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Im Land des Pharmatrunks

Im neuen Schweizer «Tatort» ging es um Sterbehilfe und Sterbetourismus. Der Film war weniger ein Krimi als ein Debattenbeitrag zur Primetime.

Die Schweiz, hört man manchmal, sei kein Filmland, weil es uns zu gut gehe: wenig landesspezifische Konflikte, schon gar keine existenziellen. Kaum Armut, keine traumatisierten Afghanistan-Rückkehrer oder kein grassierender Fremdenhass. Doch mit der liberalen Schweizer Sterbehilferegelung hat der Luzerner «Tatort» ein gesellschaftspolitisches Thema aufgegriffen, das sogar über die Landesgrenzen hinaus interessiert.

Im Auftakt des Films wurde eine schwer kranke deutsche Parkinson-Patientin in einem Sterbezimmer von der fiktiven Organisation Transitus in den Tod begleitet. Regisseurin Sabine Boss gestaltete die Szene beklemmend ausführlich. Blumen auf den Tisch, Verfügung unterschreiben, Pharmatrunk mischen. Die Tochter der Patientin legte ihre Mutter ins Bett, bald darauf war die Kranke tot. Der Sohn haderte mit der Entscheidung: «Warum seid ihr in diese Scheiss-Schweiz gefahren?!»

In Deutschland, wo den Film knapp sieben Millionen Zuschauer sahen, läuft seit Jahren eine emotional geführte Diskussion über das Für und Wider von organisierter Sterbehilfe. Weil Letztere verboten ist, kommen immer mehr Sterbewillige in die Schweiz. Hierzulande befürwortet laut Studien eine Mehrheit die Sterbehilfe. Es war deshalb spannend zu sehen, wie der «Tatort» das Thema anpackte. Würde er Stellung beziehen?

Viel Metaphorik

Verpackt war diese Frage natürlich in einen Mordfall. Die Sterbebegleiterin der Parkinson-Kranken wurde ermordet, deren Sohn geriet in Verdacht. Auch der Transitus-Chef hätte es sein können, denn er hatte ein Verhältnis mit der Sterbebegleiterin. Und der Anführer der religiösen Vereinigung «Pro Vita» musste fürchten, dass sie die ungewollte Schwangerschaft seiner Geliebten ausplauderte. Ausserdem war da noch ein Transitus-Nachbar, der verzweifelt auf eine neue Niere hoffte und der Sterbeorganisation deshalb zynisch gegenüberstand.

Es war ein bisschen viel Metaphorik zu Leben und Tod, zumal der Film in einem düsteren Farbton gehalten war. Als ob die Sonne nicht scheint, wenn gestorben wird! Doch das ist Kritik auf hohem Niveau; der Film zeigte eindrücklich, dass das «Tatort»-Gefäss mehr sein kann als ein Whodunnit, ein Fenster nämlich in die Wirklichkeit – und noch mehr: ein Debattenbeitrag zur Primetime. Dass die Enthüllung des Mörders Transitus in einem etwas zweifelhaften Licht dastehen liess, dürften seriöse, real existierende Sterbehilfeorganisation dafür gerne in Kauf nehmen.

Stimmen die Details der Sterbebegleitung, oder hat man diese auf dem Altar des Thrills geopfert? Lesen Sie am Montag ab 8 Uhr unseren Faktencheck zum Sterbehilfe-«Tatort».

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