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Mit #DeathTo zu Freiwild

Die Serie «Black Mirror» zeigt rabenschwarze Szenarien der nahen Medienzukunft.

Was zur Sicherheit des Kindes gedacht ist, entwickelt sich im Laufe der Jahre zum Albtraum: In der «Black Mirror»-Folge «Arkangel» wird der kleinen Sara ein Chip implantiert.
Was zur Sicherheit des Kindes gedacht ist, entwickelt sich im Laufe der Jahre zum Albtraum: In der «Black Mirror»-Folge «Arkangel» wird der kleinen Sara ein Chip implantiert.
Netflix
Gemeinsam einsam: Szenenbild aus der Folge «Nosedive».
Gemeinsam einsam: Szenenbild aus der Folge «Nosedive».
Netflix
... genauso wie die Zuschauer am Fernsehen.
... genauso wie die Zuschauer am Fernsehen.
Netflix
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So weit ist es mit der Menschheit gekommen: Die englische Kronprinzessin wird entführt, und die Kidnapper verlangen, dass der Premierminister vor einer Livewebcam Sex mit einem Schwein haben soll. Sonst werde die Prinzessin getötet.

Mit diesem Szenario schockt und begeistert die erste Folge von «Black Mirror» die TV-Zuschauer. Keine primitive Gewaltfantasie wird ihnen präsentiert, sondern hoch spannende Medienethik: Falls der Premierminister der Forderung nachkäme – dürfte Youtube den Stream zeigen? Würden die Zuschauer ihn anschauen? Müsste die BBC den Fall totschweigen, um nicht zusätzlich Aufmerksamkeit zu schaffen?

In der fiktiven Geschichte folgen Diskussionen unter Journalisten, die ihre Unerfahrenheit mit den Mechanismen der sozialen Medien zeigen. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Jemand will wissen, ob es sich beim Schwein um ein Weiblein oder Männlein handle.

Der Trailer zur Netflix-Serie «Black Mirror».

Entworfen wurde «Black Mirror» von Charlie Brooker, einem für seine grantige Schreibe bekannten ehemaligen Journalisten des «Guardian». Zuerst war die Serie ein Geheimtipp im englischen TV-Sender Channel 4, inzwischen wurde sie von Netflix übernommen. Übers Wochenende hat der Streamingdienst neue Folgen online gestellt, und nun darf die ganze Welt über das kühne Konzept der Serie staunen.

«Black Mirror» ist keine Fortsetzungs­serie mit Cliffhangern, wie sie zurzeit am Laufmeter produziert werden. Die 40- bis 60-minütigen Folgen sind wie Spielfilme in sich abgeschlossen. Ihnen gemeinsam ist das Thema: zukünftige Technologien und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen. Es geht nicht um Raumschiffe zu fernen Galaxien, sondern um Szenarien einer Medien- und Kommunikationszukunft, die unserer Gegenwart näher ist, als viele ahnen.

Gedanken sind nicht mehr frei

Eine Witwe füttert etwa einen Roboter mit den Social-Media-Daten ihres verstorbenen Gatten – eine gespenstische und zugleich berührende Geschichte über Trauer. Eine andere Episode denkt den grassierenden Online-Hass weiter; unter dem Twitter-Hashtag #DeathTo werden Menschen zu Freiwild. Eine der eindrücklichsten Folgen heisst «The Entire History of You». Sie zeigt eine Gesellschaft, in der Menschen ein Implantat tragen, das alles aufzeichnet, was sie bewusst und unbewusst sehen. Die Aufnahmen sind als Videofile abspielbar. An den Gedanken, die nun nicht mehr frei sind, zerbricht die Beziehung eines bis dahin glücklichen Paars. Der Mann durchsuchte die Aufnahmen seiner Frau obsessiv auf Flirts.

Inzwischen hat die Realität einige von Charlie Brookers Szenarien eingeholt. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg stellte kürzlich ein neues Projekt mit den Worten vor: «Wir werden permanent Augmented-Reality-Geräte tragen und unsere Erlebnisse und Gedanken mit anderen teilen, einfach indem wir sie haben und denken.» Und in der «Black Mirror»-Folge «The Waldo Moment» steigt eine vulgäre Cartoon-Figur, vom Zynismus der Social-Media-User befeuert, zum demagogischen Politiker auf. Brooker schrieb die Folge notabene zwei Jahre vor Donald Trumps Kandidatur. Er beweist damit, dass relevantes Fernsehen mehr als News oder Analyse sein kann: ein satirischer, visionärer Debattenbeitrag.

Ist das alles nicht schrecklich kulturpessimistisch? Tatsächlich hätte eine solche Serie zu einem weiteren belehrenden Kommentar über bindungsunfähige Tinder-Millennials geraten können. Doch Brooker, ein sehr aktiver Twitter-User, ist kein Tech-Muffel. Egal, wie abgründig seine Szenarien anmuten: Stets gestaltet er die Beziehung zwischen Mensch und Maschine emotional, nie kalt.

Jeder bewertet jeden

Damit erreicht er ein Publikum, das der Diskurse der Medienwissenschaftler über Klickgeilheit und Postfaktualität müde ist, auch wenn es ihnen glaubt. Brooker erklärt diese Phänomene nicht, sondern setzt sie in Personen und Handlung um. Und in «Black Mirror» ist nicht die Technologie gut oder böse, sondern die, die sie nutzen oder missbrauchen. Als munterer Misanthrop kritisiert Brooker die User der neuen Möglichkeiten.

Recht hat er: Niemand wird unter Androhung von Strafe genötigt, Smartphones zu kaufen und Profile in sozialen Netzwerken anzulegen. Allerdings gibt es einen gewissen sozialen Druck, für andere auch medial ansprechbar zu sein, um nicht isoliert zu werden.

Die Episode führt den Like-Wahn so fulminant vor, dass man sie am liebsten auf Facebook sharen möchte.

Diesem Phänomen widmet Brooker eine weitere rabenschwarze Vision. Es geht darin um eine junge Frau, die neurotisch Likes sammelt. Denn sie lebt in einer Gesellschaft, in der jeder von jedem bewertet wird. Die Anzahl Punkte entscheidet über die Reiseklasse im Flugzeug, gute Jobs oder die Qualität medizinischer Behandlung. Also hasten die Menschen mit unentwegtem Lächeln durch die Welt, stets in Angst, dass jemand sie «downgradet». Es herrscht die totale Diktatur der Political Correctness. Der Film ist in Pastellfarben gehalten, die an die 50er-Jahre erinnern. Die Episode führt den Like-Wahn so fulminant vor, dass man sie am liebsten auf Facebook sharen möchte.

«Black Mirror» spielt – vielleicht der raffinierteste Zug der Serie – mit unserem gespaltenen Verhältnis zu den neuen Technologien. Natürlich will jeder sein Privatleben vor den Daten­kraken aus dem Silicon Valley schützen, aber letztlich sind die meisten schon zu faul, ihre Mails zu verschlüsseln. Und Uber ist halt billiger als das herkömmliche Taxi, auch wenn das Sharingsystem auf Ausbeuterei beruht. Weil die digitale Annexion unserer Lebensbereiche aber schneller voranschreitet, als dass wir sie in ein ethisches Regelwerk einbinden können, sind auch die Figuren in «Black Mirror» ständig überfordert. Die Geschichten enden deshalb meistens tragisch oder grotesk.

«Black Mirror» bezieht sich laut Charlie Brooker auf die kalten, schwarzen Bildschirme, die in unserem Alltag allgegenwärtig geworden sind. Eine andere Bedeutung könnte sein, dass diese Geräte die dunklen, abgründigen Seiten der Menschen spiegeln.

Nicht alle Folgen handeln von gut gemeinter Technologie, die missbraucht wird. «San Juperino» ist die beste Episode der neuen Staffel und die einzige, die einen nicht dazu bringt, das eigene Smartphone zertrümmern zu wollen. Es verlieben sich da zwei junge Frauen in einer Disco in den 80er-Jahren. Der Ort entpuppt sich als digitales Refugium für alte, schwerkranke Zukunftsmenschen. Nach dem Tod haben diese die Möglichkeit, im Cyber-Nirwana zu bleiben.

Die ewige Jugend per Upload in die Cloud: Das ist noch fast besser als der biblische Himmel. Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für die Menschheit.

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