«‹Tagesschau› hat man früher mit den Grosseltern geschaut»

Jugendliche wenden sich immer mehr von klassischen Medien ab. Deshalb lohnt sich, hinzuhören und zu verstehen, warum.

TV und Radio war gestern. Heute wollen die Jungen etwas anderes. Was, das diskutierten die Gäste des SRF-«Medienclubs» «Junge – verzweifelt gesucht!». Quelle: SRF


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Wie konsumieren junge Menschen Medien? Zum Einstieg in den gestrigen Medienclub hat SRF seinen Reporter nach Visp an die Berufsschule geschickt. «Snapchat, Instagram, Whatsapp», bekam er als Antwort. Facebook? «Langweilig.» Nachrichten? «‹20 Minuten› reicht.» «‹Tagesschau hat man früher immer mit den Grosseltern geschaut.» In your face, könnte man im Jugendslang dazu sagen.

Dass klassische Medien wie Zeitung, Radio und TV bei den Jungen an Bedeutung verlieren, ist keine brandneue Erkenntnis. Doch nun sind Verleger und Journalistinnen offenbar an einem Punkt angelangt, wo sie neue Erkenntnisse brauchen, wollen sie das junge Publikum nicht vollständig verlieren. Und so trifft man sich bei Moderator Franz Fischlin an der weissen Theke.

Zuhören, lernen

Nah am Puls der Jungen ist Digitalexpertin Sandra Cortesi von der Harvard University. Sie begleitet das «Youth Lab» der Pendlerzeitung «20 Minuten». In diesem diskutieren Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren mit der Chefetage über ihren Medienkonsum. «Zuhören und viel dabei lernen», lautet Cortesis Devise. Fischlin will erste Erkenntnisse hören. Wo haben News im Alltag von den Jungen noch Platz? Cortesi liefert: bei der Morgentoilette im Bad – da müsse man auf Audio setzen –, beim Warten an der Haltestelle, in der Pause oder am Abend. Wo holen sie die News her? Aus den sozialen Medien. Wieso? «Jugendliche sind dort, wo es für sie relevant ist» und sie auch sehen und hören, weshalb etwas für sie relevant ist. Was als News gelte, würden die Jungen dabei selbst definieren. Das könne auch Gaming oder das Wetter sein.

Schrecklich findet das Wissenschaftler Mark Eisenegger, Professor der Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich und Institutsleiter des «FÖG», der mit einem Wortbeitrag eingeblendet wird. Im Internet gebe es zu viele Softnews. Hardnews würden zu wenig konsumiert. Zahlen des FÖG zeigen: In den letzten zehn Jahren ist der Anteil News-Deprivierter unter den 18- bis 29-Jährigen von 32 auf über 50 Prozent angestiegen – dramatisch. Die Jungen seien nicht mehr genügend gut informiert, um an die Urne zu gehen. Dazu gab es keine Zahlen.

Vorbild Influencer

Doch Maurice Thiriet, Chefredaktor Onlineportal «Watson», hält so oder so nichts vom eiseneggerschen Gütesiegel der Hard- und Softnews. Fischlin versucht sich provokativ dazwischenzuschalten, wirkt dabei aber gewohnt zu nett – aber die 10 schönsten Hintern, wie gehen die denn zusammen mit einem Erklärstück über Parteipolitik? Gut, findet Thiriet. Gut gingen die zusammen. Denn schöne Hintern – diese bedienten die subjektive Relevanz – führten den Leser zu dem, was wirklich relevant sei.

Um das Relevante gut rüberzubringen, hier sind sich Eisenegger und die Gäste einig, sollte man auf Personalisierung und Emotionalisierung setzen. Ganz nach dem Vorbild der Influencer. Sie sind Absender, die nahbar und lebensnahe seien. Ihnen könne man Kommentare schreiben, die auch beantwortet würden – nicht so wie bei Journalisten, wo das Feedback laut Jugendlichen oft nur dürftig sei. Die User können Inhalte liken, sharen, resharen, aktiv am Geschehen teilnehmen, sich mit den Absendern identifizieren. Durch diesen Austausch entstehe Vertrauen. Das hätten noch nicht alle Medienschaffenden verstanden.

«Das Internet ist mehr als Katzenvideos»

«Früher kamen die Leute zu einem, stellten den Fernseher ein. Heute ist es andersrum: Man muss hingehen, wo die Jungen sind.», ist SRF-Journalistin Sara Maria Manzo überzeugt. Und dabei müssten sich Journalisten auch gar nicht zu niederen Inhalten herablassen. Cloé Jans, Politikwissenschaftlerin, Forschungsinstitut GFS Bern. Sie stellt anhand von Umfrageergebnissen immer wieder fest, dass Junge weiterhin an schwierigen und politischen Themen interessiert sind und aus ernsten Themen keine Party machen wollen.

Stattdessen müsse man starke Geschichten stark erzählen, so Manzo. Sie selbst entwickelt für SRF neue Formate und weiss: Wenn gut erzählt werde, bleibe das Publikum auch länger als zwei Minuten am Video kleben. Um das zu erreichen, müsse man sich jedoch etwas einfallen lassen, sich in den Zustand des Users hineinversetzen, in welchem er sich im Netz bewege. Die richtige Sprache wählen, ergänzt Jans. Junge Leute hätten Ansprüche an Qualität im Internet. Schlecht Produziertes komme schlecht an, nicht nur thematisch, auch visuell. Das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft, so Manzo.

Trotz eines Themas, das nicht neu ist: Der gestrige Club war ein Lehrstück, und zwar nicht nur für Journalisten und Verleger. Diese erhielten zwar eine gute To-do-Liste mit auf den Weg. Doch die Sendung war auch ein weiter gefasster Appell, die Jungen ernst zu nehmen anstatt auf sie als uninteressiertes Übel herabzuschauen. Und für jene, die es noch immer nicht glauben: Soziale Medien sind nicht einfach blöd.

Dies konnten die Gäste glaubwürdig vermitteln – gestützt auf Zahlen und ihre Arbeit in der Praxis für und mit Jugendlichen – und waren sich dabei ihrer eigenen Verantwortung bewusst. Auch Selbstreflexion und -kritik kam dabei nicht zu kurz. Thiriet weiss mittlerweile, dass es trotz schönen Hintern schwierig ist, Jugendliche von so vielen verschiedenen Kanälen auf den eigenen, «Watson», zu locken. Und wo man die Leute dafür einsammeln müsse, das ändere sich ständig. Wo sie aber sicher nicht mehr sind: neben Grosi vor dem Fernseher.

Erstellt: 17.10.2018, 12:31 Uhr

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