TV-Kritik

TV-Kritik: Der potenzierte Borowski

In Kiel regnets Rosen und bittere Pointen, und Sibel Kekilli ist auch dabei. Was kann man mehr von einem «Tatort» wollen?

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Der Zoom geht auf schwarz glänzende Lackschuhe, ein Schwenk auf feinnervige Pianistenhände, triumphale Klavierakkorde ertönen aus dem Off. Auf die Bühne fliegt ein Strauss Rosen, das Konzert ist vorbei, der Vorspann von «Borowski und der Engel» ebenfalls; und schon in diesen ersten drei Filmminuten hat der Regisseur Andreas Kleinert Opfer, mögliche Täter und mögliche Mordmotive präsentiert. Nur wissen wir das in dem Moment noch nicht. Doch als der junge Starpianist, Christian van Meeren (Martin Bruchmann), dann am nächsten Tag – in Minute 14 – in seinem Blut liegt, plattgemacht von einem SUV, um ihn verstreut ein Rosenstrauss, den er eben noch gekauft hat, wissen wir alles: wer, warum und wie. Aber das macht gar nichts, im Gegenteil: Jetzt geht der Krimi erst richtig los.

Denn Andreas Kleinert und Drehbuchautor Sascha Arango, beide Grimme-Preisträger, haben zum 10-Jahr-Jubiläum des Kieler «Tatorts» aus dem Krimiabend ein Kunstwerk à la Dürrenmatt gemacht: mit einem Kommissar, der philosophiert, spekuliert und sich irrt – Axel Milberg als sozusagen potenzierter Klaus Borowski, dessen erster Satz denn auch lautet: «Manche Morde bleiben unbemerkt»; mit einer Täterfigur voller Licht und Schatten, die am Ende tatsächlich verurteilt wird, jedoch nicht für ihre eigentlichen Verbrechen, sondern für einen Mord, den sie gar nicht begangen hat.

Die gestörte Schöne

Wie Lavinia Wilson da eine einsame, engagierte Altenpflegerin gibt, die ihre Persönlichkeit und ihre Zeugenaussage wechselt wie ihr Outfit, ist ganz grosses Kino. Zitiert ganz grosses Kino: Die gestörte Schöne verliert sich gern in Fünzigerjahre-Filmfantasien, wo perfekte Gentlemen mit zarten Blumenkleiderdiven Walzer tanzen. Und sie stylt sich für ihre eigenen Auftritte genau so – hohe Pumps, geblümtes Kleid, knallroter Mund. So ausstaffiert rennt sie auch zur Unfallstelle, rettet die Fahrerin des SUV, beatmet den Pianisten (vergeblich), wird zur Heldin von Kiel, verwandelt sich in die heimliche Verlobte des Toten (es gibt einige Parallelen zu «While You Were Sleeping» mit Sandra Bullock), verteilt Schuld und Trost und setzt eine mörderische Maschinerie in Gang.

«Lügen eigentlich alle?», wird Borowskis Assistentin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) im Laufe der Ermittlungen frustriert fragen. Und ja, alle tuns. Mal zur Selbst(er)findung, mal zur Wahrheitsfindung. «Wenns nun mal wahr ist»: Dieser Satz flottiert durch Kleinerts langsamen, bösen Walzer rund um die Unwahrheit. Überhaupt brilliert das Drehbuch mit bitteren Pointen, welche die Kamera in aller Ruhe auskostet. Kleinert hat keine Eile – er hat Stil. Und ein grossartiges Team: allen voran Milberg, der sich jüngst laustark über die «Tatorts» ab Stange beschwert hat, und die janusköpfige Wilson; aber auch den Klavierlehrer (Bruno Cathomas). Ab Stange war da nix bei diesem besten Anti-«Tatort» seit langem.

Erstellt: 29.12.2013, 21:45 Uhr

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