Medienethiker kritisieren SRF für Sterbeszene

«Mona mittendrin» zeigt den Tod eines Mannes – ohne das Einverständnis der Angehörigen. Die Kamera hielt zudem zu lange drauf, finden Experten.

Mona Vetsch (r.) erlebt mit, wie ein Mann von den Rettungskräften nicht reanimiert werden kann. Medienethiker finden, dass SRF den schwierigen Alltag der Berufsfeuerwehr auch anders hätte thematisieren können. Screenshot: SRF

Mona Vetsch (r.) erlebt mit, wie ein Mann von den Rettungskräften nicht reanimiert werden kann. Medienethiker finden, dass SRF den schwierigen Alltag der Berufsfeuerwehr auch anders hätte thematisieren können. Screenshot: SRF

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In der SRF-Sendung «Mona mittendrin» erkundet Reporterin Mona Vetsch für 24 Stunden einen fremden Job. Am Donnerstagabend startete die zweite Staffel der Dokureihe mit einer Schicht bei der Berufsfeuerwehr Basel. Die Sendung sorgte schon vor der Ausstrahlung für Aufregung, weil der «Blick» aus einem vorab nur für Medien zugänglichen Video unerlaubterweise Bilder veröffentlichte. Dabei geht es um eine Szene, in der Feuerwehrmänner und Sanitäter einen Mann zu reanimieren versuchen.

Blick.ch heizte seinen Lesern zusätzlich ein und fragte: «Ist das Service public oder nur pietätlos?» Der Fernsehsender reagierte prompt und forderte die Löschung der Bilder. Der «Blick» kam dem nach und behauptete, dass die Szene dafür stärker verpixelt wurde. SRF indes schreibt, dass man selbst entschieden habe, weniger Details zu zeigen.

Die umstrittene Szene wurde am Donnerstagabend auf SRF 1 ausgestrahlt. Nach einem Crashkurs und einem Eignungstest geht es für Mona Vetsch zuerst zu einem scheinbar verletzten Storch.

Mona Vetsch bei der Berufsfeuerwehr. Bild: SRF

Zum zweiten Einsatz wird die Feuerwehr während des gemeinsam gekochten Mittagessens gerufen: Sie müssen eine offenbar leblose Person aus der Toilettenkabine in einem Migros-Restaurant befreien.

Die Reporterin erlebt hautnah mit, wie ein Mann von Feuerwehr und Sanität rund zwölf Minuten lang reanimiert wird. Die Kamera zeigt aber nicht nur die sichtlich aufgewühlte Mona Vetsch, sondern auch den Einsatz der Sanitäter, wobei der leblose Mann stark verpixelt und kaum erkennbar ist. Die Bemühungen der Rettungskräfte sind letztlich vergebens. Woran der Mann gestorben ist, weiss die Feuerwehr nicht und erfährt auch der Zuschauer nicht.

Medienethiker: Szene früher beenden

«SRF zeigt, wie ein Mann stirbt. Ist das Service public oder nur pietätlos?», fragte der «Blick» zu dieser Szene. Die Leser sind sich darüber nicht einig, ein Drittel meint, dass man das im öffentlichen Fernsehen nicht zeigen sollte, ein Drittel sieht kein Problem, und das letzte Drittel wählte die Antwort: «Es kommt sehr auf die Umsetzung und die Umstände an.»

Das ist auch für Medienethiker Vinzenz Wyss der Fall. Er ist leitender Journalistik-Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und sagt, dass technisch sauber gearbeitet worden sei, weil die Person verpixelt wurde und somit nicht identifizierbar ist. «Ich halte es für angebracht, dass man solche Szenen zeigt, um die schwierige Arbeit der Feuerwehr zu vermitteln», sagt Wyss zum thematisierten Vorfall.

Das Zeigen hätte nach seiner Ansicht jedoch früher beendet werden müssen. «Der Moment des Sterbens eines Menschen betrifft immer dessen Intimsphäre, und Journalisten sollten grundsätzlich darauf verzichten, sterbende Menschen zu zeigen», erklärt der Professor. «So sieht es auch der Journalistenkodex vor.» Für ihn hätte SRF diese Szenen nicht bis zum letzten Moment zeigen müssen, um zu vermitteln, mit welch psychisch belastenden Situationen die Feuerwehr konfrontiert ist. «Es reicht, danach zu sagen, dass die Reanimation erfolglos blieb, und das durch das Gespräch mit der Feuerwehr aufzufangen.»

Feuerwehr und Sanität versuchen, den Mann zu reanimieren. Screenshot: SRF

Die Redaktion müsste auch bei einem hohen öffentlichen Interesse am Thema dennoch abwägen, wie das Zeigen auf die Angehörigen wirkt. «Eine verantwortungsethische Entscheidung muss auch die Interessen der Angehörigen miteinbeziehen.» Dass SRF diese nicht angefragt hat, findet Wyss irritierend.

«Ein Warnhinweis könnte vorbeugen»

Die SRF-Medienstelle rechtfertigte sich schon vor der Ausstrahlung der Sendung gegenüber Onlinemedien, dass Feuerwehr und Fernsehen aus Gründen des Personenschutzes keine Angaben über die Identität des Verstorbenen erhalten hätten, deshalb sei es nicht möglich gewesen, die Angehörigen anzufragen.

Die Schwester des Verstorbenen bestätigt gegenüber dem «Blick», der sie aufgespürt hat, nie etwas von SRF gehört zu haben. Über den Ausschnitt in «Mona mittendrin» sagt sie zu Blick.ch: «Ich bin schockiert, dass es niemand stossend fand, diese Szene zu drehen. Wieso unterbrach man den Dreh nicht?»

Dominique Strebel, Studienleiter und Medienethik-Dozent am MAZ, meint zum Fall: «Zum Schutz der Angehörigen gehört, ihnen keine Details über die Umstände des Todes des betroffenen Mannes vor Augen zu führen.» Auch dürfen die Zuschauer nicht durch Szenen überrascht werden, die sie eigentlich gar nicht sehen wollten. «Dem könnte man zum Beispiel mit einem Warnhinweis vorbeugen. Auf jeden Fall sollte die Empfindlichkeit der Betrachter geschützt werden», sagt Strebel zu 20min.ch. Schliesslich spreche der sogenannte Abstumpfungsmechanismus gegen die Ausstrahlung der Szene.

Dafür können hingegen laut Strebel allfällige öffentliche Interessen sprechen. Hier werde etwa der teils heftige Alltag der Feuerwehrleute mit der Szene dargestellt, und der Tod werde enttabuisiert. Ein kurzer Einblender des verpixelten Mannes hätte dafür aber gereicht.

SRF sieht keine Fehler

Hatte sich SRF überlegt, die Szene nicht zu zeigen, weil man die Angehörigen nicht anfragen konnte? Weshalb hat SRF die Szene in dieser Form gezeigt? Wurde diskutiert, ob man die Szene auch ohne Bilder der verpixelten Person zeigen könnte? Weshalb wurde kein Warnhinweis eingeblendet? Auf diese Fragen nimmt SRF nicht einzeln Stellung, sondern reagiert mit einem Statement von Daniel Pünter, Leiter Dokumentarfilm und Reportage:

«Die publizistischen Leitlinien wurden nicht verletzt. Wir sind uns unseren Richtlinien sehr bewusst und gerade darum haben wir die Person vollständig unkenntlich gemacht. Das Publikum sieht in der SRF-Sendung keinen Menschen sterben. Die Redaktion hat während der Dreharbeiten und in der Nachbearbeitung mit grösster Sorgfalt darauf geachtet, die Würde des Verstorbenen zu wahren und seine Identität zu schützen.»

Aufarbeitung in der Sendung

In der Sendung «Mona mittendrin» wird das Thema nach dem Vorfall weiterführend besprochen. Mit einem Feuerwehrmann tauscht sich Vetsch über das Erlebte aus:

Zurück in der Einsatzzentrale fragt die Reporterin nach, wie die anderen Feuerwehrmänner mit solchen Vorfällen umgehen. «Das war ein heftiger Einstieg für dich», sagt Leutnant Thomas Nyffeler. «Das ist unser Leben, es ist tragisch, aber man muss auch eine gewisse Distanz einhalten und sich eine Mauer, einen geschützten Rahmen aufbauen. Sonst geht man kaputt.»

Man werde dadurch weder kaltschnäuzig noch zynisch, die einzelnen Fälle vergesse man nie. Er erinnere sich noch an jeden Toten in den letzten 25 Jahren, aber man dürfe das nicht zu nahe an sich herankommen lassen, das nicht immer mit nach Hause nehmen.

Drei Feuerwehrmänner begleiteten Mona Vetsch durch ihre Schicht. Sie besprachen mit ihr den Todesfall. Bild: SRF

Nach einem Schnitt ist Mona Vetsch ihr stehen gelassenes Mittagessen am Aufwärmen, der Alltag bei der Berufsfeuerwehr geht weiter.

«Das ist heuchlerisch»

Blick.ch hat der Szene am Tag nach der Ausstrahlung einen neuen Dreh gegeben: Das Boulevardmedium publizierte Namen und Bilder des Verstorbenen. Nachdem man sich im Vorfeld noch über das pietätlose Verhalten von SRF empört hatte, liess man beim «Blick» dann alle ethischen Bedenken fallen und setzte sich über die Privatsphäre des Toten hinweg.

«Das hat mich sprachlos gemacht», sagt Journalistik-Professor Wyss zum Verhalten des «Blicks». «Das ist für mich heuchlerisch.» (anf)

Erstellt: 15.11.2019, 17:05 Uhr

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