Til Schweiger wütet

Der Film-Profi hat einen «Tatort»-Actionfilm gedreht. Nichts ist darin, wie man es sich von der TV-Reihe gewohnt ist.

Til Schweiger als Kommissar Tschiller in Istanbul.

Til Schweiger als Kommissar Tschiller in Istanbul. Bild: Das Erste

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Dieser Artikel ist vor zwei Jahren erschienen. Damals feierte der nun am Sonntagabend ausgestrahlte «Tatort» als Kino-Film Premiere.

Eine Art öffentlich-rechtlicher James Bond ist «Tatort»-Kommissar Nik Tschiller ja schon. Jetzt darf er auch im Kino wüten. «Tschiller: Off Duty» ist das grosse Finale zu seinen vier TV-Krimis. Hauptdarsteller und Produzent Til Schweiger betonte vor dem Kinostart, dass man die vorangegangenen Fernseh-Episoden nicht gesehen haben müsse, um die Geschichte zu verstehen. Das musste er natürlich sagen, um «Tatort»-Verächter nicht zu vergraulen, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Hatte er sich am Fernsehen doch während zweier Jahre mit Firat Astan angelegt, dem Chef eines türkischen Verbrecherclans. Zuletzt entführte Astan Tschillers Ex-Frau, die in Geiselhaft umkam. Tschiller schnappte den Gangster über den Einsatz einer Panzerfaust und lieferte ihn an die Türkei aus.

Die Handlung von «Off Duty» setzt deshalb in Istanbul an: Tschillers Tochter ist auf eigene Faust an den Bosporus gereist, um Astan umzubringen. Der Plan misslingt, die 17-Jährige wird geschnappt. Tschiller, wie schon Hunderte Actionhelden vor ihm in dieser Situation, sieht rot. Er schiesst, prügelt, schreit «Fuck you! Bitch! Scheisse!», springt über Dachschluchten, hängt sich an fahrende Autos. Als er einmal halb tot ist, wird ihm eine Adrenalinspritze ins Herz gerammt. Schweiger, schon am Fernsehen stets gut in Fahrt, macht im Kino ungehemmt auf Hollywood.

Das Publikum liebt ihn, die Kritik höhnt

Die Millionen von «Tatort»-Fans ins Kino zu locken, ist ein cleverer und lukrativer Plan. Vorausgesetzt, man hat einen Publikumsliebling an Bord, für den die TV-Zuschauer ihre Fauteuils verlassen. Zuletzt gelang das 1985 mit Götz George als Horst Schimanski in «Zahn um Zahn». 20 Millionen sahen den Film. Und auf den ersten Blick sieht Til Schweiger ja wie der ideale Schimanski-Nachfolger aus. Wie damals der Ruhrpott-Haudrauf macht Schweiger den biederen «Tatort»-Kollegen Beine: Statt im Dienstwagen depressive Unterhaltungen über den kaltherzigen Repressionsapparat zu führen, ballert er sich durch den Kiez. Doch Schweigers Brachial-«Tatort» kommt immer weniger an. Acht Millionen Zuschauer guckten die beiden letzten Tschiller-Folgen. Die «Tatort»-Reihe erzielt im Schnitt zehn Millionen. Was für eine Ernüchterung für Deutschlands Superstar, dem nur die Rekordquote gut genug ist.

Umso wichtiger ist für Schweiger nun der Erfolg von «Off Duty» – auch persönlich. Er, der schon für internationale Produktionen wie Quentin Tarantinos «Inglorious Basterds» verpflichtet wurde, ist vor allem für Mainstream-Komödien wie «Keinohrhasen» oder «Kokowääh» bekannt. Seine Paraderolle ist der überforderte Single-Vater. Das Publikum liebt ihn dafür, die Kritik höhnt. Schweiger liess deshalb schon vor Jahren die Pressevisionierungen für seine Filme streichen. Die Journalisten sollen im Kino erleben, wie sich das Publikum amüsiert. Doch die Demütigung sitzt tief; immer wieder versuchte er sich als unironischer Held, etwa in den Thrillern «One Way» oder «U-Boat» – doch die Filme wollte niemand sehen. Dabei waren sie nicht einmal schlecht: überzeugende Nachahmungen von bestehenden amerikanischen Produktionen.

Auch «Off Duty» orientiert sich am amerikanischen Kino. Die Geschichte ist überlebensgross erzählt, gleichzeitig ist der Film um moralische Komplexitätsreduktion bemüht. Tschillers Tochter wird von Istanbul nach Moskau verschleppt, wo die Bevölkerung aus überdimensionierten Schlägertypen, Organhändlern und Femmes fatales besteht. Doch das ist bei James Bond nicht anders – und diesem fühlt sich Schweiger tatsächlich verbunden. Vor dem Filmstart sagte er in einem Interview, dass er sich der Rolle des 007 durchaus gewachsen fühle: «Ich würde es mir zutrauen, aber es würde mich nie jemand fragen, weil ich Deutscher bin.»

Die nötige Portion Kumpeligkeit

Genau so muss man «Off Duty» verstehen: als solides, unterhaltsames Old-School-Actionkino, in dem einer bei der Verfolgung des Bösen unfreiwillig in der Welt herumkommt, wobei Leichen und anderer obligatorischer Krempel aus dem Genre seinen Weg pflastern. Für die nötige Portion Kumpeligkeit sorgt Tschillers ängstlicher Kollege Yalcin Gümer, der auch in den Fernsehfolgen für den Humor zuständig ist. Regie führte Christian Alvart, auch mit ihm arbeitet Schweiger bei den TV-Folgen zusammen. Mit einem TV-«Tatort» hat «Off Duty» sonst aber gar nichts mehr zu tun. Nicht nur das bundesdeutsche Lokalkolorit fehlt komplett, auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag oder den legendären Vorspann hat Schweiger gestrichen. Statt 90 dauert der Film 140 Minuten.

Schweigers actiongeladene «Tatort»-Interpretation passt perfekt auf die grosse Leinwand, trotzdem ist ein Misserfolg nicht ausgeschlossen. Im Unterschied zu seinen höchst erfolgreichen Komödien fehlt in «Off Duty» der Heimat-Bonus. Der Film muss sich mit internationalen Actionproduktionen messen, wobei in diesem Genre nicht zuletzt das Budget matchentscheidend ist. «Off Duty» hat 8 Millionen gekostet. So viel gibt man bei Bond für einen grösseren Stunt aus – etwa als Pierce Brosnan in «Golden Eye» halb Moskau mit einem Panzer demoliert. Auch Til Schweiger fährt in «Off Duty» nach einer Verfolgungsjagd mit einem ungewöhnlichen Vehikel auf dem Roten Platz auf. Es ist aber bloss ein Mähdrescher. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2018, 21:50 Uhr

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