#notokay war okay

Der gestrige «Club» nahm sich des «ganz normalen» Sexismus an. Bis auf einen Gesprächsteilnehmer war sich die Runde einig.

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Donald Trumps sexistische Prahlerei hat die etwas in Vergessenheit geratene, aber deswegen nicht minder aktuelle Sexismusdebatte wieder angestossen. Die sozialen Netzwerke und die Medien sind seit der Veröffentlichung von Trumps Äusserungen, die dieser selbst als «Umkleideraum-Geschwätz» abtut, rappelvoll mit Entrüstungen und sexistischen Erlebnissen. Die Kanadierin Kelly Oxford erhielt mit ihrem Twitter-Stream #notokay, den sie aufgrund von Trumps Video postete, innerhalb eines Abends pro Minute fünfzig Antworten. Anscheinend werden verbale und physische Übergriffe auf Frauen immer noch von vielen Männern als selbstverständlich angesehen – auch in der Schweiz. Vor circa zwei Wochen teilte Genderforscherin Franziska Schutzbach den Hashtag #SchweizerAufschrei. Nun tönt es auch hier von allen Seiten laut hörbar: gegen Sexismus, für mehr Gleichberechtigung.

Gestern Abend nahm sich das Schweizer Fernsehen in der Sendung «Club» des Themas an. Unter dem Titel «Der ganz ‹normale› Sexismus» führte Moderator Thomy Scherrer durch den Abend. «Sind Frauen und Männer gleich viel wert in unserer Gesellschaft?» Mit dieser scheinbar banalen Frage eröffnet er die Diskussionsrunde mit seinen insgesamt sechs Gästen. Und auch gestern Abend wird relativ schnell klar: Sexismus ist immer noch ein Thema, das bewegt – ob Mann oder Frau.

Frauen seien immer noch zu stark an Männern orientiert

Während die Co-Präsidentin der SP-Frauen Schweiz, Natascha Wey, und Kulturwissenschaftlerin Jovita Pinto trotz durchaus spannender Aussagen etwas in den Hintergrund rücken, diskutieren die anderen mit grosser Überzeugung. Die Initiantin von #SchweizerAufschrei, Franziska Schutzbach stellt von Anfang an klar, dass es zwar eine rechtliche Gleichstellung zwischen Mann und Frau gebe, diese aber noch längst nicht in den Alltag übertragen worden sei. Frauen hätten schon einiges erreicht, «trotzdem, ab einem gewissen Karrierelevel sind Frauen praktisch nicht mehr vorhanden», so Schutzbach. Frauen seien immer noch zu stark an Männern orientiert. Es gebe zu wenige Frauenidole.

Derselben Meinung ist auch Güzin Kar. Die Filmemacherin und «Tages-Anzeiger»-Kolumnistin bildet mit der Genderforscherin das «Team des Abends». Sie ergänzen sich in ihren Meinungen und Forderungen – wer dagegen spricht, versteht es ihrer Ansicht nach einfach nicht. Kar regt sich vor allem darüber auf, dass Autorinnen nicht gleich ernst genommen werden wie ihre männlichen Kollegen. «Männer sind die Geschichtenerfinder, während Frauen in der Vorstellung vieler nur Tagebuch schreiben können.» Einige hätten das Gefühl, dass Frauen eine Geschichte irgendwie «hermenstruieren», aber nicht gut genug dafür seien. Deswegen würden viele Frauen auch unter Pseudonymen schreiben.

Theunert sorgt für Abwechslung

Markus Theunert, Fachmann für Männer- und Geschlechterfragen, ist zwar mit Schutzbach und Kar einig, bringt aber eine männliche Sichtweise mit ein. Sexismus beginne im Kopf, und keiner, ob Mann oder Frau, sei dagegen gefeit. Frauen würden von Männern erwarten, dass sie souverän seien, alles im Griff hätten und keine Zweifel äusserten, meint Theunert. Wenn sie trotzdem einmal an sich zweifelten, dann wären sie automatisch ein «Jammeri». Das verunsichere viele. Allerdings: Obwohl Männer ab und an auch unter sexistischen Äusserungen litten, gebe es immer noch «viele geschlechtsblinde Männer, die es sich auf ihrem Thron bequem machen und einfach versuchen, die Debatten auszusitzen».

Indirekt spielt Theunert damit auf den «Schweizer Monat»-Journalisten Ronnie Grob an. Dieser eckt an diesem Abend immer wieder an. Gemäss Grob besteht die Gefahr, dass die Politische Korrektheit die Meinungsäusserungsfreiheit beschränkt - und konsequent umgesetzt sogar totalitär werden kann. Nach Grob würden die Männer heute schon unter einem «Generalverdacht der Vergewaltigungskultur» stehen. Männer seien deswegen verunsichert, Frauen anzusprechen und mit ihnen zu flirten. Mit dieser Einstellung verliert Grob. Er versucht zwar immer wieder das Bild vom «armen Mann» zu zeichnen, doch kaum gibt er etwas von sich, wird er in der Runde belächelt.

Ab und zu war es laut – mehr aber auch nicht

Abgesehen von Grob, war die gestrige Diskussion ziemlich einseitig. Immer wieder wurde von Schutzbach und Kar über die heutige Situation von Frauen gesprochen, welche sich in ihrer hohen Berufsposition benachteiligt fühlen. Moderator Scherrer versuchte zwar, auch andere Beispiele wie das «Betatschen» von Frauen in der Diskothek mit einzubringen, nach kurzer Zeit war das Thema dann aber wieder bei Frauen in hohen Positionen. Wie Frauen, die durch strukturelle Gegebenheiten keine Chance auf einen guten Job haben, mit sexistischen Äusserungen umgehen, kommt kaum zur Sprache.

Einzig Jovita Pinto versucht gegen Ende der Diskussion aufzuzeigen, wie viele Frauen mit Sexismus auf offener Strasse konfrontiert werden und wie tief sexistische Anmache in der Geschichte jeder Gesellschaft verankert ist – um darauf einzugehen, fehlt jedoch die Zeit. Die Diskussionsrunde kommt leider, wie zu erwarten, zu keinem Punkt. Sie wirft beim Zuschauer mehr Fragen auf, als dass sie Antworten bietet. Ein richtiges Fazit der Sendung gibt es nicht. Das sieht selbst Thomy Scherrer ein, der sich am Ende der Sendung mit der Aussage begnügt: «Der Aufschrei wurde jedenfalls gehört.»

Erstellt: 26.10.2016, 09:50 Uhr

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