SRF lullt Publikum mit Erfolgsgeschichten ein

Wie schafft man es ganz nach oben? Eine neue Serie über erfolgreiche Schweizerinnen und Schweizer zeigt das undifferenziert.

Roger Federer ist eines der Aushängeschilder der neuen SRF-Serie über erfolgreiche Schweizerinnen und Schweizer. Fotos: SRF

Roger Federer ist eines der Aushängeschilder der neuen SRF-Serie über erfolgreiche Schweizerinnen und Schweizer. Fotos: SRF

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«Schweizer Erfolgsgeschichten – Grenzenlos gut», so heisst eine neue SRF-Serie. In der ersten Folge, ausgestrahlt am vergangenen Freitag, traten Roger Federer, Tennisstar, Model Ronja Furrer und Victorinox-Länderchef für Mexiko, Karl Kieliger, auf.

Sie werden vom Kamerateam im Alltag begleitet, sprechen über ihren Werdegang, über Highlights und Tiefpunkte ihrer Karrieren. Man sieht Federer auf dem Tennisplatz und am Rande von Turnieren. Ronja Furrer wirft sich beim Shooting in New York in eine Pose nach der anderen. Dann sehen wir Kieliger im Büro, wie er mit Angestellten die Victorinox-Taschenmesser weiterentwickelt. Gerade begutachten die Messerspezialisten ein neues, von indigenem Kunsthandwerk inspiriertes Muster für einen Messergriff. Am Abend trifft sich Kieliger mit anderen Schweizer Männern in Mexiko-Stadt zum Jassabend in einer edlen Wohnung.

Die Gespräche mit den drei Erfolgreichen gehen tiefer als die üblichen Interviews zu einzelnen Spielen, Kampagnen oder Produkten. Doch der Unterton der Sendung ist fragwürdig. Online heisst es im Sendebeschrieb: «Wenn Leidenschaft auf harte Arbeit und Disziplin trifft, ist der Erfolg meist nicht weit.»

Heute ist Ronja Furrer ein weltweit gefragtes Model. Zu ihrem Erfolg trage bei, dass sie stets pünktlich sei.

Folgerichtig werden die Geschichten der drei Protagonisten in der ersten Folge nach diesem Schema erzählt. Sie seien durch Tugenden wie Fleiss, Disziplin und Anstand und sehr viel Arbeit zu ihrem Erfolg gekommen, sagen die drei Porträtierten in den Interviews.

Anständige Schweizer für die Welt

Roger Federer etwa freut sich, dass er die Schweiz in der ganzen Welt vertreten kann. Er habe sich nicht aufhalten lassen und habe an seiner Vision festgehalten, sagt die Stimme aus dem Off. Dann spricht er über Schweizer Werte wie Anstand, die es ihm ermöglichten, als international Prominenter hierzulande frei zu leben.

Aber, fragen wir uns, sind Menschen in anderen Ländern denn partout einfach unanständig? Ist Anstand nicht auch ein Privileg des Wohlstandes? Man muss in der Schweiz jedenfalls keine krummen Dinger drehen, um sich durch den Tag zu bringen. Hier können die meisten Menschen einer geregelten, anständig bezahlten Arbeit nachgehen.

Karl Kieliger erzählt, unter welchem Druck er stehe, den Umsatz von Victorinox in Mexiko zu steigern.

Geschäftsmann Kieliger weiss das. Er hat lange genug in Lateinamerika gelebt, um zu wissen, was man an einem Leben in der Schweiz hat. Alles funktioniert verlässlich. Anders in Mexiko. Hier kommt etwas Differenziertheit auf. Ebenso, wenn Ronja Furrer über ihr erstes Modeshooting in Paris spricht. Da war sie erst 14-jährig. Kein Zuckerschlecken.

Die erste Folge der «Schweizer Erfolgsgeschichten» hinterlässt einen schalen Nachgeschmack, weil Erfolg gleichgesetzt wird mit lauter schönen Eigenschaften. Schweizer Tugenden wie Fleiss, Disziplin und Anstand werden zum erfolgreichen und Erfolg garantierenden Exportprodukt. Und wer als Schweizer Erfolg hat, trägt grundsätzlich eine weisse Weste.

Wo bleiben die Unanständigen?

Aber was ist mit den Schweizerinnen und Schweizer, deren Erfolg gerade darin begründet ist, dass sie sich über die Schweizer Tugenden hinweggesetzt haben? Jene, die mit weniger Anstand reich werden, man denke hier an gewisse Führungspersonen in der Rohstoff- oder Finanzbranche. Oder jene, die sich erst gar nicht von unten nach oben arbeiten müssen, weil sie in reiche Familien und die entsprechenden unternehmerischen Kreise hineingeboren werden.

Das Publikum wird von diesem Auftakt zu einer neuen Fernsehserie eingelullt. Man lässt es glauben, dass unser Land lauter Leute hervorbringe, auf die man stolz sein könne – mit dem kaum zu überhörenden Unterton, dass all jene, die es nicht bis ganz nach oben schaffen, irgendetwas falsch gemacht haben.

Man darf gespannt sein, ob Erfolg in den nächsten Folgen eine andere als eine sehr geschäftliche und kompetitiv geprägte Dimension erhält, beispielsweise eine soziale.

Immerhin verspricht die nächsten Sendung ein etwas diverseres Bild: Es geht zum Käsen in die Mongolei. Carlos Marbach unterstützt dort lokale Käsereien. In der 3. Folge wird das Publikum unter anderem Hans Rudolf Herren kennen lernen, er ist Träger des Welternährungspreises.

Weitere Informationen zur Serie «Schweizer Erfolgsgeschichten – Grenzenlos gut» finden Sie hier.

Folge 1 können Sie hier schauen.

Die Folgen 2 und 3 werden jeweils am Freitag, 6. und 13. September, um 21 Uhr auf SRF 1 gezeigt.

Erstellt: 02.09.2019, 15:26 Uhr

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