«SRF muss dringend ein jüngeres Publikum ansprechen»

Der Schweizer Regisseur Samuel Schwarz sagt, weshalb das SRF eine neue Leitung braucht. Und welche Serien der Sender künftig produzieren soll.

Guillermo del Toro ist der Meister der Horrormärchen: Szene aus «Pans Labyrinth».

Guillermo del Toro ist der Meister der Horrormärchen: Szene aus «Pans Labyrinth».

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Herr Schwarz, Sie traten in den letzten Jahren regelmässig als scharfer Beobachter und Kritiker des SRF in Erscheinung. Was halten Sie davon, dass SRF-Direktor Ruedi Matter und Unterhaltungschef Christoph Gebel entgegen ersten Ankündigungen nun im Amt bleiben?
Solche Personalentscheide senden ein falsches Signal aus. Wenn sich No Billag nicht in zwei Jahren mit der 200-Franken-Abstimmung wiederholen soll, müssen jetzt junge, mutige Leute ans Ruder kommen.

Offenbar gibt es die nicht – die Nachfolge von Unterhaltungschef Gebel gestalte sich schwierig, hiess es.
Dass es an profilierten Kräften für diesen Job fehlt, glaube ich einfach nicht. Aber es ist doch symptomatisch, dass die alten Herren einfach nicht loslassen können. Gerade ab dieser statischen Haltung beim SRF nerven sich ja viele Schweizerinnen und Schweizer.

Nun, eine Umbauphase steht SRF nun bevor. Wäre es nicht voreilig, in dieser unsicheren Zeit auch noch die Chefetage zu ersetzen?
Zweifelsohne muss man Ruedi Matter dankbar sein, dass er das Schiff durch das No-Billag-Unwetter geführt hat. Dennoch: Es braucht nun Visionen. Der Service public muss dezidierter werden.

Was stellen Sie sich vor?
Das Programm muss internationaler werden, das SRF muss vermehrt Türöffner für grosse Projekte sein. Der italienische Sender RAI ist nicht gerade für Innovation bekannt, produziert aber zusammen mit Netflix die Krimiserie «Suburra». Weshalb macht das SRF nicht auch so etwas?

Das dürfte vor allem eine Kostenfrage sein.
Klar geht das nicht mit einem Budget von sechs Millionen – dafür braucht es mehr Geld. Die Ökonomie allein ist aber nicht das Problem.

Sondern?
Es ist eine Frage der Macht – das SRF will die Kontrolle über die Produktionen nicht abgeben.

Kritiker würden jetzt sagen, es sei nicht Aufgabe des Service public, Serien von internationaler Ausstrahlung zu produzieren.
SRF muss dringend ein jüngeres Publikum ansprechen. Dieses denkt aber schon lange nicht mehr national – die schauen einfach die Serien, die ihnen zusagen. Es braucht eine Verschmelzung von lokaler Ausstrahlung und Internationalität. Nehmen wir zum Beispiel «Sherlock» der BBC. Hier machte man aus einem klassischen, fast ältlichen englischen Stoff dank moderner Erzählweise und Transmedialität etwas, das sowohl ein junges als auch ein älteres Zielpublikum ansprach.

Was schwebt Ihnen da für SRF vor?
Regisseur Guillermo del Toro twitterte vor zwei Jahren begeistert über Jeremias Gotthelfs «Die schwarze Spinne». Dieser Klassiker in Koproduktion von SRF und öffentlich-rechtlichen Sendern in Frankreich und Deutschland – oder besser noch Netflix. Ein Sechsteiler, vielleicht sogar mit Guillermo del Toro als Showrunner und natürlich mit den besten Schweizer Regisseuren (-innen) für die einzelnen Episoden.

Sie denken, dass würde bei einem Schweizer Publikum ziehen?
Das wäre doch der ideale Stoff: Eine Verbindung aus moderner Fantasy und einem Stück Schweizer Kulturgut. Da fühlt sich niemand ausgeschlossen. Ich glaube, mit Alpenkrimis allein spricht man kein jüngeres Publikum an.

Sie sprechen «Wilder» oder den «Bestatter» an. Die erreichen immerhin regelmässig um die 700'000 Zuschauer.
Ich habe nichts gegen diese Serien. Aber in anderen Ländern laufen solche Reihen im frühen Abendprogramm und nicht zur Primetime. Und à propos Service public: Diese Serien bringen auch der hiesigen Filmszene verhältnismässig wenig. In meinen Augen braucht es jetzt grössere Projekte in Koproduktionen. Das schliesst ja nicht aus, dass man dafür schaut, dass mehr hiesige Filmschaffende oder Special-Effects-Spezialisten berücksichtigt werden. Wenn das SRF einer neuen Generation Kulturschaffender das Gefühl gibt, dass man sie ernst nimmt, entsteht vielleicht auch weniger Abneigung gegen die Leitkultur. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 13:56 Uhr

Samuel Schwarz, geboren 1971, ist Gründer und Leiter der Theatergruppe 400asa. 2016 gründete er die Digitalbühne Zürich. (Bild: zvg)

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