Sein Interview-Stil ist das wahre Problem

Nach dem Auftritt bei Schawinski ist eine Edelprostituierte ihre Kolumne los – ausgelöst durch eine falsche Frage in der falschen Sendung.

Kein echtes Interesse am Gegenüber: Roger Schawinskis Talk (hier am 8. April mit Salomé Balthus) gleicht einer Inquisition. Foto: Screenshot SRF

Kein echtes Interesse am Gegenüber: Roger Schawinskis Talk (hier am 8. April mit Salomé Balthus) gleicht einer Inquisition. Foto: Screenshot SRF

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Es war ein perfekter Eklat, noch bevor die Sendung überhaupt ausgestrahlt war. In ihrer Kolumne auf Welt.de griff Kolumnistin und Edelprostituierte Salomé Balthus Roger Schawinski frontal an. «Missbrauch bei Schawinski» lautete der Titel. Einige Wochen zuvor hatte sie eine Sendung mit ihm aufgezeichnet.

Zwar habe sie gewusst, dass man auch über ihre Familie und den Vater reden werde, schreibt sie. Aber so? Schawinski habe nämlich aus heiterem Himmel gefragt: «Hat Ihr Vater Sie als Kind sexuell missbraucht?» Balthus schreibt von Scham, Schuld und Ohnmacht, welche diese Frage in ihr geweckt hätten, und Empörung, dass Schawinski ihrem Vater sexuellen Missbrauch unterstelle.

Das Ganze habe sie so aus dem Konzept gebracht, dass sie sich nach der Sendung am Flughafen habe betrinken müssen und nicht mehr wisse, wie sie sich wieder zusammensetzen soll.

Unsensibel, uninteressiert

Wäre die Sache so vorgefallen, hätte die Autorin allen Grund gehabt, sich zu beschweren. Doch tatsächlich hat Schawinski Balthus’ Vater nicht Kindsmissbrauch unterstellt. Vielmehr bezieht er sich auf einen Einspieler mit Alice Schwarzer, in dem diese behauptet, die meisten Frauen, die sich freiwillig prostituierten, seien als Kind missbraucht worden. Darauf fragt Schawinski Balthus: «War das bei Ihnen auch der Fall?»

Das hat Schawinski in der Sendung wirklich gefragt. (Video: SRF)

Jeder, der sich auch nur eine Minute mit sexuellem Missbrauch beschäftigt hat, müsste wissen, dass dies die falsche Frage in der falschen Sendung ist. Was würde er mit einer solchen Information letztlich anfangen? Einfach nicken und zum nächsten Angriff übergehen? Gleichzeitig kann sie aber auch niemanden überraschen, der Schawinskis Format kennt, denn er tritt immer so auf: unsensibel, oberflächlich und wenig am Gegenüber interessiert.

Fehlende Frauen

Ironischerweise hatte SRF zwei Tage zuvor eindrücklich gezeigt, wie man solche Dinge richtig angeht. In der Diskussionssendung «Club» zur Jackson-Doku «Leaving Neverland» debattierten Fachleute über verschiedene Aspekte dieses schwierigen Themas. Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: dem auf Konfrontation gebürsteten Interview-Stil Schawinskis.

Ein Sperrfeuer von Fragen mit der Absicht, das Gegenüber aus dem Konzept zu bringen, mag für politische Themen funktionieren. Nicht aber für sogenannt weiche Themen. Und schon gar nicht für das Thema Missbrauch. Das nämlich setzt ein Mindestmass an Interesse für Themen und Menschen voraus – und nicht nur für den kalkulierten Skandal.

Dies erklärt auch, warum so wenig Frauen in seiner Sendung auftauchen: Man muss schon sehr streitlustig und selbstbewusst sein, um eine solch kaltschnäuzige Inquisition in Kauf zu nehmen. Zwar flötete Balthus zu Ende der Sendung noch: «Ich fühle mich hier sehr wohl, Herr Schawinski», aber offensichtlich war das Gegenteil der Fall.

Nachspiel für die Kolumnistin

Die gestrige Sendung zeigte auch: Allein dass jemand eine Edelprostituierte ist und als Kolumnistin noch ein bisschen Werbung für ihre Dienstleistung macht, wie sie es in der Sendung selbst beschrieb, gibt als Thema allein herzlich wenig her. Entsprechend gequält wirkten die beiden denn auch in ihrem Gespräch.

Für Balthus hatte die Sache denn auch ein negatives Nachspiel: Nachdem sich Schawinski bei der «Welt» darüber beschwert hatte, Balthus verbreite Unwahrheiten über seine Sendung, wurde nicht nur der Text vom Netz genommen. Laut einem Mail von Ulf Poschardt, Chefredaktor der «Welt»-Gruppe, wurde auch gleich ihre Kolumne eingestellt. Immerhin hatte ihr Auftritt den gewünschten Marketing-Effekt: Dem Vernehmen nach soll man bei der «Weltwoche» bereits mit dem Gedanken spielen, der gefallenen Autorin bei sich Asyl zu bieten.

Erstellt: 09.04.2019, 12:50 Uhr

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