Kinder, Kinder diese Kälte

Der neue Frankfurter «Tatort» bot Einblick in eine ehrgeizige Sportfunktionärsfamilie – selbst die Polizei schaute weg.

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Was für ein Satansbraten: Zuerst erpresst der 12-jährige Felix seinen Lehrer. Dann terrorisiert er eine Klassenkameradin. Dann lässt er eine ältere Frau, die wegen ihm gestürzt ist, einfach am Boden liegen. Nein, ans Herz wachsen wird einem dieser von Juri Winkler gespielte Spross eines Sportfunktionärs im «Tatort» namens «Unter Kriegern» nicht.

Aber kann er etwas dafür? Sein Vater (Golo Euler) ist nämlich noch das grössere Ekel. Er leitet ein Leistungszentrum in Frankfurt, strebt aber eine Karriere als Olympia-Funktionär an. Dafür demütigt er seine Mitarbeiter und kuscht gegen oben. Denn er hat buchstäblich eine Leiche im Keller. Im Heizkessel unter der Turnhalle ist ein totes Kind gefunden worden, aus einer Einwandererfamilie.

Grauenhaftes im Heizkessel

Der Tod des Kindes ist etwas vom Grauenhaftesten, das man sich vorstellen kann: Tagelang war es eingesperrt, es verdurstete wohl, an seinen Fingernägeln fanden sich Spuren, weil es verzweifelt versucht hatte, sich zu befreien. Mehrmals gibt es kurze Rückblenden zu ihm, schrecklich, denkt man kurz. Aber seltsam, es berührt einen nicht wirklich. Man ist zu sehr abgelenkt von der noch schrecklicheren Familie, die etwas mit dem Verbrechen zu tun haben muss.

Zum Ekel Felix und zum Oberekel Papa gesellt sich nämlich noch die Frau (Lina Beckmann). Sie muss zuerst total unten durch, wird von den beiden Männern fertiggemacht: «Ey, wir haben Hunger, Mann» ist noch einer der freundlicheren Sätze, die sie zu hören bekommt. Aber durch die Verwicklungen bekommt sie Oberwasser. Sympathisch wird sie dadurch nicht.

Selbst die Villa wirkt abstossend

Regie führte die erfahrene Hermine Huntgeburth, die im Kino mit «Die weisse Massai» bekannt wurde und von «Tom Sawyer» bis «Effi Briest» zahlreiche Bücher verfilmte. Hier ist es tatsächlich so, als ob sie an einem Wettbewerb teilgenommen hätte, wie man die unsympathischsten Menschen auf den Bildschirm bringen könnte. Das ist zwar in sich stimmig, aber mühsam zum Ansehen: Selbst die riesige Villa, in der die Familie logiert – verdienen Sportfunktionäre so viel? – wirkt kalt und abstossend. Am Ende ist der Mörder, als ultimative Provokation, doch tatsächlich… nein, das wollen Sie nicht wissen, wenn Sie es nicht gesehen haben.

Und die Polizei? Die Kommissare Janneke und Brix haben in ihrem siebten Fall so wenig zu tun wie nie zuvor. «Ja scheisse, wir laufen hinterher», rufen sie einmal, und viel mehr ist da wirklich nicht. Dafür kann sich ihr Chef profilieren. Der vom Bündner Bruno Cathomas gespielte Kommissariatsleiter, der gerne Gedichte rezitiert, kriegt nämlich gleich zu Beginn eins auf die Nase. Er findet den Täter, reagiert aber ganz anders als man denkt. Es gibt also doch gute Menschen im Frankfurter «Tatort».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2018, 21:48 Uhr

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