So einen Dracula haben wir noch nie gesehen

Die «Sherlock»-Macher haben den Blutsauger als Netflix-Serie neu interpretiert: «Dracula» ist gruslig, lustig und bisexuell.

Immer einen Spruch auf den Lippen: Claes Bang als Chef-Vampir in der Netflix-Serie «Dracula».

Immer einen Spruch auf den Lippen: Claes Bang als Chef-Vampir in der Netflix-Serie «Dracula».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Osten nichts Neues: Dunkel liegt der Wald in Transsylvanien, eine Kutsche rumpelt aus dem Nebel auf ein unheimliches Schloss zu. Willkommen bei Graf Dracula, der nun als BBC-Produktion auf Netflix sein Unwesen treiben darf. Sein wievielter Auftritt ist das? Sinnlos, alle Bücher, Hörspiele, Filme und Serien aufzuzählen. Hunderte, wenn nicht Tausende davon gibt es. Dracula hat schon politische, kapitalistische, rassistische und psychologische Interpretationen nach sich gezogen. Als Schlüsselanhänger und Legofigur gibt es den obersten Blutsauger natürlich auch. Mag man sich da noch gruseln? Sollte man sich das anschauen?

Unbedingt! Der Dreiteiler wurde nämlich von Steven Moffat und Mark Gattis entworfen. Die Engländer hauchten bereits dem totgeglaubten Dr. Who neues Leben ein. Vor allem aber modernisierten sie Sherlock Holmes. Ihre Serie «Sherlock», die von 2010 bis 2017 lief, war ein internationaler Grosserfolg. Wie machen die beiden das: aus durchgekauten Stoffen Hits schaffen, die Publikum und Kritik gleichermassen hinreissen?


Ewig rumpelt die Kutsche: Szene aus der Serie «Dracula».

Zunächst einmal: Der Vampir ist eigentlich eine Schweizer Erfindung. 1816, im «Jahr ohne Sommer» als die Asche des indonesischen Vulkans Tambora die Temperaturen rund um den Globus senkte, versammelten sich aristokratische Engländer in einer Genfer Villa und veranstalteten einen kleinen Wettbewerb: Wer erfindet die gruseligste Geschichte? Mary Shelley präsentierte «Frankenstein» und John William Polidori konterte mit «The Vampyre».

Die neue Netflix-Serie bezieht sich auf dessen Nachkommen, Bram Stokers «Dracula». Darin wird der frisch verlobte Anwalt Jonathan Harker ins ferne Transsylvanien gebeten, um für den Grafen Dracula den Kauf einiger Immobilien in London zu besprechen. In den folgenden Tagen fallen Harker seltsame Dinge auf. Der Graf hat panische Angst vor Spiegeln. Er gerät beim Anblick von Blutstropfen richtiggehend in Rage. Und er lebt offenbar ohne jede Dienerschaft.

So weit folgt die Serie der Vorlage, dann wird der Ton immer komischer. Dracula (Claes Bang) haut in gebrochenem Englisch mit osteuropäischem Akzent Bonmots heraus. Nachdem er etwa ein Baby vampirisiert hat, reagiert Harker entsetzt: «Sie sind ein Monster!» Dracula: «Und Sie ein Anwalt. Niemand ist perfekt.» Dracula muss sich offenbar immer wieder selber belustigen, weil niemand sonst dazu in der Lage ist. Die Freude an der Serie hängt denn stark davon ab, wie toll man seine Sprüche findet.


Trailer der neuen «Dracula»-Serie.

Wie andere erfolgreiche zeitgenössische Serien überwindet die Serie Genres, sie ist ein Mix aus Komödie und Horror. Indem Altes geplündert und scheinbar Unvereinbares zusammengeführt wird, entsteht Neues. Das war schon bei «Sherlock» so. Gatiss und Moffat verpflanzten den Meisterdetektiv geschickt ins heutige London und fanden eine digitale Analogie für Holmes' Erkenntnisleistungen: Wenn Sherlock einen Tatort «liest», erscheinen riesige Wörter auf dem Bildschirm, eine Art Online-Word-Cloud. Das Ergebnis war eine clevere Serie, die im Kern Arthur Conan Doyles Geschichten treu bleibt und sie gleichzeitig mit einem pulsierenden Geist der Moderne erfüllt.

Ein weiterer Trick der Drehbuchautoren: Das Publikum unterhalten, indem sie die Originalgeschichte fulminant weiterspinnen – und gleichzeitig in ihrer Absurdität schwelgen. War der Vampirjäger Van Helsing bei Bram Stoker ein Wissenschaftler, nimmt in der Serie eine Nonne namens Agatha Van Helsing (Dolly Wells) die Rolle von Draculas Gegenspielerin ein. Besonders gottesfürchtig ist sie nicht. «Wie viele Frauen bin ich in einer wortlosen Ehe gefangen, aber brauche halt ein festes Dach über dem Kopf», sagt sie zu Dracula, als dieser vor dem Tor ihres Klosters steht – splitternackt, weil er eben noch in Wolfsgestalt um die Mauern strich. «Mädels, ich weiss nicht, wie es euch geht», sagt er zu den versammelten Nonnen, «aber ich mag ein bisschen Pelz.» Wo Sherlock prätentiös und selbstgefällig sein konnte, (was die wenigen Kritiker der Serie bemäkelten), ist Dracula lasziv und eloquent.


Cleveres Marketing: Schatten werfendes Plakat zur Serie.

Dank kühnen Plot-Twists landet Dracula vom Mittelalter irgendwann in der Gegenwart, wo er sich als Adeliger an der politischen Gesellschaftsform stört: «Demokratie ist die Tyrannei der Ungebildeten.» Das ist ein weiterer guter Spruch, doch letztlich ist es das Update der Hauptfiguren, die den Erfolg von Gattis und Moffat ausmachen. Ihr Holmes kann das, was wir in Zeiten, wo der technologische Fortschritt und die globalisierte Welt viele überfordern, alle gerne könnten: aufgrund eines Details das Grosse und Ganze erkennen und erklären. Ein solcher intellektueller Erlöser war bereits der alte Holmes, damals in den Wirren der Vormoderne. Doch die neue Version, gespielt von Benedict Cumberbatch, ist ein aspergerischer, asexueller Typ, einer wie Sheldon aus «The Big Bang Theory». Mit seinem Desinteresse an Männern und Frauen, eigentlich allem, das nichts mit seiner Arbeit zu tun hat, ist Holmes keine viktorianische Kuriosität mehr, sondern der König der Nerds.

Auch Dracula hat ein Update erfahren. Äusserlich eine Mischung aus Lazenby-Bond und Christopher Lee, geniesst er Mord und Terror. Es ist schwer, sich nicht von seinem Charme und Charisma, seinem schwindelerregenden Selbstbewusstsein und seinen Wortspielen mitreissen zu lassen. Die «Dracula»-Serie ist ein grosser Spass, wie eine Fahrt auf der Geisterbahn, die nicht enden will. Das Kernthema von Bram Stoker – der Blutsauger als homoerotische Figur, entworfen kurz nach dem Prozess gegen Oscar Wilde – fällt da weitgehend weg: Die verbotene Lust ist im Jahr 2020 kein Reizthema mehr. Ganz selbstverständlich wird Dracula als bisexuell gezeigt.

Weil Dracula keinen Doktor Watson zur Seite hat, der seine Perspektive erweitert, sondern eine Einmannshow ist, fehlt der opulent inszenierten Serie wohl das Zeug zum ganz grossen Hit oder gar Sittengemälde, wie es «Sherlock» ist. Doch in einer schnelllebigen Gesellschaft wie der unseren hat das Versprechen von Ewigkeit nach wie vor einen besonderen Reiz. Und ist das Geheimnis von Unsterblichkeit nicht Anpassungsfähigkeit? Genau deshalb sollte man sich die Serie ansehen: Der smarte Kitsch-Dracula ist der Vampir, den wir verdienen.

«Dracula» auf Netflix abrufbar.

Erstellt: 10.01.2020, 12:24 Uhr

Artikel zum Thema

Könnte es Zombies wirklich geben?

Kolumne In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren häufig gegoogelte Fragen. Mehr...

Wer ist hier das Monster?

Private View Dracula wirkt blass dagegen: Der Künstler Tawan Wattuya lässt Monster und Politiker verschmelzen. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Die besten Orte für eine neue Ordnung

Geldblog Bei GAM fliessen weiterhin Vermögen ab

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...