TV-Kritik

Der Pfünderli-Sniper

Ein Drehbuchautor mit Munitionsfetisch, fliegende Hirnfetzen und Selbstjustiz: Die «Tatort»-Saison eröffnete mit einem brutalen Beitrag aus der Schweiz.

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Es spritzten die Hirne, es flogen die Leichen meterweit – im jüngsten Schweizer «Tatort», in dem ein heimtückischer Heckenschütze mit einem Kastenwagen durch Luzern kurvte und sein hinterhältiges Hinrichtungshandwerk verrichtete. Und zwar aus einem Gefährt mit schwarzer Lackierung und abgedunkelten Fenstern. Viel auffälliger kann man dem Tötungshandwerk wohl kaum nachgehen.

Und auch sonst war der letzte «Tatort» einer des offensichtlichen. Denn wer der Täter war, erfuhr man schon nach wenigen Minuten: Antoine Monot jr. als supernetter und ebenso sensibler Daddy-Typ, der neben dem Erschiessen von Menschen sich um seine schwer traumatisierte Frau kümmerte und beim Bäcker in aller Höflichkeit sein Pfünderli und Gipfeli bestellte.

Drehbuchautor mit Munitionsfetisch

Unklarheit gab es nur bezüglich des Motivs. Aber auch dieses wurde bald nachgereicht – dank der extrem effizienten Kriminaltechnik und dem Drehbuchautor, der beim Schreiben wohl einem Munitionsfetisch erlag: Von «abgesägten Projektilen», von «Nato-Kaliber» und «aufgesägten Gattergeschossen» sowie «Unterschallmunition» war die Rede, wobei Letztere im Jugoslawienkrieg von Heckenschützen verwendet worden sei.

Der Täter musste also ein ehemaliger Balkankrieger mit handwerklichem Geschick sein. Tatsächlich sah man dann schon bald, wie Monot Geschosse aufsägte. Und auch das Motiv des Serienmörders war bald klar: Ein Profiler, der sonst bei Scotland Yard arbeitet, wusste, dass der Täter an einer «posttraumatischen Verbitterung» leide. Herausgefunden hatte er das, weil er Heinrich von Kleists «Michael Kohlhaas» aus dem Jahr 1810 kennt, der sich als Don-Quijote-Figur in der Selbstjustiz verrennt.

Flückiger bleibt fad

Wahrscheinlich war dieser «Tatort» als Plädoyer für geisteswissenschaftliche Fächer angedacht. Denn neben «Michael Kohlhaas» durfte bei den Ermittlungen auch noch ein Archäologe mithelfen, der sonst «Mumien und so» mache. Über die andere Sehart, die sich eigentlich aufdrängt und derzufolge man sich von traumatisierten Überlebenden des Jugoslawienkriegs und deren Angehörigen in Acht nehmen sollte, will man lieber nicht nachdenken. Zu krude ist sie. Auch wenn die steile These schliesslich in einer mitleiderregenden Tragödie erstickt wurde, als Monot und seine traumatisierte Filmgattin mit einem Kollektivselbstmord aus dem Leben schieden - wie Heinrich von Kleist und seine Henriette Vogel.

Selten war literarisches Wissen so nützlich! Keinen Gedanken möchte man hingegen mal wieder über Stefan Gubsers Kommissar Flückiger verschwenden, der in diesem «Tatort» selbst im Zustand der totalen Überforderung, die er sich selbst attestierte, völlig fad blieb – und mit dem Verlauf der Ermittlungen eigentlich nichts zu tun hatte, also verzichtbar gewesen wäre. Aber für Fans von mitleidtriefenden Traumatragödien, die im Spagat mit einem gehirnspritzenden Sniper-Splatter zusammengefügt werden, war an diesem Abend durchaus etwas mit dabei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.09.2015, 21:45 Uhr

Kritik, Rating, Diskussion

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