Mitten in Deutschland

Eine Spielfilmtrilogie in der ARD beschäftigt sich mit dem Neonaziterror der NSU.

Video: ARD


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Elf Jahre zog ein Trio von Neonazis mordend durch Deutschland, richtete zehn Menschen hin, liess Bomben explodieren, überfiel Banken, bevor 2011 Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sich selber töteten und Beate Zschäpe sich der Polizei stellte. Jahrelang hatte die Polizei die Mörder der deutsch-türkischen Kleinunternehmer in Kreisen der «Türkenmafia» gesucht. Auf die Idee, Rassisten könnten sie getötet haben, kam sie nicht. Und wenn der Verdacht doch aufkam, taten Verfassungsschützer alles, um ihn zu zerstreuen.

Die Entdeckung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) traumatisierte vor fünf Jahren Deutschland. Doch der Schock ist verebbt. Die Untersuchungsausschüsse, die die Hintergründe ermitteln, tun dies gegen wachsende öffentliche Gleichgültigkeit, dem Prozess gegen Zschäpe wohnen immer weniger Zuschauer und Journalisten bei.

Gleichzeitig brennen in Deutschland Heime für Flüchtlinge, kocht im Internet rassistischer Hass hoch wie nie zuvor. Der Zeitpunkt hätte also nicht günstiger sein können für eine künstlerisch-mediale Wiedererweckung. Dass diese ausgerechnet von der ARD kommt, ist aber eine Überraschung. Die öffentlich-rechtliche Anstalt war bisher nicht für besonderen Wagemut bekannt.

Neonazis um den späteren NSU-Terroristen Uwe Boehnhardt (Mitte) im Herbst 1996 in Erfurt im Umfeld eines Prozesses gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder. Foto: Keystone

Und Mut brauchte es, um den Komplex NSU nicht mit dokumentarischen Mitteln, sondern mit denen des Spielfilms für ein Millionenpublikum neu aufzuführen. Vier Jahre haben einige der begabtesten deutschen Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten an drei ambitionierten TV-Filmen gearbeitet, die ab heute Abend jeweils zur besten Sendezeit zu sehen sind.

Das Wagnis ist geradezu überwältigend gelungen. Das liegt daran, dass die Spielfilme tun, was kein Aktenberg kann: Sie gehen nahe heran, bis es schmerzt, füllen die Figuren mit flirrendem Leben, wecken Emotionen, deren Wucht einen erschüttert. Dabei ist nichts an den Darstellungen erfunden oder erschwindelt, bis in die kleinsten Details sind sie auf der Höhe des derzeitigen Wissens – schaffen darüber hinaus aber eine Wahrhaftigkeit jenseits aller Belege. Inhaltlich ist die Trilogie eine dreifache Zumutung, weil sie den NSU konsequent nicht als Randphänomen, sondern als Herausforderung für die ganze Gesellschaft versteht.

Im ersten Film, der ins Milieu der Täter eintaucht, besteht die Zumutung darin, dass der Film die jungen Neonazis der Jenaer Nachwendejahre als ziemlich normale Teenager zeigt, die fühlen, lieben, hassen wie wir alle und leicht auch anders hätten enden können als im Rassenwahn.

Wider Willen berührt

Diese Nazis brüllen und schlagen nicht nur, sondern lächeln auch, tanzen, werben umeinander, dass man wider Willen berührt ist. «Ich wollte mich ihnen nähern, wie man sich alten Klassenkameraden nähert», sagt Regisseur Christian Schwochow, selber in der DDR aufgewachsen und fast gleich alt wie die NSU-Täter. Dieses Vorgehen zwinge einen, in den angeblichen Monstern die Menschen zu erkennen und zu begreifen, dass sie aus unserer Mitte stammten, nicht von irgendeinem fremden Rand.

Der zweite Film, gedreht von Züli Aladag, erzählt die Geschichte der Familie des ersten NSU-Opfers, des Blumenhändlers Enver Simsek. Wer miterlebt, wie die voreingenommene Polizei den Mann nach seinem Tod jahrelang ohne Beweise als Drogenhändler verdächtigt und zum Täter macht, zum Entsetzen seiner Tochter und seiner Frau, kann die Ungerechtigkeit kaum ertragen, die den Opferfamilien widerfahren ist.

Der Abschluss der Trilogie, verantwortet von Florian Cossen, nimmt das skandalöse Versagen der Ermittlungsbehörden ins Visier. Was beginnt wie ein herkömmlicher Krimi, wird zu einem Politthriller, in dem die Fahnder der Polizei erfolglos gegen die Beamten des Verfassungsschutzes anrennen. Der Film zeigt, wie im scheinbar vorbildlichen Rechtsstaat Deutschland eine Behörde eine Neonaziszene derart infiltrieren konnte, dass sie ihre Strukturen faktisch mit aufbaute und dabei mithalf, sie aufrechtzuerhalten. Dieser politische Skandal ist längst nicht aufgearbeitet – auch darauf weist dieser Film hin.

1. Teil, «Die Täter», Mittwoch, 30. März, die Teile 2 und 3 am 4. 4. und 6. 4., jeweils um 20.15 Uhr auf ARD. Am 6. 4. um 21.45 Uhr folgt der Dokfilm «Der NSU-Komplex» von Stefan Aust und Dirk Laabs. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2016, 19:16 Uhr

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