Altern tut weh

30 Jahre Lena Odenthal: Der Jubiläums-«Tatort» aus Ludwigshafen hats in sich. Und uns im Griff.

Alte Liebe rostet nicht. Oder doch? Die Kommissarin (Ulrike Folkerts) und der Dorfkönig (Ben Becker) sehen sich nach rund drei Jahrzehnten wieder und sortieren sich neu. Foto: Das Erste

Alte Liebe rostet nicht. Oder doch? Die Kommissarin (Ulrike Folkerts) und der Dorfkönig (Ben Becker) sehen sich nach rund drei Jahrzehnten wieder und sortieren sich neu. Foto: Das Erste

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Hatten Sie die Pfälzer ­nach den diversen schlappen Folgen wie zuletzt dem Frankenstein-Verschnitt «Maleficius» (Hier gehts zur Kritik) auch schon abgeschrieben? Aber nicht doch, die Jubiläumsnummer aus Ludwigshafen hat Klasse!

1989 war Ulrike Folkerts erstmals als Kommissarin Lena Odenthal im Einsatz. Sie erspielte sich über die Dekaden treue Fans, in letzter Zeit jedoch wurde an der erschöpften Figur mühsam herumgeschraubt. Aber wenn diese jetzt, bei ihrer 70. Ermittlung, in der unzärtlichen Hundert-Seelen-Gemeinde Zarten in die Abgründe der eigenen Seele taucht, ist das nicht nervig, sondern stimmig.

Wackelkontakt zur Welt

In «Die Pfalz von oben» ist schon der Titel des Drehbuchs von Stefan Dähnert ein Treffer. Die Kamera schwenkt über Leere, Grün und das graue Band der Bundesstrasse, die sich durch die Provinz zieht: als hohles Versprechen eines Auswegs. Davor sah man die Pfalz von unten, im strömenden Regen. Der prasselte auf die Dienststelle Zartens, trist flackerte die Leuchtschrift «Polizei»: ein Wackelkontakt. Das Händchen für die atmosphärisch dichte, starke Regie hatte Brigitte Bertele.

Quasi von oben eingeflogen wird auch die Kommissarin. Die Story knüpft an ihren dritten «Tatort» an, der in die Annalen des Sonntagskrimis einging: «Tod im Häcksler» von 1991, ebenfalls von Dähnert, mit Ben Becker. Becker gab damals den flotten Dorfpolizisten Tries; Tries und Odenthal kamen sich im klaustrophobischen Kaff kurz näher.

Wie Buch und Regie den Abgleich zwischen den alten Träumen und den unbequemen Wahrheiten, den faltigen Wirklichkeiten von heute machen, ist verdammt gut.

Nun leitet ein zerknitterter Tries – und umwerfender Ben Becker – die Dienststelle wie ein König. Bei einer Verkehrskontrolle wurde der junge Kollege an seiner Seite niedergeschossen, der LKW-Fahrer floh über die nahe Grenze. So landet die Odenthal nach all der Zeit wieder in Zarten. Wie Buch und Regie den Kantengang zwischen Gegenwart und Vergangenheit zeichnen, wie sie den alten Film in den neuen hineinschneiden und einen gnadenlosen Abgleich zwischen den Träumen von einst und den unbequemen Wahrheiten, den faltigen Wirklichkeiten von heute machen: Das ist verdammt gut.

In Zarten hat sich der Wohlstand breitgemacht: Alle Polizeibeamten bauen sich Häuser an einer neuen Strasse, die Bullenweide heisst; der Sportverein verfügt über eine Arena mit Flutlicht; die Kriminalitätsrate ist die tiefste im Bundesland. Und die Kneipe hat ein superschnelles Internet.

Dorfkrimi des 21. Jahrhunderts

Da rückt die Odenthal heimlich mit einem ganzen Tross an. Eine anonyme E-Mail hatte auf Korruption im Polizeikorps Zartens hingewiesen. Drogen vom Feinsten und eine Kultur der Omertà beweisen: Der Dorfkrimi ist im 21. Jahrhundert angekommen, ohne die Schrecken des 20. zu verlieren.

Dass der Kollege «von der Internen» kaltschnäuzig kommentiert «Whistleblower sterben gelegentlich», passt der Odenthal zwar gar nicht. Recht behält er irgendwie trotzdem, dafür sorgt der Twist im Plot. «Die Pfalz von oben» ist voller Traurigkeiten, verreckter Ideale und toter Menschen; die Musik dazu auch. Die harten, komischen Noten dazwischen trötet überraschenderweise meist die Kommissarin, die sich selbst nicht ganz im Griff hat. Aber dafür uns.

Erstellt: 17.11.2019, 22:32 Uhr

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