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Pädo-Leiche im Clown, Paul Auster im Film

Der neue «Tatort» aus Münster schwenkt vom klamaukigen Kultformat zum karikaturesken, verspiegelten und geschniegelten Kunstkrimi.

Ein lebensgrosser Jack-in-the-Box schmückt den Münsteraner Rathausplatz – und ist tot. Zur Linken Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers), zur Rechten Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl), ein Arrangement wie ein Kreuzigungsbild.
Ein lebensgrosser Jack-in-the-Box schmückt den Münsteraner Rathausplatz – und ist tot. Zur Linken Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers), zur Rechten Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl), ein Arrangement wie ein Kreuzigungsbild.
Das Este
Spieglein, Spieglein ... wer ist der grösste im ganzen Land? Der Künstler G.O.D. (ein grossartiger Aleksandar Jovanovic) hat da keine Zweifel. Überhaupt ist der Film hübsch postmodern verspiegelt.
Spieglein, Spieglein ... wer ist der grösste im ganzen Land? Der Künstler G.O.D. (ein grossartiger Aleksandar Jovanovic) hat da keine Zweifel. Überhaupt ist der Film hübsch postmodern verspiegelt.
Das Erste
Der Künstler G.O.D. plant den letzten grossen Coup, und seine alte Fördererin und Galeristin – schräg bis zur Karikatur: Gertie Honeck – unterstützt ihn.
Der Künstler G.O.D. plant den letzten grossen Coup, und seine alte Fördererin und Galeristin – schräg bis zur Karikatur: Gertie Honeck – unterstützt ihn.
Das Erste
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«Gott ist auch nur ein Mensch»: Der Titel des neuen Münster-«Tatorts» macht Laune. Und adrett gegoogelt flattern die geflügelten Worte daher, welche die Drehbuchautoren Christoph Silber und Thorsten Wettke mit Schmackes in den Film einstreuen, von Senecas «Vita brevis, ars longa» («Kurz ist das Leben, lang die Kunst») bis zu Flauberts «L’homme n’est rien, l’Œuvre – tout» («Der Mensch ist nichts, das Werk – alles»). Auch ohne Warhols legendäre «15 Minuten Ruhm» geht es hier nicht. Schliesslich ist die Kulisse des Krimis ein Kunstfestival: die Internationalen Skulptur-Tage Münster, die nur alle 10 Jahre stattfinden. Noch vor der feierlichen Eröffnung wird vor dem Rathaus ein lebensgrosser Jack-in-the-Box deponiert: Im kunstvollen Clownskostüm steckt die Leiche eines desavouierten ehemaligen Stadtrats, der kleine Pfadfinder missbraucht haben soll. Ein elterlicher Racheakt? Eine makabre Kunstaktion?

Es mangelt jedenfalls nicht an Verdächtigen, von braven Familienvätern bis zu irren Künstlern. Unter letzteren gibts einen Phobiker mit mysteriösem Koffer, eine Videokünstlerin, die Bilder aus ihrer Gebärmutter streamt; und, als Superstar, den Aktionskünstler G.O.D., der einen Knaller angekündigt hat – und dessen Darstellung durch Aleksandar Jovanovic selbst ein ziemlicher Knaller ist. Gegen ihn zieht sogar unser Lieblingsnarzisst, Rechtmediziner Boerne (Jan Josef Liefers), auf mehreren Ebenen den Kürzeren. Kurz: Das personelle Menü ist so pseudo-exotisch, dass es schon wieder Spass macht. Und Matthias Bundschuh setzt als diskretes, blutsverwandtes Faktotum der Ausstellungskuratorin gekonnt einen Kontrapunkt dagegen.

Wenn Kunst ins Rauchen kommt

Die Skulptur-Tage bilden im übrigen das fiktive Pendant zur realen Kunstschau Skulptur-Projekte, einem hochkulturellen Vorzeigeprogramm der Stadt Münster, dessen 5. Ausgabe eben im Oktober zu Ende ging. Claes Oldenburgs «Giant Pool Balls» der ersten Projekte-Ausgabe (1977) gehören zum optischen Auftakt des Films. Später kommen sie als komische Note ins Spiel beziehungsweise ins Rauchen, wenn Kommissar Thiels Vaddern eine seiner Kiffer-Eskapaden absolviert. Die ist deutlich amüsanter als die verquälte, völlig unglaubwürdige Dauer-Neckerei zwischen der Kuratorin (Victoria Mayer) und «Frankie» Thiel (Axel Prahl) oder das Getue der karikaturesken Ex-Kuratorin (Gertie Honeck). Merkwürdig auch, dass man sich nicht bemüht hat, den grossen Altersunterschied zwischen Mayer und Prahl wegzuschminken – wo die im Film doch als gleichaltrige Kommune-Kids seinerzeit die Kleider getauscht haben sollen.

Aber abgesehen von solchen Irritationen, erkennt man in dem leichenreichen Krimi mit den butterweichen Bonmots und den drolligen Monstrositäten (samt ausgefeilter Thanatopraxie), der von Regisseur Lars Jessen mit versierter Zurückhaltung und symbolisch aufgeladenen Spiegel-Ansichten verfilmt wurde, eine Art Paul-Auster-Hommage. Da arbeitet sich ein Serienkiller mit offensichtlich höheren Aspirationen an Monstern unserer Zeit ab: so einem kriminellen Pädophilen, einem Rassisten, einem korrupten Steuerhinterzieher. Und während Boerne von Künstlerruhm träumt und G.O.D. endgültig abdreht, entpuppt sich am Ende alles als – Kunst. So sieht sie aus, die postmodern verspiegelte, geschniegelte Variante des heissen Bemühns, den Münsteraner «Tatort» von seinem kultigen, aber etwas zerknitterten Klamauk-Image zu befreien. Das war weder gottserbärmlich noch göttlich, sondern einfach – hübsches Handwerk.

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