Jegge ist überall

Der «Club» beschäftigte sich mit dem Fall Jegge. Es kamen weder Opfer noch Täter zu Wort, sondern Missbrauchsexperten. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse.

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Inwiefern hat der Fall Jegge mit der Reformpädagogik zu tun?

Jegges Übergriffe deutete die «Club»-Runde als Verrat an der Reformpädagogik. Diese sei ja lange vor Jegge etabliert worden, so Autorin Cornelia Kazis, und auch wenn diese mehr Nähe zum Kind propagiert, war darin nie von sexuellen Kontakten die Rede. Jürg Brühlmann, der pädagogische Leiter des Schweizerischen Lehrerverbands, ergänzte, dass es immer Möglichkeiten gab, sich einen ideologischen Überbau zu bauen, sei es mit Plato oder eben mit der sexuellen Befreiung der 68er. Spannend in diesem Zusammenhang ist die Frage, ob Jegge seine Theorie selber geglaubt hat. Dies vermochte der «Club» nicht abschliessend zu beantworten. Der forensische Psychiater Thomas Knecht befand, dass Jegge sein Triebleben wohl ideologisiert habe, wahrscheinlich auch, um seine Gewissensnot zu lindern. Hugo Stamm wiederum sieht Jegges «Sex-Therapie» als Schutzbehauptung. Die Pädophilen in den 70ern hätten den Zeitgeist bewusst ausgenutzt.

Birgt der heutige Zeitgeist weniger Missbrauchspotenzial?

Attraktiv für Pädosexuelle sind «geschlossene, prestigeträchtige Systeme mit einer eigenen Ideologie», sagte Kazis. Davon ausgehend, könnte heute Gefahr von Home Schooling ausgehen. Aber auch bei Heimen, Internaten oder Tagesschulen sollte man genau hinschauen, waren sich die Experten einig. Brühlmann bedauerte in diesem Zusammenhang, dass die Kantone die schwarzen Listen mit übergriffigen Lehrern nicht einheitlich handhaben und forderte einen gemeinsamen Standard. Denn wie Regula Schwager, Psychotherapeutin bei der Opferstelle Castagna sagte: «Auch normale Schulen sind totalitäre Systeme und somit missbrauchsanfällig.»

Wie lullen Täter Kinder ein? Gibt es ein Täterprofil?

Das Muster ist bekannt: Ob in Sekten, im Fall Jegge oder anderen Missbrauchssituationen: Die Opfer werden von den Tätern in eine Parallelwelt gebracht, wo sie ein neues Koordinatennetz bekommen, ein neues Wertesystem, das sie in Abhängigkeit stürzt, die von den Tätern ausgenutzt wird. Täter bauen Kinder psychologisch auf, indem sie das Interesse an ihnen wecken – auf nicht sexuelle Weise, mit Sport oder Kunst. So gerate das Kind in den Dunstkreis des Täters, erst danach komme es Schritt um Schritt zu sexuellen Kontakten, sagte Thomas Knecht.

«Pädophile sind keine Monster und das ist das Problem»: «Club» vom 11.April 2017.

Wieso schweigen die meisten Opfer?

Markus Zangger hat sich den Missbrauch erst als 28-Jähriger eingestanden. Für Kazis ist das ein typisches Verhalten: «Es ist wie eine psychische Isolationshaft.» Viele Opfer scheuen sich ausserdem vor der Rolle des homosexuellen Missbrauchsopfers. Die Öffentlichkeit und die Scham, die damit einhergeht, ist gerade für Männer sehr schwierig. Umso wichtiger ist es da, dass während der Missbrauchsphase Zeichen erkannt werden.

Welches sind die Alarmsignale?

Laut Brühlmann gibt es für potenzielle Opfer eine Regel: Wenn ein Kind das Gefühl hat, es dürfe etwas nicht sagen, weil es mit dem Lehrer ein Geheimnis habe. Tatsächlich hatte Jürg Jegge Zangger gedroht, er würde ausgelacht, wenn er sein Schweigegelübde breche. Brühlmann: «Der Täter hat Auswahlmöglichkeiten und konzentriert sich auf Kinder, die unter Benachteiligung und Vernachlässigung leiden.» Die Opfer sind also schwache Kinder, im Fall Jegge waren die Opfer denn auch Sonderschüler. «Das Auge des Jägers» nannte Thomas Knecht dies und ergänzte, dass Pädosexuelle nicht nur Kinder einlullen, sondern auch deren Eltern. Der pädosexuelle Täter sei auch oft im familiären Umfeld zu Hause; ein Götti oder ein guter Freund: «Geht ins Kino, geht in die Oper – ich kümmere mich um euer Kind.»

Was können Eltern tun?

Dem Kind beibringen, in solchen konkreten Situationen Nein zu sagen, ist schwierig, da die Täter keine plumpen sexuellen Avancen machen, sondern ihre Opfer schrittweise in eine Abhängigkeit führen. Schwager: «Im schlimmsten Fall kriegt das Kind sogar ein schlechtes Gewissen, weil es nicht Nein sagen kann. Man soll den Kindern aber beibringen, dass es Körpergrenzen gebe.» Cornelia Kazis empfahl, eine innerfamiliäre Kultur zu pflegen, die Probleme thematisiert, sie zum Ausdruck bringt. Nicht nur fragen: Bist du traurig oder glücklich? Doch die Verantwortung oder die Beweislast bei einem Missbrauch, das bestätigten alle «Club»-Gäste, liege nicht bei den Kindern, sondern bei der Schule.

Was ist an den Schulen zu tun?

20 Prozent aller Männer, daran erinnerte Thomas Knecht, sind ansprechbar auf Kindersex. Da stellt sich natürlich die Frage, wie man als Schule mit männlichen Lehrpersonen, gerade in unteren Schulstufen, umgeht – ohne in Vorverurteilung zu fallen. Und ohne auf jeglichen körperlichen Kontakt zu Kindern zu verzichten, etwa wenn ein Kind im Sport Hilfe oder in Trostsituationen eine Umarmung braucht. Die Runde hatte allerdings keine Antwort auf dieses Dilemma. Regula Schwager: «Sicher ist, dass bei Neueinstellungen von Lehrern der Strafregisterauszug nicht genügt, Schulen müssen genau abklären, wieso ein Lehrer die Stelle gewechselt hat.» Präventiv wird heute in Krippen nur noch bei offenen Türen gewickelt, auch bei Nachhilfestunden nach Schulschluss bleiben die Türen offen. Laut Schwager sind Missbräuche an Schulen aber nach wie vor ein Tabuthema, viele Lehrer mögen sich die Kollegen nicht als Pädosexuelle vorstellen. Ausserdem sei die Handhabung von Missbrauchsverdachten an vielen Schulen schlicht falsch; es komme oft zu Eigenjustiz und Konfrontationsgesprächen mit den Schülern – anstatt dass die Polizei eingeschaltet werde.

Besteht die Gefahr eines Missbrauchs vom Missbrauch?

Dies verneinte Regula Schwager vehement. Kinder unter 12 Jahren hätten kein Interesse daran, Lehrpersonen fälschlicherweise anzuschwärzen. Die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch von Kindern in der Schweiz stehe in keinem Verhältnis zu den medialen Behauptungen von «Hexenjagden».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.04.2017, 13:12 Uhr

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