Lustige Reise auf den Balkan wird Lektion in Realität

Woher kommen die besten Spieler der Schweizer Nati? Zwei SRF-Radiomoderatoren waren auf einem Roadtrip im Osten.

In der ersten Folge sind Büssi und Manu nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina gereist. Quelle: SRF


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Der Aufschrei nach den Doppeladlergesten war gross, die Diskussion darum, wer Schweizer ist und wer nicht, war laut. Nun machten sich zwei SRF-3-Moderatoren auf, um herauszufinden, woher die Balkankicker der Schweizer Nati eigentlich stammen, in der dreiteiligen Serie «Mission Imbüssible – Am Ball im Balkan».

Auf ihrem Roadtrip besuchen Stefan «Büssi» Büsser und Manuel «Manu» Rothmund die Heimat von Mario Gavranovic, Haris Seferovic, Josip Drmic, Vladimir Petkovic, Admir Mehmedi und Blerim Dzemaili, Valon Behrami, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri. Sie fahren nach Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Albanien und Kosovo.

Mit dem Auto geht es zuerst Richtung Zagreb. Bereits der erste Patzer, aus dem Off. Zagreb spricht man nicht mit einem scharfen Z (etwa wie im «Zebra») aus, sondern eher mit einem stimmhaften S (wie «so»).

Erste wichtige Lektion

Plötzlich eine Rückblende von Büsser und seiner Verlobten bei der Verabschiedung. Unmöglich sei es, dass die beiden ganze zwei Wochen getrennt sein werden. Man möchte beim mit kitschig-trauriger Musik unterlegten Abschied aber nicht dabei sein. Es geht um den Balkan.

Bereits kommt die erste wichtige Lektion. Büsser stellt fest: «Ich weiss, dass es diese Länder gibt. Aber ich habe dann immer das Gefühl, das sei alles gleich. Eigentlich ein bisschen peinlich.» Richtig.

Die beiden nähern sich dem ersten Reiseziel, dem Fussballstadion des Clubs Dinamo Zagreb. Dazu läuft Ländler aus der Region. Die beiden Moderatoren besuchen Mario Gavranovic. Dieser hat in der Kabine seines neuen Clubs eine Schweizer Fahne aufgehängt und erzählt seinen Teamkollegen stolz, dass er Schweizer sei. Die Schweiz sei für ihn das perfekte Land. Und: Die Schweiz sei nicht vergleichbar mit Kroatien oder den meisten anderen Ländern. Das wird den beiden Moderatoren noch schneller klar, als ihnen lieb ist. Doch dazu später.

Instagram statt Geschichte

Zuerst noch ein paar Worte zum Stadion. Das Maksimir-Stadion von Dinamo Zagreb gilt nämlich als der Ort, an dem man am 13. Mai 1990 die bevorstehenden Kriege wie eine dunkle Prophezeiung hochkochen sah. Fangruppen von Roter Stern Belgrad und Dinamo Zagreb lieferten sich wüste Ausschreitungen, die die wachsenden Spannungen und den Nationalismus in der Region widerspiegelten. Mit dabei unter den serbischen Ultras: Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, später verantwortlich für Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo. Dieser Tag im Mai 1990 gilt bis heute für viele als Tag, an dem Jugoslawien fiel und der Krieg begann – auch wenn eher symbolisch denn politisch. SRF verliert kein Wort darüber. Dafür gibt es aus dem Stadion ein Hallo der beiden Moderatoren in Optik einer Instagram-Story.

Die SRF-Moderatoren posieren im Maksimir-Stadion in Zagreb. Die Ausschreitungen von 1990 werden nicht thematisiert. Bild: SRF

Danach erkunden Büssi und Manu die Altstadt von Zagreb. Sie sind ganz erstaunt: schöne Stadt, schöne Menschen.

Zweite Station: die Heimat von Haris Seferovic, Sanski Most. Für Manu «Sanski Moscht». Wenigstens hat die Stimme aus dem Off diesmal die Hausaufgaben gemacht. Wir sind in Bosnien und Herzegowina. Die Fahrt durch wunderschöne grüne Landschaften wird durch epische Musik untermalt. Klingt unpassend, entrückt, egal, welchen Humor man hat.

Die Realität – ein Schock

Büssi und Manu fahren zur Schule, der Natistar Haris Seferovic Bälle gespendet hat. Und plötzlich werden die beiden ruhig. Die Umkleidekabine sieht zerfallen aus, die Duschen sind von Rost zerfressen, in der Turnhalle regnet es rein, die Deckenverkleidung hängt gefährlich lose in der Luft, im Boden klaffen Risse. «Wie in der dritten Welt», bemerkt Büssi. «Und wir sind immer noch in Europa. Das ist nicht weit weg von uns», sagt Manu. Willkommen auf dem Balkan. Willkommen in der Realität. Jemand bringt traditionellen bosnischen Kaffee in die Turnhalle.

Büssi und Manu sind mitgenommen vom Anblick der Turnhalle in Sanski Most – der Bau ist heruntergekommen. Bild: SRF

Am nächsten Tag gehts mit dem Bürgermeister höchstpersönlich in das Dorf, aus dem Haris Seferovic stammt, nach Hrustovo. Hier wird zum ersten Mal der Krieg erwähnt. Die Stimme aus dem Off erklärt, es habe viele Tote gegeben, heute sei von der Zerstörung aber nichts mehr zu sehen. Seferovic hat ein schönes Haus im Dorf und unterstützt die ganze Region. Ein neuer Sportplatz, bald auch ein Spielplatz, Medikamente für Kranke. Nachbarn laden die Moderatoren auf Getränke und frische Kirschen aus dem Garten ein. Die Landschaft ist idyllisch.

Weniger schön sieht es an der nächsten Station aus. Glamoc, ausgesprochen Glamotsch oder bei SRF Glamosch. Zu epischer Musik sieht man Kriegsruinen. Obwohl Büssi und Manu Spass beim Tanzen mit der lokalen Folkloregruppe haben, geraten sie wieder ins Nachdenken – der Niedergang von Glamoc, die Zerstörung, die Abwanderung, die Perspektivlosigkeit. Ungewohnt für Leute, die in der Schweiz aufgewachsen sind.

Lange überfällig

Die Serie ist als Comedy aufgemacht, mit inszeniertem, lustig daherkommendem Intro. Doch dieses ist durchaus auch ernst zu verstehen: «Rausfinden, woher unsere Fussballstars stammen» – nämlich aus einer Region, die Schweizer bisher kaum interessiert hat. «Endlich auch mal was für Leute aus Ex-Jugoslawien tun, das ist wahrer Service public» – anstatt medial immer nur über Raser, Messerstecher oder Kriegsverbrecher zu berichten.

Es ist gut, dass es diese Serie gibt. Aber es ist traurig, dass es so lange gedauert hat und erst berühmte Fussballer und eine WM Anlass genug waren, sich zu fragen, wo all die in der Schweiz lebenden Menschen aus Ex-Jugoslawien herkommen.

Heiterer Tanzkurs mit der Folkloregruppe aus Glamoc. Unten in der Stadt gibt es auch viele triste Ecken – der Krieg hat Spuren hinterlassen. Bild: SRF

Ob das Format mit zwei lustigen Moderatoren, die die Verwandtschaft berühmter Fussballer besuchen gehen, begleitet von seltsam konzipierter Musik, zielführend ist, bleibt bis zur letzten Folge abzuwarten. Bisher liessen die Informationen zum Kontext zu wünschen übrig. Wieso etwa ein Kind am Wegrand so gut Deutsch sprach – zwei Drittel der jungen Bosnierinnen und Bosnier wollen das Land verlassen. Deshalb lernen viele Deutsch. Ältere Leute waren einmal Gastarbeiter. Wieder andere waren Kriegsflüchtlinge in Deutschland oder der Schweiz. Die Moderatoren laufen derweil ohne jegliche Sprachkenntnis durch die Gegend und freuen sich einfach, wenn jemand Deutsch spricht.

Die nächste Episode jedenfalls verspricht mehr Heiterkeit – ebenfalls eine der vielen Realitäten auf dem Balkan: Es wird getrunken. Und vielleicht lernen Büssi und Manu bis dann sogar noch, wenigstens «Guten Tag» in der lokalen Sprache zu sagen.

Sendetermine «Mission Imbüssible – Am Ball im Balkan»:

Folge 1: Kann online nachgeschaut werden. Auf den Spuren von Mario Gavranovic (Kroatien) und Haris Seferovic (Bosnien-Herzegowina)

Folge 2 – Freitag, 6. Juli 2018, 21.00 Uhr, SRF1: Auf den Spuren von Josip Drmic (Kroatien), Vladimir Petkovic (Bosnien-Herzegowina), Admir Mehmedi und Blerim Dzemaili (Mazedonien)

Folge 3 – Freitag, 13. Juli 2018, 21.00 Uhr, SRF1: Auf den Spuren von Valon Behrami, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri (Kosovo) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2018, 19:41 Uhr

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