Reisen für Mutige

Blind und stark sehbehindert durch Athen, Berlin und Jerusalem. Zwei junge Männer zeigen, wie das geht, in der SRF-Serie «Blindflug».

Eine Reisesendung der besonderen Art. Zusammen mit Jonas und Yves erlebt man Städte auf eine ganz neue Art. Quelle: SRF


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«Entschuldigen Sie, geht es hier zum Lykabettus?» Jonas Pauchard und Yves Kilchör stehen auf einem Trottoir in Athen und suchen den Weg zum Berg, der sich über die griechische Hauptstadt türmt. Rundherum rauschen Leute vorbei. Ein paarmal geht die Frage ins Leere, bis eine Frau anhält und ihnen den Weg zeigt.

Yves kann die Richtung der Handbewegung erkennen, er sieht 2 Prozent auf einem Auge. Jonas verlässt sich ganz auf seine anderen Sinne. Er ist seit seinem sechsten Lebensjahr blind. Doch ihre Sehbehinderung hält die beiden jungen Männer nicht davon ab, die Welt zu entdecken. In der dreiteiligen Dok-Serie «Blindflug» nehmen der Sachbearbeiter und der Radiomoderator die Zuschauer mit auf ihre Reisen.

Schnell wird es abenteuerlich. Für die Reisenden wie für den Zuschauer gleichermassen. Athener Strassen sind nicht unbedingt fussgängerfreundlich, geschweige denn sehbehindertenfreundlich. «Huere Siech, was ist das?», ruft Jonas aus. Sein Blindenstock schlägt gegen etwas Metallisches. «Isch ja unmöglich, was hier alles rumsteht!»

Die Akropolis spüren

Doch schnell sind die beiden wieder auf Kurs, ihre Blindenstöcke rattern im Takt über die Pflastersteine. Sie navigieren gekonnt mit der Sprachfunktion von Google Maps, haken sich bei heiklen Stellen beieinander ein, warnen sich gegenseitig vor Bäumen, Laternenpfählen und Mülleimern auf dem Gehsteig. Ungläubig schaut man den beiden als Sehender zu, wie sie sich über chaotische Strassen, durch Menschenströme, über Treppen und zwischen eng aneinanderparkierten Autos hindurch den Weg auf den Lykabettus und später auch zur Akropolis finden.

Die Kamera begleitet sie dabei – einmal ratternd, angebracht am Blindenstock, einmal aus der Aussenperspektive und dann wieder nah dran an Jonas und Yves, nah an ihren Händen, wenn sie sich durch Athen tasten. Das lässt den Zuschauer zumindest ansatzweise die Perspektive der Protagonisten einnehmen. Gleichzeitig vermittelt die Musik den Eindruck, man schaue sich eine ganz normale Reisesendung an.

Jonas (links) und Yves (rechts) hören, wie Athen vom Berg Lykabettus aus anders tönt als von unten. Quelle: SRF

Natürlich würden sich Leute wundern, weshalb zwei Sehbehinderte reisen wollten, erzählen Jonas und Yves in den immer wieder eingeblendeten Interviewblöcken. Doch den beiden reicht es nicht, das Weltgeschehen von zu Hause aus als Nachrichten zu verfolgen oder über Geschichte, Kultur und Kulinarik zu lesen. Sie wollen wissen, wie sich Griechenland, geschüttelt von Flüchtlings- und Eurokrise, anfühlt, wie es tönt und riecht, schmeckt, wollen wissen, wie die Stimmung zwischen jahrtausendealten Steinen ist und wie es den Leuten geht. «Dank persönlicher Begegnungen und den anderen Sinnen sehen wir vielleicht fast mehr beim Reisen als Sehende», glaubt Yves. Jonas’ Eltern seien anfangs wenig begeistert gewesen von der Idee, dass ihr Sohn zusammen mit einem anderen Sehbehinderten in die Ferien will. «Es geht nicht darum, einfach jemanden mitzunehmen, der besser sieht. Es geht darum, mit jemandem, mit dem man sich gut versteht, etwas zu entdecken», findet Jonas. «Das macht einfach Spass.»

Neue Welten

Man glaubt es den beiden. Sie sind ein eingespieltes Team und verschonen sich nicht mit frechen Sprüchen, nehmen vieles, bei dem der Zuschauer schon die Hände über dem Kopf zusammenschlägt – wieder dieser Verkehr –, mit Humor, kennen keine Berührungsängste, weder mit Leuten, die ihnen den Weg weisen, noch den nackten Brüsten der Aphrodite im taktilen Museum. Wobei Yves bemerkt, dass er sich wohl nicht von jeder Person die Hände über den Körper einer Steinstatue würde führen lassen. Dafür brauche es Vertrauen. Die junge Frau, die Jonas und Yves durch das Museum führt, hat es gewonnen. Allgemein stellen die beiden den Griechen ein ausgezeichnetes Zeugnis aus: freundlich, unkompliziert, hilfsbereit. Ihr Fazit: Ein fortschrittliches Verständnis gegenüber Menschen mit Sehbehinderung hat nicht mit Wohlstand zu tun, sondern, wie Menschen ticken.

Und das ist nicht die einzige Lektion, die man von «Blindflug» mitnehmen kann. Die Protagonisten der Dok-Serie räumen auf mit Klischees und eröffnen Sehenden neue Welten. Man hört von stockfreundlichen Böden, taktilen Linien und Reflexen wie «Ja, ich habs gespürt». Man lernt Dos and Don'ts im Umgang mit Sehbehinderten, sei es auf Reisen oder im Alltag in der Schweiz, und man lernt, wie zwei, die nichts oder beinahe nichts sehen, die Aussicht vom Lykabettos geniessen.

In der nächsten Folge gehts nach Berlin. Dort sorgen Yves und Jonas dafür, dass SRF-Korrespondent Adrian Arnold den Reichstag auf eine völlig neue Art kennen lernt.

«Blindflug», Folgen 2 und 3 am 16. und 23.11.2018, 21 Uhr, SRF 1. Für sehbehinderte und blinde Menschen sind die Folgen auch mit Audiodeskription zugänglich.

Erstellt: 09.11.2018, 22:08 Uhr

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