Liefert die BBC das Vorbild für eine neue SRG?

Beide Rundfunkanstalten stehen zurzeit unter Druck der Politik. BBC-Direktor Tony Hall hat eine Lösung, die vielleicht auch für die Schweiz interessant sein könnte.

Tanz und Glamour: Zwei Teilnehmer der Hitshow «Strictly Come Dancing». Bild: Keystone/BBC

Tanz und Glamour: Zwei Teilnehmer der Hitshow «Strictly Come Dancing». Bild: Keystone/BBC

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Ende 2016 läuft der Leistungsauftrag der BBC aus. Dann wird eine neue Form der Gebührenfinanzierung – und vor allem eine neue Struktur des Angebots – die Geschicke des öffentlich-rechtlichen Senders bestimmen. Geliebäugelt wird mit dem System einer Haushaltsgebühr, wie sie Deutschland oder bald auch die Schweiz kennen. Bis jetzt müssen die Engländer eine sogenannte Fernsehlizenz erwerben, um die öffentlich-rechtlichen Programme zu konsumieren.

Nun lancierte Direktor Tony Hall eine Diskussion über ein neues Modell, das den grössten Wandel der englischen Rundfunkanstalt aller Zeiten darstellt. Laut einem Bericht auf der Website Theguardian.com wolle das 93-jährige Medienunternehmen seine Flaggschiffe der Unterhaltungssparte auslagern. Fernsehsendungen im Bereich News und Sport würden weiterhin aus dem Gebührentopf finanziert. Konkret hiesse das, Sendungen wie «Top Gear», «East Enders» oder «Strictly Come Dancing» gingen in eine Tochtergesellschaft namens BBC Studios über.

Geben alles: Dieses Paar zeigt den Tanzstil Jive. Video: Youtube/BBC Worldwide

Die Auslagerung solle in zwei Schritten erfolgen. Erst stehe die Gründung an, mit der 2000 Mitarbeiter der neuen Firma übertragen werden. Mit der Zustimmung des Exekutivkomitees des Senders und einer Änderung in der BBC-Charta würde das neue Unternehmen Ende 2016 in eine kommerzielle Tochtergesellschaft, sprich in ein komplett werbefinanziertes, privatwirtschaftliches Unternehmen umgewandelt werden, das auch für andere Fernsehstationen produzieren könnte.

Weshalb diese komplexen Pläne?

BBC-Direktor Tony Hall denkt in grossen Dimensionen. Aber er habe laut «Guardian» ein Problem: Ihm würden die Leute davonlaufen. Sie wechselten zur Privatwirtschaft, da das aktuelle Gebührensystem nicht für angemessene Löhne reiche. Mit dem Verlust der qualifizierten Mitarbeiter, gehe auch die Kreativität verloren. Das eigenständige Unternehmen BBC Studios solle hier Abhilfe schaffen, indem sich die Belegschaft dort stärker selbst verwirklichen könne und höhere Löhne erhalte. Gleichzeitig würden die Produktionen aber weiterhin unter dem Namen BBC produziert und müssten nicht, wie zum Beispiel «The Voice», eingekauft werden. BBC Studios wäre also auch ein Beitrag Halls zur britischen Kreativwirtschaft.

Frohmütiger Vordenker: BBC-Direktor Tony Hall bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren. Bild: Reuters.

Unterhaltung auslagern – ein Modell für die SRG?

Wie die BBC sieht sich auch die SRG dauerhaft mit dem Vorwurf konfrontiert, Private durch das ausgeprägte Unterhaltungs- und Onlineangebot zu stark zu konkurrenzieren. Ausserdem geraten Boulevardsendungen wie zum Beispiel «Glanz und Gloria» schnell in die Missgunst zahlreicher Gebührenzahler. Hinzu kommt die SRF-Onlinemediathek, mit der private Schweizer Radio- und Fernsehsender fast unmöglich mithalten können. Deshalb werden immer wieder Stimmen laut, die sich für eine Senkung der Rundfunkgebühr aussprechen. Kann das BBC-Modell hier einen Ansatz liefern?

Ein Sprecher der SRG verweist darauf, dass die SRG gemäss Konzession dazu verpflichtet sei, einen angemessenen Anteil von Aufträgen an die «veranstalterunabhängige schweizerische audiovisuelle Industrie zu vergeben». Entsprechend pflege die SRG seit langem eine Tradition mit Auftragsproduktionen, auch im Bereich Unterhaltungssendungen. Ausserdem werde die In- und Outsourcing-Politik laufend überprüft.

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli meint zur Idee der BBC: «Das ist auch eine Möglichkeit für die Schweiz. Zuerst müssen wir aber dringend den Service public definieren.» Die Idee reiche aber nicht genügend weit. «Wenn die SRG weiterhin Unterhaltung machen will, muss sie sich dem Wettbewerb stellen. Das heisst dann gar keine Gebühren mehr, sondern komplette Werbefinanzierung.» Dazu müsse die SRG aber endlich die genaue Gebührenverwendung offenlegen.

Mehr Kostentransparenz und eine drastische Budgetreduktion fordert auch der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) in einem heute veröffentlichten Artikel der Gewerbezeitung. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt FDP-Nationalrat und SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler, das Modell der BBC sei ein Vorbild, wie man in grösseren Dimensionen denken könne. «Die Stossrichtung ist diskussionswürdig. Dann müsste man sich überlegen, wie man das für Schweizer Verhältnisse umsetzt.» Die Service-public-Debatte finde aber nicht statt – und wenn, dann nur in Fachzirkeln. «Das ist genau das, was wir bemängeln. Es wird sehr eindimensional diskutiert.» Bigler betont jedoch: «Wir wollen die Werbung für die SRG ja nicht ganz verbieten. Da unterscheiden wir uns von den Verlegern.»

Jedenfalls sei gerade jetzt der Zeitpunkt günstig, das BBC-Modell als einen von vielen Diskussionspunkten in die Service-public-Debatte aufzunehmen. «2017 geht es um die Konzessionsverlängerung. Diese lässt sich nur rechtfertigen, wenn wir wissen, was für einen Service public wir überhaupt wollen.»

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Was halten Sie vom BBC-Modell, Unterhaltung in eine werbefinanzierte Tochtergesellschaft auszulagern?




Erstellt: 18.09.2015, 16:22 Uhr

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