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Kein Erbarmen mit niemandem

Im neuen «Tatort» aus Niedersachsen lassen alle die Hosen runter – als Erstes Furtwängler-Kommissarin Lindholm. Ein starkes Stück.

LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm ist auch nur ein Mensch. Manchmal konnte das ja schier vergessen gehen in den vergangenen 15 Jahren, in denen die wunderbare Maria Furtwängler die bis an die Grenze des Erträglichen verschlossene, aber höchst erfolgreiche Ermittlerin gab. Diesmal, in «Der Fall Holdt» – dem 25. Lindholm-«Tatort» –, nicht. Der Film startet als emotionale Achterbahn: Erst feiert die kühle Blondine ausgelassen in einem Club, buchstäblich ganz oben, in die Höhe gehoben von ihrem Lover. Wenig später jedoch liegt sie unten im Strassendreck, zusammengeschlagen von namenlosen Passanten. Und ab da gibts nur noch eine Richtung: abwärts, abwärts.

So ist sie krankgeschrieben, aber ihr unerbittlicher Chef und ihr noch unerbittlicherer Ehrgeiz treiben sie nach draussen, in den leitmotivisch dräuend gefilmten Wald bei Walsrode (Kamera: Bernhard Keller), um einen Entführungsfall zu klären. Die Frau des Filialleiters einer Bank ist verschwunden, es gibt eine Geldforderung. Der verstockte Gatte ist finanziell und psychisch schwer angeschlagen – schauspielerisch hingegen makellos: Aljoscha Stadelmann. Der Mann will die Geldübergabe ohne Polizei abwickeln; und alles, was schiefgehen kann, geht schief. Nur diese 90 Minuten Unterhaltung nicht!

Verwundete Seelen

Anfangs blickt man leicht irritiert, dann zunehmend fasziniert auf all diese dunklen Räume in Stadt und Natur, die unter der kantigen Regie der 35-jährigen, mehrfach preisgekrönten «Tatort»-Debütantin Anne Berrached («24 Wochen») entstanden sind: Pendants zu den lichtlosen Ecken in den verwundeten Seelen. Lindholm leidet unter Flashbacks der nächtlichen Attacke auf sie und ist allmählich davon besessen, den mal hitzigen, mal versteinerten Banker, der seine Frau auch schon verprügelt hat, zur Strecke zu bringen. Es tut ihr zudem gar nicht gut, dass ihr ein Double ihrer selbst zur Seite steht: eine junge Beamtin mit loderndem Aufstiegswillen und gleichem Look wie die versehrte Ältere, aber mit mehr Energie und rabenschwarzer Raffinesse (Susanne Bormann). Die Hauptkommissarin beginnt, Fehler zu machen.

Die Leiche des brutal malträtierten Entführungsopfers samt erschossenem Hund wird schliesslich gefunden, der Sohn verzweifelt, in der Haft erhängt sich der Mann. Aber die Täterschaft bleibt offen. Lindholm hat auf ganzer Linie versagt und kann – muss – ab nach Hause. «Der Fall Holdt» ist kein Wohlfühl-Krimi, aber einer, der den tollen Hauptdarstellern in jedem Sinn eine Wahnsinnsbühne gibt; zum Glück verschont uns Drehbuchautor Jan Braren auch von den unsäglichen Mutter-Kind-Momenten anderer Lindholm-Episoden und setzt lieber auf Konkurrenzkampf, Verlustangst, stinknormale Verlorenheit im 21. Jahrhundert. Und wos dem Zuschauer schmuch wird ob der scheinbaren Unwahrscheinlichkeiten des Plots, kann er im Nachgang feststellen: Fast genauso lief es ab bei der Entführung der Bankiersgattin Maria Bögerl in Heidenheim 2010. Der Fall ist bis heute ungelöst. Dieser Jubiläumstatort ist derart menschelnd düster, dass man zum Applaus eine Wunderkerze anzünden möchte.

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