«Stranger Things» entdeckt den Splatter

Immer grössere Monster, immer gewaltigere Übel: Die dritte Staffel der Netflix-Serie stösst an ihre Grenzen.

In «Stranger Things 3» werden Stereotypen und narrative Klischees bis an die Schmerzgrenze überzeichnet. Foto: Netflix

In «Stranger Things 3» werden Stereotypen und narrative Klischees bis an die Schmerzgrenze überzeichnet. Foto: Netflix

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Der Sommer beginnt mit Synthie-Arpeggien. Es ist Ferienzeit in der fiktiven Kleinstadt Hawkins im Mittleren Westen der USA. In schnellen Schnitten ziehen Baywatch-Badeanzüge im Schwimmbad vorbei, im Neonlicht strahlt der Eiscreme-Laden des neu eröffneten Einkaufszentrums. Dann bricht Roger Daltreys Stimme durch die Synthie-Wolken: «It's only teenage wasteland!» Und damit ist eigentlich alles gesagt. Der Trailer zur dritten Staffel der Netflix-Erfolgsserie «Stranger Things» ist ein guter Trailer: Er verrät nichts und macht doch unmittelbar deutlich, um was es hier gehen soll. Ein Sommer könne alles verändern, brennt in roten Buchstaben über den Bildschirm. Und Mike, eines der beinahe kultisch verehrten Serien-Kinder sagt: «Wir sind keine Kinder mehr.»

Dass «Baba O'Riley» von The Who, der Song aus dem Trailer, eigentlich von 1971 ist, spielt im Nostalgie-Schmelztiegel von «Stranger Things» überhaupt keine Rolle mehr. Zwei Staffeln lang haben das Regie-Brüderpaar Matt und Ross Duffer alles zusammengerührt, was ein prä-digitales Kinderzimmer an popkulturellen Erinnerungen hergibt. Die dritte Staffel heisst nun nach der Logik des guten alten Blockbusterkinos schlicht «Stranger Things 3».

Der Trailer zu «Stranger Things 3»: «Wir sind keine Kinder mehr»: Der Trailer verrät nichts und macht doch deutlich, worums geht. Quelle: Netflix

Es ist 1985 und die Serie ist in ihrer Knutsch-Pop-Phase angelangt. Aus jedem Tapedeck, jedem Ghettoblaster und jedem Autoradio quillt der pubertäre Herzschmerz. Alles ist grösser, bunter, dramatischer. Womit man auch schon bei der Krux der dritten Staffel angelangt ist. In ihrer cinephilen Verliebtheit haben die Duffer-Brüder ihre Serie an die Dramaturgie der klassischen Popcorn-Kinotrilogien der Achtziger angelehnt. «Star Wars». «Indiana Jones». «Back to the Future». Der erste Teil ist die Exposition, die Heldinnen und Helden werden eingeführt. Im zweiten Teil kommt der Bruch, alles wird düsterer, kaputter, die Welt ist im Arsch. Und der dritte Teil? Braucht den Overkill. «Stranger Things 3» steht demnach vor einem Problem: Wie schafft man das immer grössere Monster, das immer gewaltigere Übel?

«Stranger Things» hat von Beginn an mit Nostalgie, Stereotypen und narrativen Klischees gearbeitet. Nun werden sie bis an die Schmerzgrenze überzeichnet. Den «mad scientists» stehen dicke Schweissperlen auf der Stirn, wenn sie die Schlüssel umdrehen, die ihre Höllenmaschine starten. Gefährliche Apparate leuchten rot auf, bevor sie explodieren. Böse Soldatenmänner würgen Untergebene mit schwarz behandschuhten Händen. Und fiese Bürgermeister rauchen fette Zigarren.

Körper platzen, Knochen schmelzen

Der Popkultur-Pastiche von «Stranger Things» ist ja im Grunde nichts anderes als eine Verwurstung der archetypischen Heldenreise, wie sie auch Steven Spielberg mit kindlichem Entdeckergeist immer wieder neu erzählt hat. Spielberg bleibt ein Fixpunkt, wenn auch die dritte Staffel einen grossen Satz in Richtung Splatter macht. «Stranger Things 3» ist blutiger, Körper platzen, Knochen schmelzen. Es gibt einige gar nicht subtile Verweise auf das Genre des Zombiefilms. Gleich in der ersten Folge schleichen sich die Kids in das neue Kino des Einkaufszentrums, um dort heimlich George A. Romeros «Day of the Dead» zu schauen.

Intellektuell herausfordernd ist an dieser Serie natürlich nichts. Dass «Stranger Things» in seiner dritten Staffel trotzdem noch Spass macht, liegt vor allem am erzählerischen Geschick der Serie. Es sind eben nicht die Schockeffekte oder die Monsterhatz, die einem in Erinnerung bleiben, sondern die kleinen, leisen Nebengeschichten. Da ist Mikes Schwester Nancy, die sich als junge Journalistin gegen den übel mackernden Boys' Club der Redaktion durchsetzen muss. Oder die telekinetisch begabte El, die sich frei macht von den überfürsorglichen Männern in ihrem Leben. Sie tanzt zu Madonnas «Material Girl» und sagt: «Ich mache meine eigenen Regeln.» Wie «Stranger Things» diese emanzipatorischen Narrative in die nach vorne stürmende Handlung einwebt, erzeugt hinter all den neongrellen Oberflächen doch eine subversive Kraft.

So ist auch das neue Einkaufszentrum nicht nur Dreh- und Angelpunkt der Handlung, sondern auch in sich eine destruktive Kraft, die das Leben in der Stadt verändert. Es zieht die Leute von Hawkins in dieses leuchtende Zentrum des Konsums. Die kleinen Läden aber sterben aus. Eine einsame Amerikaflagge weht vor zugeklebten Ladenfronten. Auch die Serie selbst ergibt sich scheinbar dem Immer-Mehr dieses Leistungswettstreits. Denn am Ende gibt es natürlich doch wieder eine noch grössere Verschwörung, ein noch gewaltigeres Monster. Das eigentliche Ungeheuer aber, das am Horizont dieser Achtzigerjahre-Kleinstadtidylle lauert, ist der entfesselte Kapitalismus.

Erstellt: 07.07.2019, 15:02 Uhr

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