TV-Kritik

Mir geht es mies, also schreibe ich

TV-Kritik: Der italienische Sender RAI 3 hat neu eine literarische Castingshow: «Masterpiece». Um Literatur geht es da nur am Rande. Dafür lernt man viele schlimme Schicksale kennen.

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«Was tun Sie so in Ihrem Leben?», fragt Jury-Mitglied Taiye Selasi. «Ich leide», antwortet der Kandidat – und spricht für fast alle anderen, die bei diesem Literatur-Casting mitmachen. Wer die These, dass nur in der Verzweiflung grosse Kunst entsteht, je etwas simpel gefunden hat, wird bei «Masterpiece» eines Besseren belehrt. Unter den in den ersten beiden Folgen vorgestellten Kandidaten befanden sich unter anderem: ein ehemaliger Strafgefangener, eine geheilte Magersüchtige, eine Fabrikarbeiterin mit problematischer Vaterbeziehung, ein Advokat in einer Sinnkrise, ein arbeitsloses Punkmädchen und ein zölibatärer Marathonläufer.

5000 Manuskripte hat sich die Redaktion von «Masterpiece» angeschaut, rund 70 unentdeckte Literaten dürfen ihre Arbeit nun im Fernsehen präsentieren, vor einer durchaus illustren Jury, in der neben Taiye Selasi auch Andrea de Carlo und Giancarlo De Cataldo sitzen. In jeder Sendung wird ein Finalist ernannt. Und ganz zuletzt wird einer von ihnen seinen Roman beim renommierten Verlag Bompiani herausbringen können, in einer Auflage von 100'000 Exemplaren.

Telegene Empörung

Man würde schon jetzt darauf wetten, dass der heiss begehrte Vertrag an ein Buch geht, das eine ganz, ganz tragische Geschichte erzählt. Denn natürlich sind die meisten dieser Romane mehr oder weniger autobiografische Berichte. Was allenfalls die Qualitäten dieser Texte sein könnten, erfährt man in der Sendung kaum: Zu kurz sind die Textschnipsel, die man vorgesetzt bekommt. Der Rest ist rasant geschnittene Show: Da ein Jury-Urteil, dort ein paar Tränen, der Coach sagt einen flotten Satz, der Kandidat einen verräterischen. Und zwischendrin zoffen sich die Juroren ein bisschen, weil de Carlo einer Kandidatin gegenüber bedauert hat, dass es keinen Preis gebe für den schlechtesten Roman. So was sagt man nicht, findet Taiye Selasi in telegener Empörung.

Wer in die Endrunde kommen wird, zeichnet sich bald ab – das sind jene, von denen ein paar Sekunden mehr gezeigt werden. Vier von ihnen werden dann für einen Live-Test auf die Piste geschickt, in ein Blindenheim etwa oder in eine Tanzbar für ältere Semester. Eine halbe Stunde schreiben sie dann darüber, schliesslich dürfen sie – immerhin! – ihre ganzen kurzen Texte vorlesen, unter den ergriffenen Blicken der Juroren. Dann müssen sie sich gegenseitig kritisieren. Und schliesslich wird, nach dem üblichen Spannungspoker der Jury, der Finalist genannt, der sich dann ab Februar in einer zweiten Phase mit seinen Kollegen messen darf.

Bisher sind es Lilith Di Rosa, der geschlagen ist mit einem Frauennamen und einer Vergangenheit auf der Strasse, und Nikola Savic, der neben einem serbischen Hintergrund auch einen turbulenten Berufsweg vorweisen kann.

Erstellt: 25.11.2013, 12:37 Uhr

Masterpiece

Die literarische Castingshow «Masterpiece» läuft jeweils am Sonntag um 22.40 Uhr auf dem italienischen TV-Sender RAI 3.

Trailer zur Sendung

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