer qualitativ hochstehenden Arbeit. Was mich auch freut: Die Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online arbeiten heute ganz selbstverständlich zusammen. Als wir 2009 zum ersten Mal darüber sprachen, Radio DRS und Schweizer Fernsehen zusammenzulegen, hielten alle das Unterfangen für sehr schwierig. Heute ist es selbstverständlich. Und auch dank gemeinsamer Anstrengungen haben wir Mittel freispielen können für neue Angebote, wie «Bestatter», «Gotthard» oder «Wilder». Das hat uns auch international Anerkennung gebracht. Und nicht zuletzt bin ich froh, dass sich unsere Sender in einem schrumpfenden Markt behaupten können.

Trotzdem: Das Fernsehen ist nicht mehr das Lagerfeuer der Nation. Diesen Medienwandel konnten auch Sie nicht aufhalten. Fühlen Sie sich dieser Entwicklung gegenüber manchmal auch ohnmächtig?
Die Welt dreht sich. Und wenn sich die Welt dreht, dann ist es wichtig zu merken, was sich verändert und wie man sich unter neuen Bedingungen behaupten kann. Ich glaube, das ist uns in den letzten Jahren sehr gut gelungen. Die Zahlen sprechen für uns, aber auch die wahrgenommene Qualität. Unabhängig davon, wie Information oder Unterhaltung zu den Menschen kommt: Als Marke stehen wir für Relevanz, eine attraktive Aufbereitung – Angebote, die man gerne nutzt.

Sie sprechen jetzt immer von SRF als Unternehmen. Sind Sie persönlich nie in Ihrem Büro herumgetigert und haben gedacht: «Wenn ich doch nur ein Patentrezept hätte!»
Es gibt kein Patentrezept im Medienwandel. Wir müssen analysieren, wie jüngere Menschen Medien nutzen. Für mich war es eine grosse Freude, mit verschiedenen Generationen im Haus gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie wir diese Herausforderung packen können. Als Direktor kann man dann auch sagen: Also probieren wir es so aus! Diese Zusammenarbeit, das gemeinsame Suchen nach Lösungen werde ich am meisten vermissen.

«Es gibt kein Patentrezept im Medienwandel.»Ruedi Matter

Nicht nur Formate müssen verschiedene Generationen ansprechen, auch bei den Moderatoren des Programms braucht es Menschen, die ein unterschiedliches Publikum ansprechen. Wie erleben Sie diesen Spagat?
Das ist kein Spagat, sondern ein natürlicher Prozess. Ganz zu Beginn meiner Direktionszeit 2011 gab es Kritik, dass die Moderatoren alle zu alt seien. Daran haben wir gearbeitet. Heute haben wir eine gute Mischung der Generationen, nicht nur in den Radiosendern, sondern auch in den Informations- und Unterhaltungssendungen.

Einige dieser als «junge Talente» geförderten Moderatoren sind heute nicht mehr bei SRF oder haben Ihren Abgang angekündigt: Steffi Buchli, Urs Gredig und zuletzt Jonas Projer. Das muss Ihnen sehr weh tun.
Nein. Das ist zuerst einmal eine Auszeichnung, dass wir gute Leute haben und sie auch gefördert haben. Anders als vor zehn Jahren gibt es mehr Wettbewerb in der Schweizer Medienlandschaft. Dass man die Stars dort holt, wo es sie gibt, ist doch selbstverständlich.

Trotzdem: Ich habe den Eindruck, dass vielen Talenten die Entwicklungsmöglichkeiten bei SRF fehlen.
Die Kollegen, die Sie genannt haben, waren ja keine Jungtalente mehr, sondern Stars in ihrem Fach. Es ist doch super, wenn die drei woanders noch dazulernen können, schliesslich haben sie alle noch ein Vierteljahrhundert vor sich in ihrem Journalistenleben. Und es sind auch neue Chancen für die Leute hier im Unternehmen, sich weiterzuentwickeln. Solange nicht in einem Monat zwanzig auf einmal gehen, ist es kein Problem. Es ist positiv, dass es in diesem Land endlich Wettbewerb gibt und wir bei anderen beobachten können, was sie besser machen.

Als Jonas Projer Ihnen ankündigte, zu Ringier zu wechseln, haben Sie ihm wohl nicht gesagt: «Super Jonas, das ist perfekt!»
Ich habe gesagt: «Jonas, das ist ein super Schritt in deiner Entwicklung.» Ich kann seinen Schritt sehr gut nachvollziehen, schliesslich bin ich in seinem Alter auch zu Ringier gegangen und dann später wieder bei SRF gelandet. Es ist für ihn ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Ich bin als SRF-Direktor im Übrigen nicht nur dafür zuständig, was kurzfristig am besten für uns ist. Deshalb steht allen die Tür offen, wenn sie wieder zurückkommen wollen. Ich bin sicher, dass einige das auch tun werden.

«Jonas, das ist ein super Schritt in deiner Entwicklung.»Ruedi Matter

Sprechen wir noch einmal über die neuen Medien. Wie filtern Sie die vielen Informationen, die auf allen Kanälen auf Sie einprasseln?
Ich muss zugeben: Manchmal ist es auch für mich zu viel. Am Morgen höre ich in der Regel die Radio-Nachrichten und lese einen Newsletter der «Financial Times» und die NZZ auf dem iPad. Dann bin ich schon mal gut informiert über internationale und Wirtschaftsthemen, die mich besonders interessieren. Zeitung lese ich dann vor allem am Wochenende intensiv, vor allem auch internationale.

Sie betonen Ihr internationales Interesse. Heisst das, Donald Trump ist Ihnen informationstechnisch näher als der Küsnachter Gemeindepräsident Markus Ernst?
Natürlich macht Donald Trump mehr Schlagzeilen als Markus Ernst. Aber Markus Ernst ist eine gute Besetzung.

Sie leben seit vielen Jahren in Küsnacht: Wie fest sind Sie an der Gemeindepolitik interessiert?
Ich bin froh, dass Küsnacht ein gut funktionierendes Gemeinwesen ist. Aber es würde wohl nicht schaden, wenn ich mal an eine Gemeindeversammlung ginge.

Sie haben mir einmal erzählt, dass die Schweizer Politik nicht das Spannendste auf dieser Welt ist. Warum eigentlich nicht?
Die Schweiz ist ein Land, das gut regiert wird, und wir beschäftigen uns rechtzeitig und intensiv mit wichtigen Themen. Ich war kürzlich in Westafrika, in den Ländern dort sind die Herausforderungen grösser als hier. Ich finde, dass wir uns nicht nur bauchnabelfixiert mit uns selbst beschäftigen sollten. Deshalb haben wir bei SRF auch ein grosses Korrespondentennetz, das dem Publikum Auslandthemen näherbringt.

Aber hat Sie das gelegentlich auch geärgert, dass die Diskussionen in der Schweizer Politik manchmal kleinkariert sind?
Die sind ja nicht durchwegs kleinkariert. Es ist menschlich, dass man sich mit den Problemen beschäftigt, die einem am nächsten sind. Ich bin aber froh, dass es auch Politiker gibt, die über den engsten Horizont hinaus sehen.

Wenn man andere fragt, wie Sie zu charakterisieren sind, dann könnte man darauf kommen, dass Sie ein typischer Schweizer sind. Fleissig, engagiert, aber auch etwas bieder und langweilig.
Ich bin in diesem Unternehmen nicht als Unterhalter angestellt. Ich habe die Verantwortung für 3000 Kolleginnen und Kollegen und ein Budget von 600 Millionen Franken getragen. Chefs von grossen Unternehmen die Gefühlsausbrüche haben, möglichst auch noch theatralisch und öffentlich, sind mir eher unheimlich. Und ich finde ganz gut, dass ich in der Aussenwirkung etwas langweilig war. Schlagzeilen müssen unsere Programme machen und nicht der Chef.

«Chefs von grossen Unternehmen die Gefühlsausbrüche haben, möglichst auch noch theatralisch und öffentlich, sind mir eher unheimlich.»Ruedi Matter

Hand aufs Herz: Sind Sie froh, wenn Sie wieder einmal getrost von SRF wegzappen dürfen?
Ich habe immer ohne Schuldgefühle andere Sender geschaut.

Das ist jetzt wieder eine der sehr diplomatischen Antworten.
(lacht) Nein. Ich kann mir jetzt viel eher leisten, etwas länger SRF-Sendungen zu hören oder zu sehen und die Konkurrenzbeobachtung anderen zu überlassen. Ich darf jetzt das nutzen, was mir Spass macht.

Erstellt: 11.03.2019, 15:00 Uhr

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Zur Person

Ruedi Matter ist seit 2011 Direktor von Schweizer Radio und Fernsehen. Diese Woche übergibt Matter sein Amt an seine Nachfolgerin Nathalie Wappler. Matter war der erste Direktor, der die früher getrennten Unternehmenseinheiten Radio, Fernsehen und Online gemeinsam führte. Der 1953 geborene Matter wuchs im Kanton Baselland auf. Nach seinem Studium der Geschichte, Publizistik und Philosophie arbeitete er als Journalist für die «National-Zeitung», danach war er ab 1976 für die «Tagesschau» bei SRF tätig. Vor seinem Job als SRF-Direktor arbeitete er u.a. bei Radio DRS, als Kommunikationsspezialist für einen Unternehmensberater und beim deutschen Nachrichtensender n-TV. Matter lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Küsnacht.

Sparmassnahmen auf Kurs

«Solche Entscheide sind nicht immer einfach.»

Just am Tag der gewonnenen No-Billag-Abstimmung kündigte die SRG 2018 an, 100 Millionen Franken einsparen zu wollen. Bei SRF in der Deutschschweiz sind rund 50 Personen von den Sparmassnahmen betroffen. Laut Ruedi Matter habe die Umsetzung der Sparmassnahmen begonnen. «Das Sparziel ist zwar anspruchsvoll, aber wir werden es erreichen.» Abgeschlossen würden die Sparbemühungen im kommenden Jahr. Angesprochen auf seinen eigenen Beitrag an die Sparziele, sagt Matter: «Ich habe sehr viel Zeit aufgewendet für dieses Thema, um die Sparbemühungen in konkrete Massnahmen zu giessen.» Die Kritik, dass er über seine Pensionierung hinaus bei der SRG Mandate wahrnehmen wird, lässt Matter nicht gelten: «Es handelt sich um zwei Aufträge bei der SRG, welche beide ohnehin jemand erledigen müsste.» Diese Mandate – im Bereich Medienforschung (Mediapulse) und im Bereich des Kulturerbes von SRF – seien aber bis Ende 2019 ordentlich übergeben. Danach habe er keine Mandate mehr von SRF und der SRG inne.

Teil der langfristigen Sparbemühungen bei SRF ist auch der Umzug des Radiostudios Bern nach Zürich. 170 Mitarbeiter müssen damit bis 2021 ihren Arbeitsort wechseln. Dagegen hatte es bei den betroffenen Journalisten, aber auch in der Politik erheblichen Widerstand gegeben. Für Ruedi Matter ist der Umzug trotzdem nach wie vor der richtige Entscheid: «Ich bin überzeugt, dass der Umzug und damit das intensivere Zusammenarbeiten zwischen Radio, Fernsehen und Online zukunftssichernd für alle ist.» Der scheidende SRF-Direktor macht im Gespräch mit dieser Zeitung aber kein Hehl daraus, dass ihn die Debatte rund um den Umzug beschäftigt hat: «Kurzfristig gab es in meinem Berufsleben immer wieder Situationen, in denen man Betroffenen etwas erklären musste und darauf achten, dass man alle ins Boot holen konnte.» Er sei überzeugt, dass dies auch im Fall des Radiostudios Bern gelinge. «Solche Entscheide sind aber tatsächlich nicht immer einfach.»

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