RTL reanimiert die Fünfziger

Mit einem neuen Nachmittagsprogramm will der Privatsender Publikum zurückgewinnen – unter anderem mit «Väter allein zu Haus».

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Den Song «Das bisschen Haushalt» von Johanna von Koczian kennen wir alle. Lustig fanden ihn vor allem Frauen, die selber einen Mann wie denjenigen aus dem Song daheim haben, der findet, das bisschen Haushalt, Kochen, Wäsche und Garten sei doch kein Problem und erledige sich von allein. Lustig fanden ihn auch die Männer, besonders wegen der Passage über die Gemahlin, die es sich den ganzen Tag daheim gemütlich macht, während er das Geld verdienen muss.

Johanna von Koczian: «Das bisschen Haushalt».

Das Lied stammt aus dem Jahr 1977, es ist also über 40 Jahre alt. Aber offenbar ist das Thema derart topaktuell, dass ihm RTL einen Sendeplatz im neuen Nachmittagsprogramm widmet, das diese Woche gestartet ist. Dieses besteht aus: einer Trödelsendung, einer Abnehmshow für Familien, einer Seifenoper und eben der Doku «Mensch Papa! Väter allein zu Haus».

Der Privatsender will damit wieder mehr Zuschauerinnen und Zuschauer vor die Glotze holen. Denn aktuell läuft es nicht so gut: Die Quoten sind schwach, vor allem zwischen 16 und 17 Uhr.

Macho-Papa verliert die Nerven

Die Männer sollens nun aber richten. In «Mensch Papa!» müssen fünf Väter drei Tage lang ihre Kinder versorgen und sich um den Haushalt kümmern, während deren Frauen gemeinsam per Videoübertragung aus der Ferne zuschauen. Susanne (38) – «Vollzeitmama von Beruf und die Chefin hier im Ring» – sagt: «Ich freue mich jetzt total, mal so richtig über die Männer herzuziehen und abzulästern mit den Mädels.»

Ihr Mann Markus (40) – «Ich bin hier derjenige, der die Kohle verdient» – ist in der neuen Staffel als Erster an der Reihe. Und es ist ganz genau so wie im Songtext: Markus meint, er schaffe die Sache mit dem Haushalt und der Kindererziehung ganz locker, zeichnet sich dann aber vor allem durch geschicktes Delegieren aus.

Er lässt seine Kinder unter anderem Hemden bügeln und Blumen eintopfen, so wie es ihm seine Frau aufgetragen hat. Drei Seiten Traktanden für drei Tage Haushalt muss er abarbeiten. Bald verliert Markus die Nerven, die Frauen auf dem Sofa lachen schadenfreudig, dann beginnt er, seine Kinder anzuschreien, und das Lachen in der Runde erstickt.

«Ja, ich bin eine böse Frau»

Susanne muss sich bald dafür rechtfertigen, dass sie so einen Mann überhaupt geheiratet hat, dabei will sie doch nur ablästern und etwas Bestätigung. Und als sie nach den drei Tagen nach Hause zurückkehrt und wie eine Gouvernante mit ausgestrecktem Zeigefinger durch die Wohnung geht für den Staubcheck und ausflippt, weil Markus die leeren Wäschekörbe nicht akkurat ineinandergestapelt hat, sind auch die Sympathien für sie verspielt. «Ihr macht es euch aber auch nicht leicht», fasst eine der anderen Kandidatinnen die Beziehung zusammen. Und Susanne antwortet: «Ja, ich bin eine böse Frau.»

Das Konzept von «Mensch Papa! Väter allein zu Haus» wirkt völlig veraltet. Hier werden frustrierte Vollzeitmamas vorgeführt, die keine anderen Interessen zu haben scheinen als ihre Kinder, den Staub auf dem Bücherregal und die Wäscheberge (Susanne muss manchmal bis 2 Uhr nachts bügeln). Dort sind die Macho-Männer, die ihre einzige Aufgabe darin sehen, Geld nach Hause zu bringen und ihr Auto zu polieren. Da bleibt natürlich keine Zeit, auch noch die Frau zu unterstützen. Aber die ist ja eh so pingelig, dass man es ihr nicht recht machen kann, also lässt man es lieber ganz bleiben.

Sind wir denn seit 1977 noch keinen einzigen Schritt weitergekommen?

Lustig sind die Szenen mit den Macho-Männern, die früher oder später scheitern, höchstens ein paar Minuten. Konstruktiv ist der gegenseitige Fingerzeig ebenfalls nicht, selbst wenn die Männer die Arbeit ihrer Frauen nach drei Tagen etwas mehr wertschätzen.

Dass RTL mit dieser unoriginellen Sendung die Quoten am späteren Nachmittag retten kann, dürfte unwahrscheinlich sein. Da macht es der Konkurrenzsender VOX besser, zumindest inhaltlich. Dort wird nachmittags zwar auch die komplette Palette von Klischees bedient: Frauen, die Kinder erziehen, Frauen, die Brautkleider suchen, Frauen, die Hochzeit feiern, und Frauen, die unter Zeitdruck shoppen – aber das ist zumindest fröhlich und unterhaltsam.

Erstellt: 28.08.2019, 17:55 Uhr

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