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Streaming – das bessere Fernsehen?

Netflix hat mittlerweile mehr als 100 Millionen Kunden und macht sich daran, den chinesischen Markt zu erobern. Weil Geld und Kreativität aufeinandertreffen, bieten die Streamingdienste eine hohe Qualität.

Netflix-Abonnenten bestens bekannt: Bob Odenkirk als Jimmy McGill in der preisgekrönten Kriminalserie «Better Call Saul». Foto: Lewis Jacobs (AMC)
Netflix-Abonnenten bestens bekannt: Bob Odenkirk als Jimmy McGill in der preisgekrönten Kriminalserie «Better Call Saul». Foto: Lewis Jacobs (AMC)

Es liegt in der Natur der Zeit, dass wir sie nicht erfassen können, während sie vergeht. Erst abgelaufene Zeit gerinnt rückblickend zu etwas, das einen Anfang oder ein Ende haben mag. Manchmal ahnt man aber auch, dass man sich ­gerade in einem Abschnitt befindet, der, wenn er einmal zur Vergangenheit ­geworden ist, als ungewöhnlich gelten wird.

So erleben wir derzeit so etwas wie eine goldene Ära der Streamingunterhaltung, weil sich einige Firmen im kreativen Wettbewerb miteinander befinden, so wie einst die grossen Hollywood-Studios. Es geht ihnen dabei nicht nur um die absoluten Zuschauerzahlen, sondern darum, ein möglichst spannendes Programm zu bieten – um im Gespräch zu bleiben oder überhaupt erst ins Gespräch zu kommen. Denn heute werden die Marktanteile gewonnen, die in fünf oder zehn Jahren über den Erfolg der Unternehmung entscheiden könnten.

Am vergangenen Wochenende meldete Netflix, eine magische Grenze überschritten zu haben: Weltweit abonnieren nun 100 Millionen Menschen den Dienst. Am Mittwoch wurde die Expansion nach China angekündigt, ein riesiger Markt, potenziell weitere 100 Millionen Neukunden, was die Entwicklung befeuern dürfte, denn mehr Abonnenten bedeuten mehr Investment in Serien und Formate.

Eine Fernbedienung mehr

Als der Streamingdienst Netflix in die Schweiz kam, waren viele Beobachter skeptisch: Da man hierzulande seine Gebühren so oder so bezahlen und bereits mit gegen 90 Sendern auf der Fernbedienung zu kämpfen hat, hielt man das Bedürfnis der Menschen nicht für riesig, noch eine Fernbedienung auf den Couchtisch zu legen und seine Kreditkarteninformationen einem weiteren Anbieter anzuvertrauen.

Tatsächlich sieht es aber derzeit so aus, als könnte dies eine Fehleinschätzung gewesen sein. Das liegt nicht nur an den vielen Serien von hoher Qualität, die man dort zu sehen bekommt. Auf Nachrichten und aktuellen Sport muss man zwar noch verzichten (Amazon ist derzeit stark an Livesport interessiert), aber im Grossbereich Kultur und Unterhaltung werden Netflix und Amazon Prime zum Vollprogramm. Eine reichhaltige Auswahl für Kinder, die an reg­nerischen Sonntagen bespielt werden wollen, findet sich neben Shows und Dokumentationen. Eine parallele Fernsehwelt, die man im Grunde kaum noch verlassen muss. Es sei denn, der Kühlschrank leert sich.

Vor wenigen Tagen zum Beispiel präsentierte Netflix das neue Programm des Stand-up-Comedians Louis C. K., lange einer der Stars des Bezahlsenders HBO. Louis C. K. gehört wohl zum Besten, was man derzeit an Comedy sehen kann. Hierzulande ist er noch weitgehend unbekannt. Seine englischen Witze – sie werden auf Netflix deutsch untertitelt – bewegen sich auf einem Humorlevel, der manchen Zuschauer überfordert, der nicht weiss, ob er gerade lachen oder entsetzt die Luft einsaugen soll.

So wie Louis C. K. früher bei HBO zu sehen war, wechselte Jeremy Clarkson nach seinem Rausschmiss von der BBC mit seiner Auto-Comedy-Show zu Amazon, wo er sein Unwesen nun noch viel extremer treiben darf. Die Streamingdienste liefern sich einen regelrechten Wettbewerb um Stars, die ihre Fans mitziehen.

Serien, von denen man früher nur in der englischsprachigen Presse las, werden einem auf diesem Weg ebenfalls zugeführt: Derzeit ist die BBC-Abenteuer-Serie «Taboo» auf Amazon Prime zu sehen, die jeweils dritte Staffel von «Fargo» und «Better Call Saul» auf Netflix. Dazu anspruchsvolle Dokureihen wie «Five Came Back» oder «Abstrakt» – man kommt kaum noch hinterher, wenn man ab und an noch Nachrichten sehen oder gar ein Buch lesen möchte.

Wie einst New Hollywood

Der Effekt dieser ungewöhnlichen Produktionsschwemme: Bei Abendkonversationen in gentrifizierten Milieus, in denen vor wenigen Jahren noch bemäkelt wurde, man könne Filme im Original oder coole Serien ausschliesslich auf DVD aus den USA bestellen, wird nun über Louis C. K. gelacht oder über den schmierigen Anwalt Saul Goodman diskutiert. Auf diese Weise entsteht derselbe Gruppendruck wie bei Diskussionen über Fussball – nur dass die Gruppe sich exklusiver fühlen darf. Und bei anderen wächst die Sorge, etwas zu verpassen.

Der Aufstieg der Streamingdienste hat eine kreative Phase eingeläutet, die man rückblickend mit dem sogenannten New Hollywood vergleichen kann. In den 70er-Jahren brach das herkömmliche Produktionssystem der US-Studios zusammen. Die Kinos brauchten neue Inhalte, woraufhin die wildesten Kreativen Zugänge zum Distributionssystem bekamen. Es entstanden kommerziell erfolgreiche Kunstfilme wie «Der Pate» oder «Taxi Driver». Diese Phase endete, als mit «Star Wars» das Blockbuster-Kino mit angehängter Merchandising-Verwertungskette seinen Siegeszug antrat.

Geld und Kreativität sind sich im Kino danach nie wieder so nah gekommen, wie es derzeit beim Streaming der Fall ist. Allein Amazon will in diesem Jahr 4,5 Milliarden Dollar in Filme und Serien investieren. Auch deswegen wird gerade in der EU eine Richtlinie erarbeitet, die in eine Art Quote münden soll, um europäische Produktionen zu fördern. Wer mal in die deutsche Amazon-Serie «You Are Wanted» hineingesehen hat, ahnt, dass das keine gute Idee ist.

Abgesehen von der überlegenen Produktionstechnik der US-Amerikaner ist Streaming eben nicht Fernsehen. Der «Tatort» muss konzipiert sein für Menschen mit Altersweitsicht – und deren Enkel gleichermassen. Die einen sollen noch folgen können, die anderen nicht sofort ins Gähnen verfallen. Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist statt Spitze Breite gefragt.

Baz Luhrmann zum Beispiel, einer der wenigen Regisseure, die noch sehr spezielles Kino mit grossem Budget drehen konnten («Moulin Rouge», «Der grosse Gatsby»), fand im vergangenen Jahr auf Netflix eine neue Heimat. Vor drei Wochen wurde der zweite Teil seiner Hip-Hop- Serie «The Get Down» freigeschaltet, die Luhrmann mit grossem Aufwand zu einem bunt schillernden Popkultur-Telekolleg hochgejazzt hat. «The Get Down» wendet sich an eine sehr spezielle Schnittmenge von Menschen, denen Kendrick Lamar und «Ein Käfig voller Narren» gleichermassen gefällt. Viele können das nicht sein.

Alternative Fernsehwelt

Wie viele Menschen es tatsächlich sind, darüber geben leider weder Netflix noch Amazon Auskunft, die Abrufzahlen von Louis C. K. und «The Get Down» bleiben unbekannt. Doch wie gross die Liebe zu einzelnen Stars oder Serien ist, wird irgendwann hinter der Frage zurücktreten müssen, wie sich die Abonnentenzahlen der Dienst in der Folgezeit entwickeln. Ob für die Anbieter der alternativen Fernsehwelt langfristig ein tragfähiges Geschäftsmodell daraus entsteht. Derzeit wird bei Netflix & Co. vor allem viel investiert.

Vielleicht wird Streaming einmal das bessere Fernsehen. In der Rückschau könnte es aber auch so aussehen, dass jetzt, wo viel Geld auf ungewöhnliche Ideen trifft, ein Kanon entsteht, der in 10, 20 oder 30 Jahren als Ergebnis einer kurzen, überschäumenden Kreativität angesehen wird – immer und immer wieder. Als Wiederholungsschleife einer goldenen Zeit.

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