Miss Marple und die Russenmafia

Ach, seufzte man als Zuschauer, das sind jetzt wirklich die ältesten Klischees im Krimibusiness – doch plötzlich begeisterte der neuste «Tatort».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als das neue Frankfurter Team im Mai seinen Einstand hatte, jubelten Publikum und Kritiker: Toll, die sind ja ganz normal. Kein Kompetenzgerangel, keine Affären, keine Suspendierungen. Der ehemalige Sitten-Cop Paul Brix und die Psychologin Anna Janneke sind sich ganz einfach sympathisch.

Und jetzt das! Misstrauen allenthalben, denn Brix hat offenbar Dreck am Stecken. Im Polizeipräsidium erhielt er Besuch von seinem ehemaligen Partner bei der Sitte. Der hatte zusammen mit seinem Chef Preiss einen Deal mit der Russenmafia am Laufen. Der Chef erschoss ihn – und versuchte nun Brix die Schuld in die Schuhe zu schieben. Gleichzeitig wurde ein Politiker erhängt aufgefunden. Alles deutete auf Selbstmord hin. Oder wars doch Mord?

Ach, seufzte man als Zuschauer, das sind jetzt wirklich die ältesten Topoi im Krimibusiness. Abgelutschter noch als Bomben mit Zeitanzeiger, Handys ohne Empfang oder piepsende Herzmonitore.

Fast schon grotesk

Doch spätestens als es in der Bankenstadt Frankfurt Geld vom Himmel regnete, war klar, dass der Drehbuchautor Erol Yesilkaya keinen realistischen Kriminalfall inszenieren, sondern Klischees und Konventionen hinterfragen wollte. So erfuhr das Publikum schnell einmal, dass Brix nicht der Mörder war, während Janneke im Dunkeln tappte. Die unterschiedlichen Wissensstände sorgten für mehr Spannung als ein klassisches Whodunnit.

Fast schon grotesk war der dramaturgische Wendepunkt, als die missmarplige Janneke die gegenseitigen Beschuldigungen von Brix und Preiss satthatte und die beiden kurzerhand in einen Raum stellte: «So, Sie suchen den Mörder, und Sie suchen auch den Mörder. Das können Sie jetzt wunderbar zusammen machen.»

Zu den Verwicklungen fiepte es auf der Soundspur mal schräg-technoid, mal erklang gemütlicher Reggae. Das musikalische Potpourri passte genauso zu diesem modernen Retrokrimi wie die vielen Rückblenden. Die sind in vielen «Tatorten» ja grausam unelegant, weil sie in den letzten Filmminuten erklären wollen, was der Plot offenbar nicht geschafft hat. Hier funktionierten die Flashbacks aber als Puzzlestücke, die der Zuschauer während des Films zusammensetzen musste.

Das Resultat war ein vertracktes Spiel um Loyalität und Vertrauen zwischen den neuen Kommissaren. Durch die Krimihandlung erfuhren sie – und der Zuschauer – mehr übereinander. Auch das ist gekonntes Storytelling. Bitte mehr davon.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.09.2015, 21:40 Uhr

Kritik, Rating, Diskussion

Montag ist «Tatort»-Tag auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet!
Die beliebteste Krimiserie des deutschsprachigen Raums ist zurück im Schweizer Fernsehen. Lesen Sie jeden Montag die Kritik und das Rating der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kulturredaktion – und beteiligen Sie sich an der Diskussion in den Kommentarspalten.

Rating

«Tatort»-Folge: «Hinter dem Spiegel»

Spannung
Glaubwürdigkeit
Reiz des Milieus
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Umfrage

Wie viele Sterne verdient die Folge?







Artikel zum Thema

Flückiger halluzerniert

Kritik Der Schweizer «Tatort» war ein Drama im Chügelidealer-Milieu und verwandelte das idyllische Luzern in ein Drecksloch. Mehr...

Schweizer «Tatort» mit Rekordtief

Wenn Stefan Gubser ermittelt, schalten die deutschen «Tatort»-Fans weg. Am vergangenen Wochenende wurde in dieser Hinsicht beinahe ein langjähriger Rekord gebrochen. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Best of: Die 10 Gebote der Kochkunst
Geldblog Warum gelte ich als «qualifizierter Anleger»?
Von Kopf bis Fuss «Ciao, Bella»

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Segeln hart am Wind: Die Teilnehmer der Skûtsjesilen - Meisterschaften im niederländischen Friesland schenken sich nichts. (15. August 2018)
(Bild: Siese Veenstra/EPA) Mehr...