Sharon London Sex

Die Serie «Catastrophe» ist die beste Beziehungskomödie der letzten Jahre: Erwachsen, dreckig und trotzdem so lustig, dass eine einzige Episode wie eine Glückspille wirkt.

Szene einer Ehe: Sharon (Sharon Horgan) und Rob (Rob Delaney) in der englischen Komödienserie «Catastrophe».

Szene einer Ehe: Sharon (Sharon Horgan) und Rob (Rob Delaney) in der englischen Komödienserie «Catastrophe».

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Die Schweiz ist kulturell mit Konzerten, Ausstellungen und Partys überversorgt. Nur in Sachen TV-Serien haperts. Ausser Netflix streamt hierzulande kaum ein grosser Anbieter. Deshalb kam man auch nicht in den Genuss von «Catastrophe». Nun ist die englische Serie auch hierzulande zu sehen. Endlich! «Catastrophe» ist die unromantischste romantische Komödie überhaupt. Voller Zynismus und gleichzeitig warmherzig. Eloquent aber auch ruhig. Null Kitsch, viel Erkenntnis.

Geschrieben wurde die Serie vom amerikanischen Komödianten Rob Delaney und der irischen Schauspielerin Sharon Horgan. Die Hauptfiguren tragen ihre Namen: Der Werber Rob und die Lehrerin Sharon lernen sich im Londoner Nachtleben kennen, haben Sex und gehen dann wieder ihrer Wege. Kaum ist Rob zurück in den Staaten, erreicht ihn eine SMS von Sharon – sie ist schwanger. Er fliegt zurück, am Gate erwartet sie ihn mit einem Namensschild: «Rob»? Die Nachnamen kennen sie erst recht nicht. Er heisst Norris, sie Morris. «Wenigstens das ist verdammt lachhaft», sagt Sharon, die mit gut 40 nicht mehr damit gerechnet hat, Mutter zu werden.

Es ist der Anfang eines Porträts zweier Menschen, die beschliessen, eine Beziehung einzugehen, obwohl sie sich nicht kennen. Das ist lustig, aber gar nicht so weit von normalen Beziehungen weg. Egal, wie gut man jemanden zu kennen glaubt: Man tut es erst, wenn man versucht, zusammen ein Leben aufzubauen.



Der Bruch mit den Genre-Regeln

«Catastrophe» ist eine Sitcom, die wiederkehrenden Schauplätze sind begrenzt, dasselbe gilt für die Figuren. Doch die Produktion ist mit ihren perfekt gesetzten Wendungen und der fortlaufenden Handlung näher bei einer modernen TV-Serie als bei einer klassischen Sitcom. Die Hauptfiguren sind keine typischen jungen Romcom-Vertreter, sondern Mittvierziger.

Wo viele Komödien Langzeitbeziehungen auf wenig Sex und ein Pointenfeuerwerk herunterbrechen, zeigt «Catastrophe» auch die Machtverschiebungen in Paaren auf. Was braucht es, damit zwei Menschen zusammenbleiben? Wie Rob und Sharon ihre Beziehung verhandeln, ist fantastisch realistisch – manchmal enden die Diskussionen mit Streit, manchmal mit Sex. Meistens enden sie einfach.

Komödiantische Herleitung eines Ehestreits.

Ein weiteres Thema der Serie ist, wie Kinder eine Beziehung verändern. «Kinder zu haben», sagt Rob zu einem Neu-Vater mit einem Baby in den Armen, «ist, als würde man sich an einen Formel-1-Rennwagen schnallen. Bumm! Dein Leben ist vorbei. Aber nicht auf eine schlechte Art und Weise!» – «Ja», sagt Sharon, «du musst dir nur alles nehmen, was du jemals wolltest, und es in eine Kiste packen, weil du nie ... aber ja! Es ist toll!» Es ist die Zuspitzung eines wiederkehrenden Motivs der Serie: dass Kinderkriegen Verzicht bedingt, vor allem für die Frauen.

So wird auch das #MeToo-Thema grandios abgehandelt. In einer Szene sehen wir Rob, weniger smart und scharfzüngig als Sharon, wie er nach der Kündigung wegen einer sexistischen Bemerkung versucht, weibliche Mitbewerberinnen bei einem Vorstellungsgespräch schlechtzureden. Allerdings verheddert er sich in einer Geschichte über «eine Astronautin, die quer durchs Land fuhr, um eine Rivalin zu attackieren».

Carrie Fishers letzte Rolle

Zwar sind in «Catastrophe» nicht einmal sekundäre Geschlechtsteile zu sehen, trotzdem ist die Serie erst ab 17+ empfohlen. Kein Wunder: Sharon und Rob haben Sex, der mal laut und herrlich daherkommt, mal asymmetrisch befriedigend. Romantisch ist er fast nie – eine weitere schmerzlich reale Tatsache. Die lustigste «Sex-Szene» zwischen den beiden beinhaltet allerdings gar keinen Sex: In der letzten Staffel, also mehrere Jahre und zwei Kinder nach ihrem ersten Treffen, bimmelt Robs Telefon. Auf dem Display sehen wir, unter welchem Namen er Sharon abgespeichert hat: «Sharon London Sex».

Ja, eine Episode «Catastrophe» wirkt wie eine Glückspille: Nach 20 Minuten gehts einem besser. Der Wirkstoff sind Einfälle wie dieser: Sharon gibt – als ob eine binationale Ehe nicht schon genug Stolpersteine bereithält – dem Baby den irischen Namen Muireann, was dazu führt, dass Rob den Namen seiner eigenen Tochter nicht richtig aussprechen kann. Muirin? Mirin? Mwirin? Robs amerikanische Mutter kämpft erst recht mit der Aussprache. Die Ultrazynikerin wird übrigens von «Star Wars»-Ikone Carrie Fisher gespielt. Fisher starb vor den Dreharbeiten der Schlussstaffel. «Catastrophe» war ihr letzter Einsatz. Vielleicht auch ihr bester.

Die verstorbene Carrie Fisher in Catastrophe.

Sowieso, die Nebenfiguren. Die sind so toll entworfen und besetzt, dass sie alle als Hauptfiguren in anderen Serien denkbar wären. Robs bester und einziger Freund ist ein amerikanischer Banker, der abgesahnt hat und nun dem Heroin und Verschwörungstheorien frönt. Originell auch die Frau, die bei Robs Autounfall Splitter ins Bein abgekriegt hat und ihn deswegen immer wieder hinkend aufsucht – bis rauskommt, dass sie körperlich unverletzt, aber einsam ist. Oder Sharons Dumbo-Bruder, den die Eltern trotzdem besser mögen als Sharon, was ihr bewusst wird, als sie im Haus der Eltern nur Fotos vom Bruder und seiner Familie antrifft.

In solchen Momenten ist «Catastrophe» so lebensnah, dass es wehtut – und trotzdem ist es keine dieser Komödien, die unbedingt ein Zeitgeistkommentar zu Schmerzensmännern oder bindungsunfähigen Millennials sein wollen wie etwa die Serien «Louie» und «Girls». «Catastrophe» ist britisch durch und durch. Schräg, boshaft. Aber es geht auch um eine Lebenseinstellung. In Amerika hofft man, dass die Dinge besser werden, deshalb das obligate Happy End. Die Engländer lachen darüber, dass sich eben genau nichts ändert. Einmal fragt Sharon: «Wann wird es endlich aufhören, so mühselig zu sein?» Und die Antwort, die «Catastrophe» bereithält, lautet: Es hört nicht auf, bis alles vorbei ist. Das Mühsal – die Katastrophe – ist nicht die ungeplante Schwangerschaft, nicht die Ehe, sondern das Leben an sich.

Eine langjährige Serie befriedigend zu beenden, gelingt sehr selten. Zu viele Handlungsstränge, zu hoch die Erwartungen. Doch auch hier ragt «Catastrophe» heraus. Nach vier Jahren, wo Partnerschaft und Ehe, Sex und Kinder, Alkoholismus, zervikale Dysplasie und Kinderpenisse auf urkomische und ehrliche Art abgehandelt wurden, wartete «Catastrophe» mit einem perfekten Schluss auf. Die allerletzte Einstellung dieser eloquenten Serie verzichtet ganz auf Dialog und bricht die Beziehung zwischen zwei Menschen mit einem einzigen metaphorischen Bild herunter. Es ist ein offenes Ende, das fatalistisch oder optimistisch gedeutet werden kann. Je nachdem, wie man selbst zur Zweisamkeit steht.



«Catastrophe» ist bei Amazon Prime zu streamen.

Erstellt: 27.09.2019, 19:54 Uhr

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