Was ist mit den Appenzellern los?

Wie die Schweiz streamt, zeigt unsere exklusive Daten-Auswertung. Gewisse Vorlieben erstaunen.

Gehört zu den beliebtesten Sendungen: «The Big Bang Theory».

Gehört zu den beliebtesten Sendungen: «The Big Bang Theory». Bild: PD

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Sie gehen ein wie Pilze an der gleissenden Sonne. Bald werden die letzten Antennen auf den Schweizer Dächern verschwinden. Ihre Zeit ist vorüber, ab diesem Sommer wird die SRG die Antennen nicht mehr beliefern. Wer fernsieht, tut das heute digital. Und das immer öfter per Streaming, also direkt übers Internet, per Browser oder App. Aber wie und was streamt die Schweiz?

Der Anbieter Zattoo (an dem Tamedia beteiligt ist) hat uns seine Daten zur Verfügung gestellt. Der TV-Streamingdienst hat hierzulande einen Marktanteil von 57 Prozent, ist Marktführer. Zudem haben wir eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts GFK Switzerland ausgewertet.

Streaming-TV boomt, Zattoo verzeichnet jährliche Abozuwachsraten von 40 bis 50 Prozent. Das grösste Alterssegment sind die 20- bis 29-Jährigen. Andererseits nutzen von den über-50-jährigen Schweizerinnen und Schweizern 41 Prozent nicht einmal Youtube. Nahe liegt da die Vermutung, dass die neue, wachsende Streamingwelt sich radikal unterscheidet von der alten TV-Welt, weil stärker von jugendlichen Nutzern geprägt. Zumal SRF 1 einen hohen Altersdurchschnitt von 60 Jahren aufweist. (Bei der mittlerweile eingestellten Kindersendung «Zambo», die eigentlich für 8- bis 12-Jährige gedacht war, schauten im Schnitt 53-Jährige zu.)

Doch so einfach ist es nicht. Ein erster Blick in die Zattoo-Statistiken zeigt, dass ein technologischer Umbruch keine kulturelle Revolution bedeuten muss: Die meistgestreamte Deutschschweizer Sendung heisst «Tagesschau». Also jene Informationssendung, die seit den 1950ern als ein mediales Lagerfeuer der direkten Demokratie gilt. Deren Sprecherinnen und Sprecher manchen vertraut wurden wie gute Bekannte.

Eine Sendung aber auch, deren Bedeutung hinterfragt wird in einer Zeit, in der alternative News-Kanäle und soziale Medien blühen und wuchern. Die Zattoo-Zahlen zeigen, dass der Ruf der «Tagesschau» auch bei Jungen und Jüngeren intakt ist, dass auch sie der Sendung eine fundierte Information zutrauen.

Mit «Meteo» liegt eine wei­tere SRF-Informationssendung weit vorne. Ansonsten zeigt sich, wie tief sich der Serienkonsum in unseren Alltag eingegraben hat. Serien der ersten oder zweiten Generation sind unvermindert beliebt. «Big Bang Theory» (seit 2007), «Navy CIS» (seit 2003) und die «Simpsons» (seit 1989) sind unter den zehn meistgestreamten Sendungen. Die Sendung, die auf Zattoo am häufigsten zeitversetzt geschaut wird, ist «Gute Zeiten, schlechte Zeiten». Jene Soap, die seit 27 Jahren vom deutschen Liebeln handelt.

Neben TV-Streamingdiensten wie Zattoo nutzen die Schweizer vermehrt auch den zahlungspflichtigen Video-Streamingdienst Netflix, dessen raffinierte Serien oft als Weiterführung des Romans mit anderen Mitteln gefeiert werden. 13 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer schauen mittlerweile Netflix. Der TV-Konsum ist derweil laut Bundesamt für Statistik konstant geblieben: In der Deutschschweiz wird im Schnitt täglich immer noch zwei Stunden ferngesehen. Der Netflix-Konsum addiert sich zur bisherigen Bildschirmzeit.

Die Auswertung der Zattoo-Statistik nach Kantonen zeigt, dass in Zürich, Aargau und Luzern die Sendungen der Kategorie «Serien» am längsten ge­streamt werden. In Bern ist die Kategorie «Dokumentarfilme» am beliebtesten, in Basel-Stadt «Information». Die Kategorie «Movies» ist schweizweit mit Abstand jene, bei der der Stream am schnellsten wieder abgebrochen wird. Ein klares Indiz dafür, dass es den Serienentwicklern heute weit besser gelingt als den Filmemachern, ihre Geschichten im hibbeligen Umfeld der sozialen Medien und der Whatsapp-Nachrichten zu etablieren.

Wie jeder Datensatz wirft die Zattoo-Statistik einige Fragen auf. Etwa, weshalb die Kategorie «Kids» in Neuenburg und Freiburg am beliebtesten ist. Stellen die Romands ihre Kinder etwa mit Trickfilmen ruhig? Oder: Warum streamen ausgerechnet die Appenzell-Inner­rhödler am längsten – 182 Minuten pro Session? (In Zürich dauert ein Stream im Schnitt nur 45, in Bern und Basel je 51 Minuten.) Liegt es an den fehlenden kulturellen Alternativen, den zugeschneiten Häuschen, dem ruhigeren Gemüt der Appenzeller? Oder sind sie bloss süchtiger? Und was sagt es über den hiesigen Geschmack aus, wenn der beliebteste Film auf Zattoo «Spectre» heisst, der Blockbuster mit Daniel Craig in der Rolle eines prolligen James Bond?

Erst wurde die Antenne gegen das Kabel getauscht, nun wird das Kabel gekappt. «Cord Cut» wird dieses Phänomen genannt: Zuschauer verzichten auf TV-Angebote via Kabel und Provider und beziehen ihr TV-Programm über Zattoo, Wilmaa, Teleboy und andere. Diese Zuschauer geben nur noch für eine schnelle Internetverbindung Geld aus. Allenfalls kommt ein Betrag für zeitversetztes Schauen oder fürs Speichern der Sendungen dazu. Allein in den USA haben letztes Jahr Schätzungen zufolge weitere acht Millionen Nutzer das Kabel gekappt.

Hauptgrund für die zunehmende Verbreitung von Diensten wie Zattoo sind das Aufkommen von internetfähigen Fernsehern und die breite Abdeckung durch Glasfaserkabel, die die Internetverbindungen massiv beschleunigt haben. Dazu kommen Streaminggeräte wie Apple TV oder Google Chromecast, die Inhalte vom Handy oder PC auf die Fernsehschirme bringen können – auch wenn der Fernsehsender keine Smart-TV-taugliche App entwickelt hat.

Mittlerweile schaut jeder dritte Amerikaner nur noch per Stream fern. In der Schweiz sind es laut den Marktforschern von Kantar TNS bisher erst acht Prozent, die ausschliesslich streamen. Aber auch bei uns dürfte dieser Anteil deutlich steigen. Die Forschung bezeichnet junge TV-Gucker als «Cord Nevers» – Konsumenten, die für das Verbindungskabel respektive Zulieferer wie Swisscom oder UPC noch nie gezahlt haben.

Ob und wie schnell die Schweizer das Kabel kappen, hängt von der Benutzerfreundlichkeit der smarten Fernseher ab. Und von der Bequemlichkeit: «Die Schweizer sind eher konservativ und wechseln nicht einfach so den Anbieter. Solange man nicht zügelt, behalten viele, was sie haben», sagt Ralf Beyeler, der bei einem Vergleichsdienst die Veränderungen und Marktanpassungen der Telecombranche seit Jahren verfolgt.

Viele grosse Sender haben den «Cord Cut» akzeptiert und ihr Angebot mittlerweile für Smart-TV, Apple TV oder Android-TV geöffnet. Darunter BBC und CNN, aber auch ARD und ZDF. Nicht so SRF: Seine App gibt es nur für Handy und Tablet. Gert von Manteuffel, Leiter der SRF-Digitalabteilung, sagt, man könne das Handy ja mit dem TV ­verbinden. Das ist tatsächlich möglich, bedingt aber ein gewisses technisches Know-how und den Einsatz von Geräten oder Kabeln. Im Gegensatz zu den grossen Sendern anderer Länder will SRF den «Cord Nevers» nicht mit einer Smart-TV-tauglichen App entgegenkommen: «Es ist aber auch immer eine Kosten-Nutzen-Frage. Bis jetzt haben wir unsere Mittel für die Entwicklung der anderen Angebote eingesetzt.»

Interessant sei, dass es bereits Apps von Dritten wie zum Beispiel Telecast gebe, die genau das täten: SRF-Inhalte auf das Smart-TV bringen, sagt Ralf Beyeler. Wenn das eine Privatperson schaffe, dann sollte es auch SRF schaffen, so der Experte.

Erstellt: 21.02.2019, 17:50 Uhr

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