«Netflix» für Sektenmitglieder

Scientology hat jetzt einen eigenen TV-Sender. Wie auch die Waffenlobby National Rifle Association oder diverse Sportvereine. Das Konzept ist so simpel wie gefährlich.

Nichts als die eigene Wahrheit: Scientology sendet nun auf einem eigenen TV-Kanal.


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Das Faszinierende ist, dass es funktionieren könnte. Wer einen Tag lang den kürzlich gestarteten Fernsehsender von Scientology guckt, der könnte wirklich versucht sein zu glauben, dass eine Mitgliedschaft bei der Sekte sämtliche Probleme des Lebens löst. Es ist wie beim Wunderheiler im Wilden Westen, der auf die Frage, ob sein Mittelchen auch Kopfschmerzen linden würde, im Tonfall höchster Überzeugung antwortet: «Und ganz besonders Kopfschmerzen!» Wer also mehr Geld verdienen, mehr Sex haben oder dem Alkohol entsagen möchte, der sollte dem Sender zufolge Scientology beitreten.

Agenda-Medien auf dem Vormarsch

«Was auch immer Sie über uns gehört haben: Wenn Sie es nicht von uns gehört haben, dann kann ich Ihnen versichern, dass wir nicht sind, was Sie über uns denken», sagt Scientology-Chef David Miscavige. Es stimmt schon: Berichte über Scientology sind meist eher negativ, es geht um Gehirnwäsche und Geldmacherei und Geheimniskrämerei. Wer zum Beispiel das Buch «Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief» liest oder die Doku-Serie Scientology and the Aftermath der Schauspielerin und ehemaligen Scientologin Leah Rimini («King of Queens») sieht, der könnte meinen, dass die Sekte sogar für Kopfschmerzen verantwortlich ist.

Jetzt also gibt es Scientology TV, seit einer Woche ist der Sender als Kabelkanal und als Streamingdienst verfügbar. Er ist ein Vertreter einer neuen Sorte von Fernsehsendern: Agenda-Medien, von denen es nicht nur in den USA immer mehr gibt. Letztlich geht es um die Frage, die Pontius Pilatus im Johannes-Evangelium an Jesus richtet: «Was ist Wahrheit?»

«Scientology lässt einen jünger aussehen»

Die Scientology-Wahrheit unterscheidet sich von der Wahrheit der Kritiker und Aussteiger, und der Sender versucht, diesen Unterschied zu verdeutlichen. In der Serie «Meet a Scientologist» beschreiben Scientologen ihr glückliches Leben – in einer Folge etwa ein eher langweiliger Typ, der Banjos baut. Mehrere Formate befassen sich mit dem Gründer L. Ron Hubbard; in einem Film wird das ominöse E-Meter, das Scientologen bei Sitzungen verwenden, als «modernste spirituelle Technologie» angepriesen. Die beiden schönsten Versprechen an diesem Abend: Scientology soll einen «fünf bis zehn Jahre jünger aussehen» lassen. Dazu, und auf so was muss man dann ja auch erst einmal kommen: «Wir sind dazu da, Sie fähiger zu machen.»

Werbung gibt es übrigens nicht, genauso wenig wie Geoblocking. «Anders als bei kommerziellen Sendern ist das Ziel nicht, Geld zu verdienen», sagte ein Sprecher der US-Nachrichtenseite The Wrap. «Unsere Mission ist es, die Fragen der Menschen zu beantworten.» Was auch auffällt: Im Programm des Senders gibt es mehr Wiederholungen als im Nachmittagsprogramm von RTL II. Das verwundert, hatte Scientology doch vor zwei Jahren für 50 Millionen Dollar ein Studio auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles gekauft, Miscavige sagte zur Eröffnung: «Wir werden unsere Geschichte selbst schreiben, wie es noch keine Religion jemals getan hat.»

«Wahrheit» verbreiten leicht gemacht

Heutzutage kann jeder, der über einen Internetzugang verfügt, seine Meinung zur Lage der Welt äussern – das bedeutet jedoch nicht, dass diese Meinung auch gelesen wird. Selbst der US-Präsident Donald Trump braucht Reichweiten-Multiplikatoren wie TV-Sender, Zeitungen oder Internetportale, die berichten, dass Trump bei Twitter dies oder das geschrieben habe.

Warum aber sollte sich jemand kritischen Fragen stellen, wenn er das Geld hat, seine eigene Wahrheit zu verbreiten? Ausser Scientology haben etwa auch die Waffenlobbyisten der National Rifle Association einen eigenen Kanal, Slogan: «Take Back The Truth», Hol dir die Wahrheit zurück!, und es gab auch mal Gun TV, einen Verkaufssender für Schusswaffen, der allerdings aufgrund von Erfolglosigkeit bereits nach weniger als einem Jahr den Betrieb einstellte.

Unabhängige Berichterstattung schön und gut, aber wäre es nicht schöner und besser, die vermeintliche Wahrheit direkt aus der Quelle zu bekommen, ganz nah dran zu sein? Das ist das so simple wie gefährliche Verkaufsargument all dieser Sender. Wer Scientology kritisch gegenübersteht, der dürfte die aufwendigen und doch meist stinklangweiligen Produktionen des Scientology Network als Reaktion auf all die kritischen Sendungen identifizieren. Für Scientology-Mitglieder dürfte es dagegen nichts als die Wahrheit sein.

Erstellt: 23.03.2018, 17:05 Uhr

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