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TV-Kritik: Als Kind die kranke Mutter pflegen

Eine SRF-Dok begleitet Kinder und Jugendliche, die ihre Eltern und Geschwister umsorgen. Der Film berührt, beeindruckt und lässt Fragen offen.

Sarah macht Wäsche. Die Mutter liegt auf dem Sofa. Polyarthritis, unerträgliche, lähmende Schmerzen. Auch bei der Körperpflege hilft Sarah. Nur hochheben könne sie die Mutter nicht. Sarah ist 12.

«Trink noch ein bisschen», sagt sie zur Mutter, das sei wichtig. Die Mutter mag nicht. «Doch, trink» – der Rollentausch ist unerträglich mitanzusehen.

Nachdenken gebe es in solchen Situationen nicht, sagt Sarah. Auf was für Gedanken sie ansonsten kommen würde, will die Reporterin wissen. Genau daran will Sarah nicht denken. Sarah will helfen.

Sarah sei von klein auf in ihre Rolle hineingewachsen, so Agnes Leu. Sie leitet das Forschungsprogramm «Young Carers» am Careum in Zürich. Die 12-Jährige ist damit nicht allein, wie eine Onlinebefragung des Careums zeigte. Rund acht Prozent aller Kinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren sind sogenannte Young Carers. Sie kümmern sich um erkrankte oder beeinträchtigte Eltern, Geschwister oder Grosseltern. Ein Gang mit aufs Amt, Trost spenden, im Haushalt mithelfen oder pflegen. Das Spektrum ist breit. Oft weiss niemand davon ausserhalb der Familie. Ausser vagen Zahlen – die vermutete Dunkelziffer nicht eingerechnet – gibt es wenig Informationen zum Thema. Das möchte Leu mit ihrer Forschung ändern.

Mehr als ein Ämtli

Sie sagt: Solange es ein Ämtli bleibt, sei es in Ordnung. Zynisch? Ämtli ist nicht gleich Ämtli. Gerade der Fall von Sarah zeigt das sehr eindrücklich. Denn mit jedem Ämtli schwingt die Angst mit, das zeigt der Film deutlich auf. Sarah macht viel gegen ihre Angst um die Mutter: kochen, backen, putzen, der Mutter ein tröstendes Plüschtier in den Arm drücken.

Nur einmal kommen Sarah die Tränen. Als sie erzählt, dass sie beim Reitunterricht einfach mal sein kann, sich selbst sein kann.

Der Film ist nahe dran an den Protagonisten, begleitet sie durch ihren Alltag. Neben Sarah kommen noch zwei weitere Young Carers zu Wort. Joël (15), der sich um seine zwei Brüder mit Trisomie 21 kümmert. In seiner Familie ist der Alltag laut, lebendig. Joël sei ein Leader, findet die Mutter. Er wirkt selbstbewusst und zufrieden. Ganz anders war es bei Anja. Als sie 12 war, erkrankte ihre Mutter an Hepatitis C. 10 Jahre später starb sie. Anja pflegte, war Mutterersatz. Eine Grenzerfahrung.

Der Film hinterlässt Bewunderung für diese jungen Menschen, für die Kinder, die ihre Angehörigen pflegen. Gleichzeitig hinterlässt er ein gewisses Unverständnis darüber, wie die Erwachsenen und Behörden rundherum dies zulassen können. Denn die Ängste, welche die Kinder durchleben, werden sie wohl länger als die Krankheit der Eltern begleiten.

Freie Wahl?

Diejenigen, die pflegen oder gepflegt haben, erzählen, wie sie an ihren Aufgaben und der Situation gewachsen sind. Karin Gäumann-Felix von der Höheren Fachschule für Pflege in Olten, streicht heraus, dass man Young Carers nicht «negativieren» soll. Jemanden zu pflegen und zu unterstützen, kann auch Positives haben. Familienbeziehungen seien stärker, Kinder werden schneller selbstständig. Das mag stimmen unter diesen Umständen. Doch hätten sich die Kinder diese Umstände freiwillig ausgesucht, nur um an ihnen wachsen zu können? Wie freiwillig kann man tatsächlich entscheiden, ob man helfen will oder nicht? Diese Fragen bleiben offen.

Ebenso lässt der Film unbeantwortet, wie es sich mit der rechtlichen Lage verhält. Darf man, juristisch gesehen, Kinder solchen Extremsituationen aussetzen?

Was geschieht, wenn Kinder oder Jugendliche mit ihren Sorgen um Angehörige an Institutionen herantreten und ihnen dort keine angemessene Hilfe geboten wird? So geschehen im Fall von Anja und ihrer Schwester. Die Mutter ertränkte die Ausweglosigkeit ihrer Hepatitis-C-Erkrankung im Alkohol.

Doch die Young Carers selbst wollten kein Mitleid, sondern Anerkennung und Wertschätzung für ihren Einsatz, sagt die Stimme weiter.

Der Film hinterlässt den Eindruck, dass das eigentlich nicht reicht. Nicht reichen darf. Der Film weckt auf und lässt hoffen, dass Gesellschaft und Politik der Einladung folgen, welche die Stimme aus dem Off ausspricht: Politik und Gesellschaft sollen handeln, den Kindern und Jugendlichen, die pflegen, zur Seite stehen und sie unterstützen.

Wie genau? Finanzielle Unterstützung für externe Pflege, finanzielle Abgeltung für die Kinder und Jugendlichen, die pflegen, Spitex, Psychologen, Unterstützung in der Schule, Hilfe im Haushalt – konkrete Vorschläge, wie die Young Carers tatsächlich entlastet und von ihren «Ämtli» ein Stück weit entbunden werden könnten, auch das bleibt der Film dem Zuschauer schuldig. Doch er rüttelt auf.

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