Meister der glücklichen Wölkchen

Wie ein Kitschmaler zuerst zum TV-Helden und jetzt zum Youtube-Star wurde.

Das gibt ein kleines Häuschen am See: «The Joy of Painting», Episode 8 der 30. Staffel. (Quelle: Youtube/Bob Ross)


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Zwanzig Jahre nach seinem Tod malt Bob Ross noch immer. Einmal die Woche auf TV Südostschweiz, täglich auf dem Bildungssender ARD-Alpha, in der Endlosschleife auf dem Youtube-Kanal Bob Ross. «The Joy of Painting» heisst die Sendung, über die fast jeder schon einmal spätabends beim Zappen stolperte. Dieses halbstündige Programm, an dem man fasziniert hängen bleibt, weil da einer nichts weiter tut, als verträumte Landschaften zu malen.

Als vor wenigen Tagen (endlich) Folge 1 von «The Joy of Painting» auf Youtube hochgeladen wurde, schauten sich innert kurzer Zeit über 700'000 Menschen die Episode an. Season 1, Episode 1 – «A Walk in the Woods»: Stunde null eines TV-Phänomens.

«Sure glad you could join us»

Ursprünglich lief «The Joy of Painting» von 1983 bis 1994 auf dem US-Sender PBS. Etwas über 400 Episoden des Fernsehmalkurses wurden in dieser Zeit produziert. Das Konzept ist immer dasselbe: Bob Ross zeigt seinen Zuschauern, wie man mit einfachen Methoden und wenig Aufwand verschneite Gebirge, bewaldete Hügelketten und kleine Seen auf die Leinwand bringt.

Im ersten Moment wirkt das skurril: Da steht einer mit Bart und Afrofrisur vor einem schwarzen Studiohintergrund, tupft und spachtelt kitschige Landschaften hin und erklärt mit der Ruhe eines Kindergartenlehrers, wie einfach das alles sei.

Doch der Reiz von «The Joy of Painting» erschliesst sich einem schnell. Das ist Slow TV vom Besten; und Bob Ross moderiert mit dem affirmativen Duktus eines Gospelpredigers. «Sure glad you could join us», begrüsst Ross seine Zuschauer – als heisse er seine Gemeinde zum Gottesdienst willkommen. Dann predigt er mit sanfter Stimme: von der Freiheit der künstlerischen Betätigung und vom ungetrübten Glück, das man in den gemalten Landschaften findet. Dazu pinselt er «glückliche kleine Wölkchen» und «glückliche kleine Sträucher» und entlässt den Zuschauer schliesslich mit den Worten: «We wish you happy painting and God bless, my friend!»

Ross' Imperium

Bob Ross dient in der US-Armee, bevor er sich der Malerei verschreibt. Er studiert an mehreren Universitäten, eignet sich die Nass-in-Nass-Technik an – eine Maltechnik, bei der in die noch feuchte Farbe hineingemalt wird. Er beginnt, als Mallehrer durch die USA zu reisen, bringt Interessierten bei, wie man mit Ölfarbe und einem breiten Pinsel einfach Landschaftsbilder malen kann. Wenig später wird ein Fernsehmacher auf ihn aufmerksam.

Als Bob Ross 1995 mit 52 Jahren an Lymphdrüsenkrebs stirbt, ist aus seinem Malkurs ein Imperium geworden. Und dieses lebt weiter: Die Bob Ross Corporation vertreibt heute DVDs, Lehrbücher, Bob-Ross-Pinsel und -Spachtel und geruchlosen Farbverdünner mit dem Konterfei des Malers drauf. Im Fernsehen erreicht Bob Ross laut der Corporation auch posthum jährlich bis zu 500 Millionen Zuschauer – von England bis Südkorea. «The Joy of Painting» ist längst in die Popkultur eingegangen. Die Sendung wurde zitiert («To Bob Ross with Love», Gym Class Heroes) und persifliert («Familiy Guy»):

Wer will, kann sich derweil zum zertifizierten Bob-Ross-Instruktor ausbilden lassen. Wie viele dieser CRI – Certified Ross Instructors – es auf der ganzen Welt gibt, ist unklar. Ebenso, wie viele Hobbymaler sich schon in der Bob-Ross-Technik unterrichten liessen. Aber sie dürften zahlreich sein; sie, die in ihren Bastelräumen schon sanfte Hügelketten auf die Leinwand brachten und den Himmel mit glücklichen Wölkchen bevölkerten, Abertausenden von glücklichen Wölkchen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.10.2015, 15:43 Uhr

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