Jemand muss die Wildsau sein

Auch SRF hat nun eine Sex-Serie. Es geht um müde gewordene Pärchen.

Drei Paare im alltäglichen Wahnsinn ihrer Liebesbeziehung: Die neue SRF-Serie «Seitentriebe». Video: SRF


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Nun schlägt im Schweizer Fernsehen der Lust- und Johannistrieb wirklich stark aus, ist jedoch realistischerweise immer in Gefahr, gleich wieder zu verdorren und abzusterben. Es ist schon in den ersten zwei Folgen von Güzin Kars libertiner und scharfzüngiger Serie «Seitentriebe» die empfindliche Pflanze Lust-und-Liebe, eine Mimosenart, wenn das floristische Bild erlaubt ist, gegossen worden, dass es nur so eine Art hatte. Aber man muss sich den Kampf gegen das Dörren als eine Arbeit von Sisyphussen und Sisyphussinnen vorstellen. Als einen mühseligen Kreislauf von Unlust erzeugender Lust und Lust erzeugender Unlust.

Das hatte von Beginn an alle Ingredienzien der hochkomischen Tragödien und traurigen Komödien der reiferen Jahre, jetzt einmal abgesehen von jenem kleinen Schuss lustvoll depressivem Pubertätsbegehren. Die Hauptprotagonisten, damit wir mal eine Auslegeordnung haben, heissen Nele (Vera Bommer) und Gianni (Nicola Mastroberardino), Heinz (Leonardo Nigro) und Monika (Wanda Wylowa), Clara (Sunnyi Melles) und Anton (Peter Jecklin). Man hat sie alle gern, und es ist ein Elend mit ihnen.

Der Nele fehlte das Wildsäuische

Die alte Geschichte bleibt immer neu, dass zwei zusammen- und gar nicht mehr aus dem Bett kommen, aber dann fängt es eben erst an, wie man ahnt im Leben und in der Fiktion; der alte Tucholsky hat das ja früh gewusst: «Es wird nach einem Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt.» Und bei Güzin Kar fings nun gewissermassen nach dem ersten Abblenden an und handelte davon, was anfing und wie das Lieben, das immer weiterglomm und nicht endete, sich hinzog und der Ermüdung der Leidenschaften und der Lendenlahmheit und höchstens noch einer Simulation von ehelichem Sex entgegenschleppte.

Ist es Unlust erzeugende Lust? Oder Lust erzeugende Unlust? Foto: Nikkol Rot (SRF)

Sodass – wir deuten nur ein Weniges an – zum Beispiel der Nele im Bett das Wildsäuische fehlte und dem Gianni die Lust, Wildsau zu sein, worauf beide über den Hag fressen wollten. Sodass beispielsweise die Monika so orgasmuslos durchs Leben ging, dass ihr anhand einer Südfrucht das Masturbieren beigebracht werden musste (Sunnyi Melles macht das). Das war sehr inspirierend; derart, dass sie, als der Heinz beim Nachtessen im Sauriermuseum Aathal vorschlug, man solle gemeinsam halt einmal etwas Neues probieren, etwas, wofür man sich bis jetzt geschämt hätte, sagte: Analsex. Er meinte aber Kutteln. Ferner war die fröhliche Melancholie, die bei Clara und Peter über der Dialektik von Altersliebe und Alterssex lag, geradezu berührend.

Einigermassen glaubwürdige Beziehungsgeflechte

Es ist eine tolle Serie in ihrem ökonomischen Witz. «Ökonomisch» nicht, weil etwas nicht zu viel kosten durfte (das stimme auch, liest man, aber man merkt es nicht). Sondern weils in diesem heiklen 25-Minuten-Format sehr kunstvoll und umwegsarm gelang, einigermassen glaubwürdige Beziehungsgeflechte und fadengerade Pointensicherheit zu vereinen.

Ob Nele mit Timo schlafen wird, dem minderjährigen Sohn von Monika und Heinz, von dem Heinz glaubt, er sei nicht seiner, ist übrigens noch nicht raus. Es hat erst ein Liebäugeln begonnen.

Zwei Folgen jeweils am Montag auf SRF 2, 20.10 und 20.35 Uhr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2018, 21:05 Uhr

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