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Spannender als die letzten drei Bond-Filme zusammen

Die BBC-Serie «Bodyguard», neu auf Netflix, brach in England Zuschauerrekorde. Das hat gute Gründe: «Bodyguard» ist unheimlich dicht erzählt und jagt von einem Plot-Twist zum nächsten.

Es ist nicht einfach, dieses Ding mit der Work-Life-Balance. In einem Moment sitzt man noch gemütlich im Zugabteil und betrachtet seine schlafenden Kinder, im nächsten versucht man die islamistische Attentäterin auf der Boardtoilette davon abzuhalten, ihren Sprengstoffgürtel zu zünden. So kann es gehen, zumindest im Leben des britischen Polizisten David Budd, der Hauptfigur der Serie «Bodyguard», die gerade auf Netflix zu sehen ist. «Bodyguard», um das vorweg zu sagen, zeichnet sich nicht durch seine Glaubwürdigkeit aus. Es ist eher umgekehrt: Die grösste Leistung dieser Serie ist, dass man sie verschlingt, obwohl ihre Handlung in weiten Teilen hanebüchen ist.

Das fängt schon bei der Grundkonstellation an, die wie der dritte Aufguss einer schon ursprünglich nicht besonders originellen Idee daherkommt: Der Afghanistan-Veteran Budd (Richard Madden) ist aus dem Krieg mit ein paar Narben und einer Posttraumatischen Belastungsstörung zurückgekehrt. Seiner Ehe hat das nicht gut getan, die Abende verbringt er damit, Bier zu trinken und die getrennt lebende Frau per Telefon zu terrorisieren. Im Job läuft es dafür ganz gut, immerhin wird er - nachdem er den Zug vor der Terroristin gerettet hat - zum Personenschützer der Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) befördert.

Montague ist eine sicherheitspolitische Hardlinerin. Die britischen Kriegseinsätze der vergangenen Jahre rechtfertigt sie eifrig, ihr aktuelles Projekt ist ein Überwachungs-Gesetz, das George Orwell den Schweiss auf die Stirn getrieben hätte. Es folgen politische Intrigen, Anschläge und Affären. Das klingt erst einmal so, als habe man die Whitney-Houston-Kevin-Costner-Geschichte mit ein bisschen House of Cards und etwas Homeland vermengt. Braucht die Welt das wirklich?

In Grossbritannien, wo die Serie diesen Sommer in der BBC anlief, fand man: ja. «Bodyguard» erreichte dort die höchsten Zuschauerzahlen der vergangenen zehn Jahre. Allein die erste Episode sahen dort mehr als zehn Millionen Menschen. Endlich, jubelten britische Medien, habe man es mal wieder mit einer Serie zu tun, die die gesamte Nation um das TV-Lagerfeuer versammle. Ein Grund dafür war sicherlich, dass die BBC «Bodyguard» entgegen des aktuellen Video-on-Demand-Trends wochenweise versendete und damit dem Publikum viel Zeit gab, über die Fortsetzung zu spekulieren. Aber auch wer die Serie nun auf Netflix in einem Rutsch konsumiert, versteht, was die Briten an ihr fanden.

Twists en masse

«Bodyguard» ist spannend. Auf eine Weise, die beinahe altmodisch anmutet. Eine Serie, die etwas auf sich hält, erzählt heute langsam und gibt Raum für Zwischentöne. «Bodyguard» tut nichts davon. Stattdessen jagt die Mini-Serie von einem Plot-Twist zum nächsten. Eine Folge, in der nicht mindestens eine Bombe vorkommt, scheint für den Drehbuchautor Jed Mercurio eine schlechte Folge zu sein. In der einen Sekunde steht Sergeant David Budd mit Pokerface-Miene in der Gegend rum, in der nächsten quietschen Reifen, klirrt Glas, fallen Schüsse.

Allein die ersten 20 Minuten der Auftaktfolge, das Kammerspiel zwischen Budd und der Selbstmordattentäterin in der neonlichterfüllten Zugtoilette, hat eine unheimliche Sogkraft. «Ich habe genauso viel Angst wie du», sagt er ihr, aber man merkt es ihm nicht an, so seelenruhig, wie er die Islamistin zum Aufgeben überredet - und dann auch noch ihr Leben vor den übereifrigen Sicherheitskräften rettet. Ein Nebeneffekt des unwahrscheinlich rasanten Tempos ist, dass den einzelnen Figuren nicht viel Tiefe zugestanden wird. Platt kommt das Ganze trotzdem nicht daher. «Bodyguard» vermeidet viele der Klischees, die das Action-Genre häufig so altbacken wirken lassen.

Das zeigt sich zum Beispiel im Verhältnis zwischen Frauen und Männern: Auf den ersten Blick scheint sich hier das Narrativ des starken Mannes, der eine schwache Frau beschützt, zu wiederholen. Auf den zweiten Blick ist Budd der Untergebene einer sehr selbstbestimmten Machtpolitikerin, die sich nimmt, was sie will. Das schliesst auch ihren Leibwächter mit ein, der in der unvermeidlichen Affäre zwischen den beiden klar als ihr Lustobjekt inszeniert ist. Auch das Bild der Islamisten ist differenzierter als es anfangs scheint.

Überhaupt zeichnet «Bodyguard» sich dadurch aus, dass man in jeder Folge mindestens zwei Mal seine Meinung darüber ändert, wer denn nun gut und wer böse ist. Eine Frage, die bis zuletzt auch bei dem so treuherzig dreinblickenden Helden offenbleibt. Und gerade als man denkt, die Handlung könne nicht noch mehr an Fahrt aufnehmen, kommt das Finale, das spannender ist als die letzten drei Bond-Filme zusammen. Bodyguard, das wird hier noch einmal deutlich, will nichts neu erfinden. Aber das, was die Serie macht, macht sie unglaublich gut.

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