Justiz ist ihr Hobby

Gerichtsshow: SRF lässt Laien über sexuelle Belästigung richten. Darf man das?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dunkle Hölzer, dicke Polster, die Rituale des Eintretens, Hinsetzens und Ansprechens: «Das Tribunal» ist ein Kammerspiel, gefilmtes Theater, wie man es in dieser spartanischen Anlage im Fernsehen vielleicht seit «Fascht e Familie» nicht mehr gesehen hat.

In der Laborsituation des künstlichen Gerichts wird ein ethisches Experiment durchgeführt: Vier reale Laien entscheiden einen fiktiven Gerichtsfall. Komplettiert wird das Ensemble von einer Richterin und den beiden Anwälten, allesamt von Schauspielern dargestellt. Der Saal ist ansonsten leer, im Gegensatz zu realen Geschworenengerichten sind Angeklagte, Kläger und Zeugen nicht zugegen.

In der ersten Folge gehts um sexuelle Belästigung. Die Chefin sagt zum Angestellten, der sie in ihre Wohnung begleitet hat: «Es wäre schön, wenn du diese Nacht bleiben würdest.» Darauf wird ihr, die wegen Anzüglichkeiten bereits verwarnt worden war, fristlos gekündigt. Zu Recht? Das war hier die Frage. 68‘000 Zuschauerinnen und Zuschauer schalteten ein, was einem Marktanteil von knapp sechs Prozent entspricht. Der Erfolg «solch experimenteller Formate», sagt SRF, bemesse sich nicht primär anhand der Quote.

Ein Kammerspiel

«Das Tribunal» ist Beispiel einer merkwürdigen Entwicklung. Einerseits verliert das Geschworenengericht real an Bedeutung. Durchgesetzt hat sich die Meinung, dass die Rechtssprechung zu komplex geworden sei, als dass man sie Laien noch anvertrauen könnte. Im Kanton Zürich wurde das Geschworenengericht 2011 abgeschafft, mittlerweile existiert es in der Schweiz als Schrumpfform noch im Tessin.

Andererseits haben Künstler das Geschworenengericht lieben gelernt. Milo Rau verdankt ihm seine Theaterkarriere, Ferdinand von Schirach gelang mit dem Drama «Terror – Ihr Urteil» ein Grosserfolg, verfilmt und 2016 zur besten Sendezeit ausgestrahlt, der fintenreiche Prozess um O. J. Simpson war Stoff einer TV-Serie.

Emotionen statt Aktenhuberei

Was ist ein Geschworenengericht? Das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand und das Misstrauen gegenüber der juristisch-akademischen Sphäre, gemeinsam zur Rechtsform geronnen. Laien wie du und ich entscheiden über Schuld oder Unschuld. Alltagswissen und Juristen-Expertise kollidieren. Stärker als in anderen Prozessformen spielen Rhetorik und Gefühle ins Urteil hinein, es bietet auch Instinkt statt blosse kalte Expertise, ein Spektakel der Emotionen statt staubiger Aktenhuberei allein. Marc Thommen, Rechtsprofessor der Uni Zürich, kann die Entscheidung von SRF fürs Geschworenengericht nachvollziehen: Geschworenengerichtliche Verfahren liessen sich hervorragend inszenieren, hätten die Stärke einer kontradiktorischen Urteilsfindung, seien an sich ein «Justiztheater».

«Das Geschworenengericht hat eine eigene Qualität, die Qualität des Unmittelbaren»Pierre Martin, Präsident des allerletzten Zürcher Geschworenengerichts

«Das Geschworenengericht hat eine eigene Qualität, die Qualität des Unmittelbaren», sagt Pierre Martin. Martin präsidierte 2011 das allerletzte Zürcher Geschworenengericht. Der frühere Richter ist bis heute überzeugt, dass die Zürcher Variante des Geschworenengerichts – neun Laien, zwei Berufsrichter und der Gerichtspräsident entschieden über einen Fall – eine gute Form der Rechtssprechung wäre. «Das Tribunal» findet Martin «durchaus interessant». SRF habe die Geschworenen klug ausgewählt, und die Zuschauer könnten in der Sendung neue Argumente entdecken. Allerdings sieht Martin auch Mängel.

Trotzdem entlassen

Am Schluss, nach einer kurzen, wilden Diskussion ohne jedes Fachwissen, befinden die Laien einstimmig, die Chefin sei zu Unrecht fristlos entlassen worden. «Die Laien und vermutlich auch die meisten Zuschauer sind am Schluss der Meinung, dass die Frau nun wieder arbeiten gehen könne – dass also alles wieder so sei wie vorher», sagt Martin. Doch das sei falsch. Die fristlose Entlassung würde in der Realität einfach in eine ordentliche Entlassung umgewandelt. «Es wäre gut, wenn SRF eine minimale Einführung ins rechtliche Problem geben würde», sagt Martin.

Michele Luminati, Rechtsprofessor der Uni Luzern, hat sich die Sendung ebenfalls angeschaut. Wie Martin ist Luminati der Meinung, dass die Frau trotz Freispruch entlassen worden wäre. Der Professor meint, die Show habe wenig mit der tatsächlichen Arbeit eines Geschworenengerichts zu tun, und der gezeigte Fall hätte auch mit Berufsrichtern diskutiert werden können – die Schwierigkeiten der Entscheidungsfindung seien ja dieselben. Luminati lobt SRF allerdings auch fürs Bemühen, dem Publikum die Schwierigkeit einer Urteilsfindung näherbringen zu wollen.

Die Zweitkarriere des Geschworenengerichts als Kunstform dürfte derweil weitergehen. Oberrichter Martins bisher letzter Auftritt als Gerichtspräsident vor Geschworenen war denn auch nicht in einem Gerichtssaal – sondern auf einer Bühne des Zürcher Theaterspektakels, den Richter spielend in einem dieser vielen Theaterstücke, die die kalte Rationalität der Paragraphen mit der menschlichen Unvernunft kurzschliessen.

«Das Tribunal», jeweils donnerstags, 21.05 bis 21:50

Erstellt: 07.06.2019, 13:07 Uhr

Artikel zum Thema

Prozess gegen «El Chapo»: Zwölf Geschworene gesucht

Dem mexikanischen Ex-Drogenboss wird in New York der Prozess gemacht. Die Auswahl der Geschworenen für die Jury beginnt unter höchsten Sicherheitsauflagen. Mehr...

Geschworenengericht spricht Trumps Ex-Wahlkampfmanager schuldig

Paul Manafort wurde in acht von achtzehn Anklagepunkten schuldig gesprochen. In zehn weiteren konnten sich die Geschworenen nicht einigen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Geldblog So vermeiden Sie ATM-Frust im Ausland

Mamablog Bin ich jetzt der Mann? 

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...