#MeToo: Wie viel Strafe ist Strafe genug?

Star-Komiker Louis C.K. hat Frauen vor knapp einem Jahr sexuell drangsaliert und verschwand darauf von der Bildfläche. Nun ist er zurück auf der Bühne. Zu früh?

Masturbationswitze als Markenzeichen: Komiker Louis C.K. (28. Februar 2016)

Masturbationswitze als Markenzeichen: Komiker Louis C.K. (28. Februar 2016) Bild: Keystone

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Ein Komiker betritt eine Bar. Früher wäre das der Anfang eines Witzes gewesen. Heute ist es der Anfang eines Shitstorms. Denn beim besagten Komiker handelt es sich um Louis C.K., einen Gefallenen der #MeToo-Bewegung. Fünf Frauen bezichtigten ihn vergangenen November des sexuellen Misconducts, auf Deutsch etwa «sexuelles Fehlverhalten», worauf er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog. Vorvergangenen Sonntag tauchte er dann unangemeldet im New Yorker Comedy Cellar auf und hielt ein 15-minütiges Set ab. Vor Ort wurde der vorsichtige Comeback-Versuch mit Standing Ovations belohnt.

Nicht so in den sozialen Medien und Onlinemagazinen. Dort grollte Unmut auf. Viel zu früh sei das geplante Comeback, so der Tenor, immerhin habe der Komiker mit seinem Verhalten die Karrieren von Kolleginnen zerstört. Louis C.K. hatte zwar im November in seiner offiziellen Entschuldigung beteuert, die Frauen jeweils um Erlaubnis gebeten zu haben. Dennoch monieren seine heutigen Kritikerinnen, er sei einer gerechten Strafe entgangen. Die Frage ist nur: Was wäre denn die gerechte Strafe?

Bald ist es ein Jahr her, dass der Skandal um Harvey Weinstein die #MeToo-Bewegung anstiess und sichtbar machte, wie Alltagssexismus aussieht, wie fliessend die Grenzen zum Übergriff sind, welche Machtdynamiken verhindern, dass Frauen sich wehren. #MeToo machte zudem klar, dass es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass solches Verhalten nicht goutiert wird. Viele Beschuldigte verloren nach entsprechenden Artikeln ihren Job, einige wurden juristisch verfolgt, manche tauchten ab. Doch die Stärke der Bewegung, nämlich ihre Breite, war zugleich ihre Schwäche: Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Sexismus, verbalem Fehlverhalten, sexueller Belästigung und sexueller Gewalt. Und trotzdem kann man nicht alles über einen Kamm scheren.

Auch für den Komiker Aziz Ansari war der Comedy Cellar die Bühne, auf der er seine ersten Comeback-Schritte machte. Ihm war im Januar in einem langen Artikel auf Babe.net ebenfalls sexual misconduct vorgeworfen worden. Beim Opfer handelte es sich um ein Date, bei dem es zu einvernehmlichen sexuellen Aktivitäten kam, doch die Frau schilderte, wie sehr sie sich dabei «unter Druck» und «unwohl» gefühlt habe. Die öffentliche Reaktion hingegen war ähnlich wie bei C.K.: Wie kann er es wagen! Wir wissen, dass er ein Schwein ist. Er sollte die Vorwürfe gegen sich zumindest thematisieren.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es ist ein seltsames und unwillkommenes Verhalten, sich unmittelbar vor Kolleginnen zu entblössen. Es ist richtig, dass Louis C.K. geoutet wurde, weil es Frauen zeigt, dass das nicht in Ordnung ist. Und dass sie sich das nicht gefallen lassen müssen. Bei Anzari ist die Sachlage weniger klar: Genügt die Äusserung einer einzigen anonymen Quelle, sie habe sich beim Date unwohl und unter Druck gefühlt, um aus dem Komiker einen Sex-Offender zu machen? Was war genau sein Vergehen? Und welche Strafe steht darauf?

Dieses Argument kommt insbesondere im Graubereich zwischen strafrechtlich relevantem und moralisch verwerflichem Verhalten zum Tragen. Bei strafbaren Taten bestimmt ein Gericht über die Schwere des Vergehens und definiert das Strafmass, mit der das Vergehen gesühnt ist. Im moralischen Urteil sind solche Abwägungen nicht vorgesehen. Dabei ist das nun die eigentliche Frage: Nach seinem Outing wurde Louis C.K. von der Öffentlichkeit und von Freunden geächtet, ihm wurden drei Skripts und zwei Shows weggenommen, er verlor Millionen von Dollars und liess sich neun Monate nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken. Wie viel Strafe ist Strafe genug – und wer bestimmt das? Sicher ist nur: Solange die Frage nach der Rehabilitation ungelöst bleibt, wird auch keine Versöhnung stattfinden können.

Erstellt: 04.09.2018, 17:21 Uhr

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