Das ist am Zürcher «Tatort» zu begrüssen

Der Schauplatz, zwei Kommissarinnen, weniger Realität: Was bisher vom neuen Schweizer «Tatort» bekannt ist, lässt aufhorchen.

Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler sind die Ermittlerinnen des Zürcher «Tatorts». Video: SDA

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Ist die Neubesetzung eines Schweizer Krimi-Teams eine wichtige Meldung? Eigentlich nicht. Doch im Fall der Schweizer «Tatort»-Ermittler ist das anders. Zehn Millionen Zuschauer verfolgen am Sonntagabend die Fälle der jahrzehntealten Krimireihe. Der Tatort ist das letzte mediale Lagerfeuer im deutschsprachigen Raum. Eine Neubesetzung sollte gut überlegt sein.

Das aktuelle Schweizer Duo, das noch bis im September in Luzern ermittelt, verzeichnet in der Schweiz zwar gute Quoten. Doch in Deutschland liegen die Kommissare Flückiger und Ritschard auf dem letzten Platz aller «Tatort»-Teams. Einer der Gründe ist die Synchronisation von der Mundart ins Hochdeutsche (damit wird auch das neue Team zu kämpfen haben). Zudem blieb das Profil von Flückiger/Ritschard bis zum Schluss nebulös. In Zeiten, wo viele TV-Helden gespaltene Figuren sind – und der Tatort immer stärkere Konkurrenz von Netflix-Serien hat – nehmen sich die beiden Schweizer Kommissare farblos aus.

Von den Zürcher Ermittlerinnen ist noch nicht viel mehr bekannt, als dass es zwei gegensätzliche Frauen sind. Doch ein rein weibliches «Tatort»-Team ist in Zeiten von Forderungen nach mehr Frauen in Führungspositionen zeitgemäss. Ausserdem erlaubt es, Geschichten aus einer femininen Perspektive zu erzählen. Ob das nicht zu einer Klischee-Übung verkommt, hängt von der Figurenzeichnung ab. Auch weil die «Tatort»-Filme nicht immer auf ein fulminantes Drehbuch zählen können und die Drehtage beschränkt sind, ist es wichtig, dass die Figuren und Hintergründe zu den Kommissaren attraktiv entworfen sind. Regelbrecher wie früher ein Schimanski, aber auch das Komiker-Duo aus Münster, kommen besonders gut an.

Aufhorchen lässt das Statement von SRF-Fiktionschefs Urs Fitze, der sagte, dass man mit dem neuen «Tatort» «nicht an der Realität kleben wolle». Tatsächlich leiden viele Folgen der Krimireihe unter dem Zwang, ein soziales Milieu ausleuchten und kommentieren zu wollen, was oft zu einem moralischen Sermon verkommt. Dass sich der Zürcher «Tatort» «erzählerische Freiheiten» nehmen will, ist zu begrüssen – genauso wie die Wahl des Schauplatzes Zürich. Die grösste Schweizer Stadt bietet am meisten Inspiration für Geschichten: Die Hochfinanz, die Expat-Bubble, die Kulturinstitutionen, die Technoszene. Kurz: die Gesellschaft zwischen Goldküste und Langstrasse.

Bevor der erste Film im Herbst 2020 ausgestrahlt wird, ist es zu früh für ein Urteil. Bis jetzt hat der neue Schweizer «Tatort» aber schon einiges richtig gemacht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.05.2019, 19:45 Uhr

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