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In der Retro-Höhle

Die 80er-Romantik in «Dark» erinnert an «Stranger Things». Das Skript war aber lange vorher fertig.

MeinungPascal Blum
Irgendwo zwischen nordischem Noir, deutschem «Twin Peaks», Fernsehkrimi und einer seltsamen Hipster-Sehnsucht nach Paranoia: Die erste deutsche Netflix-Serie «Dark».

Hätte sich «Dark», die erste deutsche Netflix-Serie, ein besseres Bild für den gegenwärtigen Retrotrend aussuchen können als einen Folterknecht, der sein Opfer mit einem Nena-Videoclip quält? «Irgendwie, irgendwo, irgendwann» tönt es schon bald in der neuen Mystery-Serie aus einem Röhrenfernseher. Der steht in einem zum bizarren 80er-Jahre-Kinderzimmer ausgekleideten Luftschutzbunker, in dessen Mitte ein mittelalterlicher Folterstuhl mit einer Vorrichtung auf Kopfhöhe prangt, die einem die Augenpartie wegbrennt.

Das kann man nun missverstehen als Anspielung auf die aggressive Wirkung der 80er-Nostalgie, die zurzeit ja überall drinsteckt: in «Stranger Things», der anderen aktuellen Netflix-Gruselserie, im Horrorkino, im Revival von New Wave. So gemeint haben es die «Dark»- Macher kaum, sie hatten ihre Skripts lange vor «Stranger Things» fertig. Und auch wenn die Serie nun in 190 Ländern abrufbar ist und auf Englisch synchronisiert wurde: Sie spielt im deutschen Schwarzromantikwald und wedelt zuweilen etwas sehr aufdringlich mit den Zeitflaggen von damals.

Ausserordentlicher Kraftort

Das Jahr in «Dark» ist aber erst einmal 2019. Da geschieht es, dass der Junge Mikkel, seine älteren Geschwister und deren Kollegen im Wald um das fiktive Kaff Winden von einer Höhle flüchten, in der es bedrohlich poltert. Mikkel ist Sekunden später verschwunden. Wie von der Zeit verschluckt, denn die Höhle scheint ein aussergewöhnlicher Kraftort zu sein.

Etwas schiesst Mikkel zurück nach 1986, und wir erinnern uns gleich: ökologischer Wendemoment, Tschernobyl, Atomkraft-Nein-danke-Sticker. Die Höhle liegt nahe an einem AKW, dem wichtigsten Arbeitgeber in der Region, und da merkt man dann auch wieder schnell, dass die Dinge alle irgendwie zusammenhängen und die Eltern in Winden so einiges zu verbergen haben: 1986 war das Jahr, als auch Mikkels Onkel spurlos verschwand.

Mikkels Vater, ein Kriminalpolizist, findet in der Gegenwart nun nicht nur seinen Bruder, sondern auch seinen Sohn nicht mehr. Auf der Vermisstensuche greift er deshalb rasch zum Brecheisen.

Die kontrolliert entsättigte Ästhetik sieht toll aus.

«Dark» stammt von Autorin Jantje Friese und Regisseur Baran bo Odar, der 1978 in Olten geboren wurde, in Bayern aufwuchs, von Hollywood geholt wurde und so zu Netflix kam. Die Serie verströmt fürs internationale Publikum kalkulierte Schauerwohligkeit – irgendwo zwischen nordischem Noir, deutschem «Twin Peaks», Fernsehkrimi und einer seltsamen Hipster-Sehnsucht nach einer Paranoia, die man selbst nie erleben durfte.

Die Fantasy-Serie «Lost» mag wegen ihrer Wurmloch-Philosophien und des zum Episodenende hin grell aufgedrehten Cliffhangers als Vorbild ebenfalls in Betracht kommen. Allerdings verlässt sich «Dark» mehr auf Apokalypsenbombast in aller digitalen Bildschärfe. Regnet es nicht gerade Vögel vom Himmel, geht ein Prophet durch die Provinzstrassen. Und wenn ein Velofahrer in einer gelben Regenjacke durchs Unwetter zischt, sieht man ihn mindestens aus der Helikopterperspektive, darunter machen sie es hier eigentlich nicht.

Sieht aber toll aus, diese kontrolliert entsättigte Ästhetik. Falls man die Eindeutigkeiten von Schauspiel und Drehbuch auch noch etwas herunterdimmen könnte, hätte man nichts dagegen. Vielleicht wirds ja noch. Oder wars das schon?

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