Schöner sterben mit Hannah

Jugendliche verschlingen «13 Reasons Why». Amerikanische Eltern und Pädagogen sind beunruhigt: Ermuntert die Netflix-Serie zu Selbstmord?

Experten warnen vor Nachahmern: Der Trailer zum Serienhit «13 Reasons Why». Video: Netflix

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Die Rasierklinge hat Hannah Baker in der Drogerie ihrer Eltern mitgehen lassen. Zu Hause setzt sie sich in die Badewanne und schlitzt sich ruhig und konzentriert die Pulsadern auf. Das bekommt man als Zuschauerin ganz genau, von ganz nah, gezeigt: Langsam zieht Hannah einen Schnitt längs über den Arm Richtung Herz. Als ihre Mutter sie findet, schwappt das rot verfärbte Wannenwasser über den Badezimmerboden.

Hannahs Suizid ist die brutalste Szene in der neuen Netflix-Produktion «13 Reasons Why». Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Jugendbuch von Jay Asher. Die Ausgangslage: Schülerin Hannah Baker hat sich überraschend das Leben genommen. Erst als ihr Mitschüler Clay Jensen eine Schachtel mit von Hannah verfassten Audiokassetten vor seiner Tür findet, wird klar, was Hannah in den Tod trieb: Mobbing und sexuelle Übergriffe von Mitschülern. Hannahs Stimme begleitet die Zuschauer fortan durch die Serie; «Hol dir einen Snack, machs dir gemütlich», sagt sie auf den Kassettenaufnahmen: «Ich werde dir jetzt die Geschichte meines Lebens erzählen.» Oder eher: die Gründe für ihren Suizid in 13 Akten erklären.

Experten warnen vor Nachahmern

«13 Reasons Why» ist toll gemacht. Die warme Teenage-Love-Stimmung der Serie macht süchtig – und manchmal sogar ein bisschen melancholisch. Als die beiden Hauptdarsteller an einem Schulball zum Indie-Song «The Night We Met» von Lord Huron unter farbigem Licht tanzen, ist die Schwermütigkeit so wohltuend, dass es kaum auszuhalten ist.

Doch es melden sich vermehrt Kritiker zu Wort. «Headspace» etwa, eine australische Gesundheitsorganisation, warnt Jugendliche vor «13 Reasons Why». Die Serie konfrontiere die Zuschauer mit einer allzu detaillierten Suizid-Szene. Man befürchtet Nachahmungstaten und beruft sich dabei auf internationale Forschungsergebnisse. Diese zeigen, dass das Risiko für Suizid steige, wenn Gefährdete mit einer expliziten Darstellung des Gewaltaktes konfrontiert würden.

Eine Schule im US-Bundesstaat New Jersey verschickte sogar Briefe an die Eltern, um vor «13 Reasons Why» – bereits d a s Gesprächsthema auf dem Pausenplatz – zu warnen. Und sogar eine Darstellerin aus einer anderen Netflix-Serie sprach sich gegen die Serie aus: «Stranger Things»-Schauspielerin Shannon Purser riet via Twitter all jenen Zuschauern, die Suizidgedanken haben oder sexuell missbraucht wurden, keinesfalls «13 Reasons Why» zu schauen.

Die Heldin ist zu heldenhaft

Auch Jay Asher, der Autor der Bestseller-Buchvorlage, mischte sich in die Debatte ein: Hannah Baker sei keine Heldin, sie habe Hilfsangebote zurückgewiesen. Asher will seine Geschichte als Suizid- und Mobbingwarnung verstanden haben. Trotzdem: Hannas Heldinnen-Potenzial ist beträchtlich. Sie ist beneidenswert schön und clever, ihre 13 Kassetten dramaturgisch meisterhaft inszeniert. Die Verstorbene tönt mal zart, mal sarkastisch – das ist eine geballte Ladung Coming-of-Age-Coolness aus dem Off.

Dass der explizite Suizid sowie eine schwer verdauliche Vergewaltigungsszene für einen öffentlichen Aufschrei sorgen würden, haben die Macher der Serie wohl geahnt: Nach dem Abspann der letzten Folge wird man sogleich mit pädagogisch korrekten Hintergrundinfos zu den gezeigten Themen versorgt: Die Darstellerinnen und Darsteller sowie Produzentin und Popstar Selena Gomez erzählen in kleinen Interviews, was sie sich bei der Serie gedacht haben. Ob das Aufklärung genug ist?

Erstellt: 27.04.2017, 12:44 Uhr

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