Matt Groening entzaubert sich

Diese Woche läuft auf Netflix die neue Zeichentrickserie des «Simpsons»-Schöpfers an. Fans sollten sich nicht zu fest freuen.

Wird hoffentlich noch besser: Trailer zu «Disenchantment» von Matt Groening.


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Prinzessin Bean hängt über dem Abgrund und zögert: Heirat oder Tod? Der Entscheid wird der Hadernden schliesslich abgenommen – sie sinniert, bis der Ast, an dem sie sich festhält, bricht. Wir fühlen in diesem Moment Bean nach: «Disenchantment» weiterschauen oder sich vom Sofa stürzen?

Mit «Disenchantment» läuft diese Woche auf Netflix die neue Serie von «Simpsons»-Schöpfer Matt Groening an; seine erste seit 1999. Fast zwanzig Jahre sind also vergangen, seit uns Groening mit seiner Science-Fiction-Zeichentrickserie «Futurama» ins New York der Zukunft und den Weltraum entführte. Genug Zeit, um neue Ideen zu entwickeln, würde man meinen. Ja, er schleppt uns in eine gänzlich andere Welt, ein Fantasy-Märchen-Mittelalter. Darüber hinaus liefert die Serie aber, was der Titel auf Deutsch verspricht: Ernüchterung.

Die saufende Prinzessin Bean versucht, der Zwangsheirat zu entkommen. Dabei stolpert sie zusammen mit ihren zwei Zufallsgefährten – dem Elfen Elfo und dem Dämon Luci – von Abenteuer zu Abenteuer. Doch wir haben sie schon einmal in «Futurama» gesehen, die drei Protagonisten: die impulsive Bean ist ein Aufguss von Lila, Elfo ist die treuherzige Reinkarnation von Fry, Luci ist ein Brandstifter à la Roboter Bender.

Schleppender Plot, vorhersehbare Witze

Das alleine müsste kein Problem sein. «Futurama» war schliesslich gewinnend, Groening schaffte es damals, Scifi-Parodien mit Politkommentaren zu verbinden, witzige wie berührende Geschichten zu erzählen. «Disenchantment» aber packt kaum. Der lineare Plot entwickelt sich nur schleppend, die knapp halbstündigen Episoden fühlen sich bisweilen endlos an. Daran ändern auch die unzähligen Kalauer und die Zitate aus der Geschichte, aus Fantasie- und Märchenkanon nichts. Peter Pans kleine Begleiterin Glöckchen wird zur abgehalfterten Prostituierten-Fee – das ist krud, ohne clever zu sein. Die Kutsche ist zur Stretch-Limousine aufgedonnert – der Anachronismus ist vorhersehbar. Die siechenden Pestkranken grüssen fröhlich – das ist so was von 1975 und «Monty Python».

Zum Glück gibt es noch Bean, die glubschäugige Antithese zur passiven Märchenprinzessin. Sie setzt Brautjungfern mit Saufkumpaninnen gleich, tritt die Hochzeitstorte mit Füssen, entlarvt die vom Vater arrangierte Heirat als Mittel zur politischen Allianz. Und demontiert so das grassierende Ich-will-mich-wie-eine-Prinzessin-fühlen-Klischee der westlichen Hochzeitsindustrie.

Was machen wir also mit «Disenchantment»? Weiterschauen oder Abspringen? Zumindest eine Chance sollten wir der Serie geben. Die Folgen werden fortlaufend etwas besser. Und schliesslich hatte Matt Groening, fast hätte man es vergessen, auch bei «Futurama» Startschwierigkeiten.

Erstellt: 16.08.2018, 09:41 Uhr

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