«Menschen sind von Natur aus rassistisch»

Bruno Dumont hat wieder eine bizarre Arte-Serie gedreht. Ein Gespräch über «Coincoin» und die Beschränktheit der Rechten.

Der Trailer zur Serie. Video: Vimeo.


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An der Opalküste in Nordfrankreich fällt Gülle vom Himmel. Eine zähe schwarze Schlacke, die nicht selten auf dem Kopf von Kommandant Van der Weyden landet. Laut Spurensicherung ist ihr Ursprung ausserirdisch, was den Polizeichef nicht davon abhält, das lokale Flüchtlingscamp zu durchsuchen. Schliesslich sind dessen Bewohner so schwarz wie schwarze Löcher.

Der französische Regisseur Bruno Dumont hat mit «Coincoin et les Z’inhumains» eine vierteilige Fortsetzung von «P’tit Quinquin» gedreht. Das Ermittlerduo Van der Weyden und Carpentier ist noch immer von burlesker Idiotie. Der kleine Quinquin ist grösser geworden, aber nicht schlauer, seine Kollegen laufen einer mysteriösen Partei zu. Irgendwann entsteigen aus der Alien-Gülle die Klone der Dorfbewohner, was dazu führt, dass Van der Weyden doppelt zu sehen beginnt und seine Gesichtsmuskeln noch mehr zucken, als sie es ohnehin schon tun.

Fremdenhass als Clownnummer: Bei Bruno Dumont gibts intellektuellen Slapstick zu den politischen Themen der Stunde, verpackt in einen Weltuntergangskrimi rund um unseren schiefen Blick auf den Anderen. Ein Karneval der klug überlegten Blödheiten, wie sie nur Bruno Dumont erfinden kann. Am 71. Filmfestival Locarno erhielt der Franzose den Ehrenpreis, dort fand auch dieses Gespräch statt.

Herr Dumont, man liest viel von künstlicher Intelligenz. Wie sieht es mit der natürlichen Dummheit aus?
Sie ist sehr stark verbreitet. Lebewesen sind von Natur aus zutiefst dumm. Aus der Dummheit entsteht aber die Intelligenz, so wie das Gute aus dem Schlechten entsteht. Deshalb brauchen die Menschen Erziehung, sie weist ihnen den rechten Weg. Die Schule ist da auch sehr wichtig, sie bewirkt, dass Dummheit verschwindet.

Schaut man den zwei Deppenpolizisten in «Coincoin et les Z’inhumains» zu, denkt man: Die lernen auch nie etwas.
Ich glaube eben nicht an den Fortschritt. Stattdessen beginnt immer alles ständig von vorne. Die Welt ist eine Spirale, ein immerwährender Wiederbeginn. Jede Generation muss wieder von Neuem anfangen. Weil es nicht so ist, dass Schönheit und Anmut einfach weitergereicht werden können, sind wir nie immun dem Schlechten gegenüber – der Heuchelei, der Lüge und allen anderen Schwächen.

Es ist nicht so, dass Menschen spontan andere Menschen respektieren.

Der Polizeichef schaut voller Misstrauen auf die afrikanischen Flüchtlinge, die im Zelt-Camp wohnen.
Na, warum wohl? Weil Menschen von Natur aus rassistisch sind. Wenn jemand keine rassistischen Gedanken hat, dann liegt das einzig und allein daran, dass er sie nicht mehr hat.

Sie glauben, dass wir als Rassisten geboren werden?
Ja!

Und vom schreienden, kleinen Rassisten können wir uns zu etwas anderem entwickeln?
Genau, indem man lernt, den anderen zu respektieren, spontan tun es die Menschen nämlich nicht. Der Mensch ist halt schlecht, pervers und böse, das alles fasziniert uns ja auch. Denken Sie an Macbeth, ein vollkommener Perverser! Figuren wie Macbeth lehren uns, uns vom Bösen zu befreien. Man soll nie Leute verurteilen, weil sie Rassisten sind. Man muss sie lehren, es nicht mehr zu sein.

Und dabei soll die Kunst helfen?
Ja, nur soll man mit der Kunst keinesfalls moralisch werden. Meine Filme wurden vulgär und primitiv genannt, aber was sie tatsächlich sind, ist etwas anderes, nämlich amoralisch. Kunst selbst ist nie moralisch, sie leistet viel eher eine Demoralisierungsarbeit. Also kann auch niemand von der Kunst erwarten, dass sie rein ist, denn sie ist es ja, die uns reinigt.

Hat die Moralisierung der Kunst Konjunktur?
Wir leben heute in einer Welt, in der die Vorstellung der Vervollkommnung vorherrscht. Es gibt diese Idee einer zivilisierten Welt voll mit mustergültigen Menschen, nur sind die Menschen einfach nicht so. Wenn sie im Café sitzen, erzählen sie unfassbaren Schwachsinn. Das ist aber menschlich, und alles andere sind intellektuelle Konstrukte: die Gleichstellung, die #MeToo-Bewegung ...

Wie bitte?
Seien wir ehrlich, es wird doch immer so sein, dass die Männer den Frauen hinterherrennen. Das ist gleich wie bei den Tauben. Ich glaube auch an Kampf und Rivalität, das ist für mich alles Ausdruck von Normalität. An Einigkeit glaube ich nicht. Ich sage nicht, dass man die Gleichstellung verhindern muss, oder dass Frauen nicht gleich viel verdienen sollen wie Männer. Aber die Art, wie heute darüber geredet wird, da gibt es eine gewisse Masslosigkeit.

Sehen Sie sich als Regisseur, der das Publikum erziehen kann?
Kino hat eine soziale Funktion, insofern habe ich da eine Verantwortung. Ich möchte die Menschen durchaus bilden. Mein Vorbild ist «Shoah» von Claude Lanzmann: Wenn man die neun Stunden gesehen hat, ist man garantiert von jeglichem Übel befreit. Ich habe «Shoah» sicher dreimal gesehen, der Film ist wie eine Impfung. Denn Kino behandelt die Gewalt. Und wer sich nicht behandeln lässt, dreht irgendwann durch. Denken Sie daran, es gibt viele wahnsinnige Menschen!

In «Coincoin» wird das Dorf von ausserirdischer Materie angegriffen, aber es scheint niemand auf die Idee zu kommen, diesen aussergewöhnlichen Vorfall an eine höhere Stelle zu melden.
Der Ausserirdische ist interessant, er ist der Hyper-Andere. Die Angst vor dem Fremden ist ja auch eine Furcht vor der Invasion. Allerdings wird der Polizeikommandant am Ende von «Coincoin» selber zum Ausserirdischen, weil er seinem eigenen Klon begegnet. Das heisst also: Das Problem des Rassismus ist das Selbst. Wer rassistisch ist, hat ein Problem mit sich selber, und wer es nicht mehr ist, hat verstanden, dass der andere jemand anders ist. Jemand, der ein Existenzrecht hat, in das nicht eingegriffen werden soll.

Es gibt auch eine Partei namens «Bloc», die an den Front National erinnert. Die französische Rechte hat Sie und Ihr Jeanne-d’-Arc-Filmmusical «Jeannette» damals angegriffen, weil Sie sich an die Nationalheilige herangewagt haben.
Die Leute, die Front National wählen, sind aber auch ausgesprochen dumm. Um sie muss man sich kümmern, man muss ihnen aus den Dummheiten heraushelfen. Persönlich kenne ich nicht wenige Leute, die Front National wählen. Der Grund liegt darin, dass ihnen etwas fehlt. Aber man kann ihnen helfen, daran glaube ich.

«Coincoin et les Z’inhumains» gibts als Stream in der Arte-Videothek. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2018, 16:01 Uhr

Bruno Dumont

Bruno Dumont (*1958) war Philosophielehrer. Seine Filme «La vie de Jésus» und «L'humanité» wurden zu stark diskutierten Festivalerfolgen. Dumont arbeitet oft mit Laiendarstellern. Derzeit dreht er das Sequel zu seinem Jeanne-d'-Arc-Musical «Jeannette», das er wie viele seiner Filme in seiner flämischen Heimat in Nordfrankreich gedreht hat. (blu)

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